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TESTBERICHT
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Publikationsdatum
13. Dezember 2018
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MEDIEN

Mit der EOS R hat Canon den ersten Schritt in die Welt der spiegellosen digitalen Vollformatfotografie gewagt. Neben vielen typischen Canon-Qualitäten finden sich an der neuen Kamera aber auch etliche unverständliche Mankos bei der Ausstattung. Auf der einen Seite zeigt die Firma Mut, indem sie das Kamerakonzept überdacht hat und neue Bedienungselemente einführt, auf der anderen Seite hat man eher bestehende Technik aufbereitet als die Vorteile des spiegellosen Fotografierens richtig ausgenutzt.

Für das neue EOS-R-Bajonett sollen bis Ende Jahr vier RF-Objektive zur Verfügung stehen. Neben dem bereits erhältlichen Kit-Objektiv RF 24–105mm f/4 L IS USM und dem RF 50 mm f/1.2 L USM sind dies das RF 28–70 mm f/2 L USM sowie das RF 35 mm f/1.8 Macro IS STM.

Der 12-polige Anschluss des EOS-R-Bajonetts ermöglicht eine erweiterte Kommunikation zwischen Objektiv und Kameragehäuse sowie eine optimierte Datenübertragung, was laut Canon zu einer höheren Bildqualität und zu mehr Benutzerfreundlichkeit führt. Beim RF-Bajonettdurchmesser hat Canon die 54 mm des EF-Bajonetts beibehalten. Durch den Wegfall des Spiegels konnten hingegen das Auflagemasse von 44 auf 20 Millimeter reduziert werden. Dies bedeutet mehr Freiheiten beim Design von neuen Objektiven, besonders bei Lichtstärke und Weitwinkel.

Zudem erlaubt die schnellere Kommunikation zwischen Kamera und Objektiv mehr Daten in kürzerer Zeit auszuwerten und damit eine verbesserte Bildstabilisierung und Korrektur von optischen Abbildungs- und Beugungsfehler. Laut Canon stammen die Daten zur Linsen-Optimierung (DLO, Digital Lens Optimizer) neu aus den RF-Objektiven und müssen nicht mehr Kamera-intern aus einer Datenbank gelesen werden.

Dies könnte auch der Grund für das viel diskutierte Fehlen eines optischen Bildstabilisators im Gehäuse (IBIS) der EOS R sein. Darauf angesprochen verweist der Hersteller auf seine Objektive mit eingebautem Stabilisator. Doch besitzt nur die Hälfte der bisher angekündigten RF-Objektive einen solchen. Vor allem bei wenig Licht wäre er eine grosse Hilfe. Der Verzicht darauf mag für Canon seine Gründe haben, für den Anwender ist es einfach nur unverständlich, vor allem dann, wenn man sich bei den Kameras der Mitbewerber umsieht.

Etwas geschrumpft, aber Ähnlichkeiten sind noch vorhanden: Links das Canon-Schlachtschiff EOS 5D IV, daneben die neue EOS R.

Passt in die Hand

Wer die Canon-Spiegelreflexkamera EOS 5D IV kennt, könnte die EOS R für deren kleine Schwester halten. Schliesslich arbeitet in ihr ein sehr ähnlicher Sensor mit über 30 Millionen effektiven Pixeln. Sie verfügt jedoch über den neusten Digic-8-Bildprozessor, was zusätzliche Möglichkeiten eröffnet.

Während andere Hersteller den Wegfall des Spiegels konsequent ausnutzen und Kameras mit viel kleineren Abmessungen bauen, beharren Nikon und Canon weiter auf «Gehäuse-Boliden». Zwar ist die EOS R gegenüber einer 5D IV beinahe 2 cm niedriger, 15 mm kürzer und wiegt mit 660 Gramm ganze 230 Gramm weniger, aber unterschätzen sollte man ihre Abmessungen und das Gewicht dennoch nicht, vor allem nicht beim Einsatz mit grossen Optiken. EOS-R-Kamera und Kit-Objektiv RF 24–105 mm wiegen zusammen 1350 Gramm.

Mir lag die EOS R ausgezeichnet in der Hand, der Griff ist tief und sehr gut ausgeformt, kurz gesagt, er hat einfach das richtige Mass. Bei Händen durchschnittlicher Grösse bleibt auch der kleine Finger noch am Gehäuse und rutscht nicht unten durch. Ein Detail, auf das erstaunlich viele Fotografen grossen Wert legen und nur dafür in einen Batterie- oder Hochformatgriff investieren. Bei der EOS R ist dies nicht nötig. Auch grössere Objektive hält man sicher fest, und das Vollformat, auch wenn es jetzt spiegellos ist, verlangt noch immer nach voluminösen Objektiven, vor allem bei lichtstarken Gläsern.

Wie den meisten Profikameras fehlt auch der EOS R ein eingebautes Blitzgerät. Sie ist jedoch mit der übrigen Canon-Welt kompatibel. EOS-Systemzubehör und Speedlite-Blitzgeräte können an ihr angeschlossen werden. Sogar eine markenfremde PocketWizard-Funkfernsteuerung für Blitzgeräte harmonierte mit meiner EOS R, wenn auch nur im Automatikmodus.

Bei der Stromversorgung bleibt Canon beim langjährigen LP-E6-Typ, der für die EOS R in der neuen Version LP-E6N erscheint und auch per USB-Anschluss in der Kamera geladen werden kann. Leider ist diese Variante sehr wählerisch, was das USB-Ladegerät angeht. Von meinen drei Geräten funktionierte kein einziges. Hier möchte Canon wohl sein eigenes (teures) USB-Ladegerät PD-E1 verkaufen. Die normalen LP-E6-Akkus können in der EOS R verwendet, aber nicht per USB geladen werden.

Adapter sei Dank: Vorhandene EF-Objektive lassen sich mittels Zwischenstück an der EOS R andocken. Im Bild der Adapter mit dem neuen Objektiv-Steuerring.

Altglas-Verwertung

Nicht jeder Canon-Fotograf wird sich beim Erwerb einer EOS R gleich alle vier neuen Optiken zulegen wollen oder können. Dies ist auch nicht nötig, denn ein schon vorhandener Canon-Objektiv-Park lässt sich mit den EF-EOS-R-Bajonettadaptern weiterhin verwenden. Bereits erhältlich sind der normale «nackte» Adapter sowie die Version mit Objektiv-Steuerring, die ich zum Test erhielt. An beiden lassen sich EF- wie auch EF-S-Optiken anschliessen, jedoch keine EF-M-Objektive der APS-C-Kameraserie von Canon.

Die EF-EOS-R-Adapter selbst sind linsenlos. Sie überbrücken im Grunde genommen nur die unterschiedlich langen Auflagemasse von EF- und RF-Bajonett und übertragen die Anschlusskontakte.

So adaptierte ich gleich ein älteres EF 17–40 mm f/4.0 L, ein EF 24–70 mm f/2.8 L USM, ein EF 100 mm f/2.8 sowie das EF 70–200 mm f/4 L IS USM. Alle Objektive verhielten sich an der EOS R wie gewohnt und stellten beim Fotografieren ohne Murren und erstaunlich zügig scharf. Das RF 24–105 mm war jedoch klar schneller beim Fokussieren und vor allem leiser.

Dies fällt umso mehr beim Filmen auf. Da die älteren EF-Optiken noch fürs Fotografieren auf Film optimiert sind und weil von Videoaufnahmen mit Fotokameras damals noch keine Rede war, knarzten die Altgläser ziemlich laut während der kontinuierlichen Schärfenachführung beim Filmen. Sie fokussierten recht zuverlässig, nur bei längeren Brennweiten gab es ab und zu ein Schärfepumpen. In Schnelligkeit und Hörbarkeit mussten sie sich jedoch klar vom RF 24–105 mm geschlagen geben. Sobald ich auf dieses wechselte, herrschte wieder absolute Ruhe. Am besten filmt man mit älteren EF-Objektiven bei manueller Fokussierung und setzt ein externes Mikrofon oder einen separaten Audiorecorder zur Tonaufnahme ein.

Bestens kam ich auch mit dem Objektiv-Steuerring im EF-EOS-R-Bajonettadapter klar. Er erweitert die Einstellmöglichkeiten komfortabel, und damit sind wir bei den neuen Bedienungsmöglichkeiten der Canon EOS R.

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