18. Juni 2019 | seit 1999
TESTBERICHT
Seite 2 / 5

Fingertipp, Steuerring und Funktionsleiste

Wisch und weg: Mit der Funktionsleiste (oben links im Bild) führt Canon eine neue Bedienungsart ein.

Wer schon mal mit Canons EOS-Kameras fotografiert hat, wird auch die neue EOS R schnell beherrschen, nachdem er sich an ihre Neuheiten und Besonderheiten gewöhnt hat. So fällt gleich auf, dass auf der Rückseite das Canon-typische, grosse Einstellrad neben dem Display fehlt. Dafür gibt es auf der rechten Oberseite ein Schnell-Kontroll-Rädchen. Auch der Autofokus-Joystick ist verschwunden, dafür hat Canon die Bedienung über den Touch-Bildschirm durchgehend umgesetzt.

Über den acht Zentimeter grossen Bildschirm lässt sich nicht nur der Schärfebereich bestimmen, man scrollt damit auch zügig durch die Menü-Register und stellt Werte ein. Je nach Grösse der Wertefelder sind dazu jedoch spitzige Finger nötig. Natürlich kann man auch wie gewohnt mit Drehrad und Pfeiltasten hantieren. Dennoch habe ich manchmal den Joystick vermisst, der für mich einfach noch etwas griffiger ist.

Der Bildschirm besitzt 2,1 Millionen Bildpunkte, lässt sich ausschwenken und nach vorne drehen. Dies ist ein echtes Alleinstellungsmerkmal bei spiegellosen Vollformat-Kameras. Ideal für Selfie-Fans und Vlogger. Aber auch Fotografen und «normale» Videofilmer profitieren davon, erlaubt er doch Aufnahmen aus den unterschiedlichsten Blickwinkeln, ohne sich dazu allzu stark verrenken zu müssen. Und beim Transport klappt man einfach die Bildschirmseite nach innen und schützt sie so perfekt gegen Kratzer und Stösse.

Einmalig bei Vollformatkameras: Der aus- und umklappbare Touch-Bildschirm der EOS R – ideal für Selfies, Vlogger und andere Anwendungen.

Nach einiger Angewöhnungszeit konnte ich den Fokuspunkt per Fingertipp auf das Display oft schneller anpassen als früher per Joystick. Um dabei das Auge nicht vom Sucher nehmen zu müssen, klappt man den Bildschirm mit Touch-Bereich nach aussen um und fährt mit dem Finger darüber. Irgendwie hat dies bei mir nicht richtig klappen wollen. Dauernd verschob sich die AF-Bereichsanzeige und befand sich nie dort, wo ich wollte. Bis ich herausfand, dass auch noch meine grosse Nase mitspielte, mit der ich unbewusst die Markierung verschob!

Zum Glück lässt sich der aktive Touch-Bereich auf dem Display selber festlegen. Nachdem ich ihn vom rechten auf den unteren Bereich geändert hatte, war mein Finger und nicht die Nase Herr über den AF-Bereich.

Die EOS R verfügt über sagenhafte 5600 Autofokus-Positionen. Das AF-Feld lässt sich tatsächlich bis an die obere und untere Bildschirmkante schieben, am rechten und linken Rand bleibt noch ein schmaler Streifen AF-frei. Somit kann man direkt auf jede beliebige Stelle im Bild scharfstellen. Man muss nicht mehr wie bisher das gewünschte Motiv zuerst in die Bildmitte, bzw. in den eingeschränkten AF-Bereich der Kamera nehmen, Auslöser zur Fokussierung halb herunterdrücken, halten und danach den Bildausschnitt neu bestimmen. Man fokussiert gleich «richtig» aufs Motiv, auch wenn es sich am Bildrand befindet.

Der Befehl für die Autofokus-Verfolgung (AF-Tracking) ist unter der AF-Gesichts-Erkennung untergebracht, also nicht allein aufrufbar. Priorität hat das Gesicht, wählbar mit oder ohne Augenerkennung. Wird ein Gesicht und ein Auge erkannt, kann noch mit Fingertipp aufs Display oder per Pfeiltasten bestimmt werden, ob auf das linke oder rechte Auge scharfgestellt wird. Die Augenerkennung funktioniert gut, wenn beide Augen sichtbar sind. Sobald auch nur ein Auge durch einen Gegenstand etwas verdeckt war, konnte es die EOS R nicht mehr erkennen. Interessanterweise auch nicht das andere Auge mit freier Sicht darauf.

Ich habe im Selfie-Modus mein Gesicht erkennen lassen, dann ein Pelztier davor gehalten. Sofort fokussiert die Kamera darauf, ein Fingertipp aufs Tier und es wird zuverlässig beim Hin- und Herbewegen verfolgt. Ein Druck auf die Papierkorb-Taste «enttrackt» es wieder. Verschwindet das verfolgte Tier aus dem Bild und ist es für die Kamera nicht mehr sichtbar, wartet sie eine gewisse Zeit, hebt dann das Tracking von selber auf und markiert wieder das Gesicht.

Bei schnelleren Motiven hatte ich Mühe, diese manuell per Fingertipp zu markieren und verfolgen zu lassen. Hier kommt es sehr auf die Erkennbarkeit und den Kontrast des Motivs an. Erst als ich das «Servo AF-Ausgangsfeld» auf automatisch umgeschaltet hatte, wurde es besser. Die Kamera versucht auch, die Grösse des Motivs anzupassen, mit gemischten Resultaten. Ich denke, bei langsamen Motiven ist das AF-Tracking durchaus sinnvoll. Bei schnelleren bin ich mit händischer Motivverfolgung und Servo-AF besser gefahren.

Das manuelle Scharfstellen wird durch Bildvergrösserung, Fokus-Peaking oder Fokusassistenten unterstützt. Ich aktivierte das Fokus-Peaking, also die farbige Kanten-Anhebung und war wirklich positiv überrascht, wie gut damit die manuelle Scharfstellung gelang. Ich brauchte sie oft beim gezielten Freistellen von Motiven. Der Fokusassistent zeigt einem mit kleinen Pfeilsymbolen an, in welcher Richtung und wie weit man den Fokus anpassen muss. Ist die Augenerkennung aktiv, wird ein Führungsrahmen in der Nähe von erkannten Augenpaaren angezeigt und so das manuelle Scharfstellen unterstützt.

Zusätzlicher Objektivring

Ein neues Bedienungselement ist der zusätzliche Einstellring an den RF-Objektiven. Er lässt sich auf zwei unterschiedliche Arten mit Blende, Verschlusszeit, ISO oder Belichtungskorrektur belegen. Zum einen ist jederzeit der direkte Zugriff darauf möglich, oder im andern Fall erst, wenn der Auslöser halb gedrückt oder die AE-Lock-Taste betätigt wurde.

Geschickt eingesetzt, hat man so mit der linken Hand Zoom-Ring, Fokus-Ring und zum Beispiel die Belichtungskorrektur via Einstellring direkt am Objektiv im Griff, und passt mit rechts Blenden-, Verschlusszeit- oder ISO-Werte an. Clever von Canon gelöst: Über den EF-EOS-R-Adapter mit Objektiv-Steuerring lassen sich auch vorhandene EF-Optiken auf diese Weise bedienen.

Neu beringt: Das Canon-RF-Objektiv 24–105 mm mit Zoom-, Schärfe- und ganz vorne dem neuen Einstellring.

Gemischte Gefühle am Wischbalken

Ebenfalls neu ist die Multifunktions-Leiste rechts neben dem Sucher. Als Touch-Bedienungsfeld lässt sie sich mit verschiedenen Funktionen belegen. So können durch Darüberwischen die ISO-Werte eingestellt werden oder feste Werte durch Drücken auf das rechte oder linke Leistenende abgerufen werden.

Vorteil gegenüber dem bisherigen grossen Canon-SET-Drehrad: Es lässt sich damit völlig lautlos arbeiten. Zudem ist es einfacher gegen Witterungseinflüsse zu schützen.

Funktionswahl am Balken: Welcher Wert soll gewischt werden?

Leider wurde die Leiste nahe bei der Daumenauflage platziert, sodass ich oft aus Versehen darauf gedrückt habe. Canon ist sich dessen bewusst und bietet eine Sperrfunktion im Aufnahmemodus an. Ist die Funktion aktiv, die Leiste also gesperrt, drückt man rund 2 Sekunden auf das linke Ende, bis ein weisses Balken-Symbol mit «ON»-Beschriftung erscheint. Jetzt kann die Leiste bedient werden. Zur erneuten Sperrung wird wieder auf das linke Ende gehalten, bis das Symbol «OFF» die Deaktivierung der Leiste signalisiert. Ohne Bedienung der Leiste wird sie nach rund 10 Sekunden automatisch wieder gesperrt. Schliesslich kann man die Sperrung auch ganz ausschalten.

Zwei Sekunden scheinen kurz, doch bei Schnappschüssen können sie einem wie eine halbe Ewigkeit vorkommen, bis man endlich Leisten-Zugriff hat. Ich habe die Leiste beim Fotografieren schliesslich ganz ausgeschaltet und dafür beim Filmen mit der Tonaussteuerung belegt. Ohne Sperrfunktion, da ich die Kamera während Videoaufnahmen weniger oft bedienen muss. So konnte ich den Tonpegel wenn nötig direkt per Leiste nachregeln, ohne ihn erst über die Menüsteuerung aufrufen zu müssen.

Ein Detail am Rande: Ist die Sperrfunktion der Leiste beim Filmen aktiv und wechselt man wieder in den Fotomodus, wo ich die Leiste ja ganz abgeschaltet hatte, kann man sie dennoch entsperren und man wird nach 2 Sekunden mit dem Hinweis «nicht verfügbar» belohnt. Irgendwie nicht ganz logisch. Entweder sollte der Hinweis sofort nach Berühren der Leiste erscheinen oder es sollte gar nichts geschehen.

Hauptmenü der Leiste: Funktionen während Aufnahme und Wiedergabe wählen sowie Sicherheitsstufe auswählen.
Übersicht zu diesem Artikel
Seite 1:
Seite 2:
Seite 3:
Seite 4:
Seite 5:
Wettbewerb