Die 13 war alles andere als eine Unglückszahl. Seit 2006 lädt Markus Thomann, Initiator und Veranstalter, jährlich auf sein «Klangschloss». Und auch dieses Jahr, am Wochenende 14./15. April, konnte er die kleine, aber feine High-End-Veranstaltung als grossen Erfolg verbuchen. Exakt 550 Besucher fanden sich 2018 in den Gemäuern des imposanten Schloss Greifensee bei Zürich ein, um eine erlesene Auswahl an exzellenten Audio-Anlagen zu erleben und auch um einen der vier spannenden Gastvorträge rund um High Fidelity und Musik zu hören.
Befürchtungen, die grossen Umbauarbeiten im Nachbargebäude würden sich negativ auf die Stimmung oder die Atmosphäre auswirken, erfüllten sich glücklicherweise überhaupt nicht. Im Gegenteil, wer sich bei vormittags noch kühlem, nachmittags zunehmend warmem Frühlingswetter zum Klangschloss aufmachte, brachte meist eine Menge gute Laune mit. Und wer nicht, ging spätestens nach seinem Besuch in gehobener Stimmung vom Gelände.
Einzig die Tatsache, dass der beliebte Schallplattenmarkt dieses Jahr wegen Platzmangel ausfallen musste, bedauerten einige Vinylfans, aber zum Ausgleich war ja die Schweizer Analogue Audio Association (AAA) wie gewohnt auch mit ein paar feinen Tonträgern zu Gast im Kellergewölbe.
Die Kopfhör-Küche
Dafür konnte Markus Thomann mit einer Novität aufwarten, denn er hatte die Schlossküche zur «Kopfhör-Küche» umgestaltet. Die entpuppte sich als Publikumsmagnet. Kein Wunder, gab es doch hier Kopfhörer der Weltelite zu hören, alles gespeist aus einer Quelle, so dass direkte Vergleiche möglich wurden.
Zur Wahl standen die Elektrostaten von Stax aus Japan, die wiedererweckten Elektrostaten Float aus Deutschland, die Magnetostaten von Audeze und Abyss aus den USA, ebenfalls aus den USA die In-Ear-Elektrostaten von Shure, die chinesischen Magnetostaten von HiFi Man und aus der Schweiz die Authentic Stereo Monitore von Amoenus-Audio. Wer in der illustren Aufzählung den Weltmarktführer vermisste, dem bot Sennheiser aus Deutschland in Raum 8b seinen Elektrostaten HE1 dar.
Keine Frage, eine solche Anhäufung von High End direkt am Ohr dürfte man auch auf grösseren Anlässen vergeblich suchen. Eine echte Weltneuheit hatte dazu Harry Pawel mit dabei. Dem rührigen Präsidenten von Pawel Acoustics war es gelungen, den neuen kombinierten DAC/Kopfhörerverstärker für Stax-Elektrostaten aus Japan heranzuholen. Der SRM-D10 baut sehr kompakt, bezieht seine Power aus einem Lithium-Ionen-Akku und schafft Auflösungen bis zu 384 Kilohertz beziehungsweise DSD 128.
Der «Personal Speaker»
Der ESL Home «Personal Speaker» füllt sozusagen die Lücke zwischen grossen Flächenstrahlern und Kopfhörern.Eine spannende Erweiterung des Elektrostaten-Konzeptes führte die Firma Sombetzki aus Deutschland im Kellergewölbe vor: Der ESL Home «Personal Speaker» füllt sozusagen die Lücke zwischen grossen Flächenstrahlern und Kopfhörern: Der Hörer sitzt im Nahfeld zwischen den beiden etwa foliantengrossen Wandlern, die mit erstaunlicher Basskraft- und Basstiefe sowie den Elektrostaten-typischen Tugenden wie exzellenter Auflösung und herrlicher Räumlichkeit auftrumpfen konnten.
Das gehört zum Konzept: Jeder Anlage und jedem Aussteller gebührt ein Raum, in dem die klingenden Preziosen würdevoll vorgeführt werden können. Auch in diesem Jahr hatten sich dabei auch einige Firmen zusammengetan, um einen Raum gemeinsam zu nutzen.
So fanden sich in der Nachbarschaft von Sombetzki auch der Schweizer Kabel-Spezialist Vovox, für den Adrian Steiger und seine charmante Partnerin Mary den interessierten Besuchern Red und Antwort standen. Im gleichen Raum war auch wieder der letztjährige Referent und Studiobetreiber Ralph Zünd zu Gast, der das faszinierende Straight2Tape-Verfahren in seinem 2 Inch Records Studio vorführte. Das hat schon was, wenn man im heutigen Digitalzeitalter Bands noch direkt auf analoges Zweispurtonband aufnimmt.
Raumklang-Prozessoren und Hornlautsprecher
Blumenhofer-Hornlautsprecher.Traditionell wurde auch der grosse Raum im obersten Geschoss von mehreren genutzt: So von Illusonic aus Uster, deren Chef Christof Faller wiederum digitale Geniestreiche demonstrierte. Seine Raumklangprozessoren sind eine Wucht. Spannend war die Darbietung mit hinter einem Vorhang verborgenen Lautsprechern. Vor dem Vorhang allerdings agierten dann zwei alte Bekannte: die Elektrostaten Quad ESL 63. Die betreut Markus Thomann in der Schweiz, aus Deutschland war Quadman Manfred Stein zur Unterstützung angereist.
Ebenfalls Unterstützung bekam André Aebischer vom Schweizer Distributor Sound Revolution. Zu seinem Portfolio zählen die Hornlautsprecher von Blumenhofer. Und für den deutschen Hersteller war Andrea Vitali angereist, der am Sonntagnachmittag sehr kompetent zum Prinzip Horn referierte.
Drei Elektrostaten Quad ESL 63, vom Illusonic Raumklangprozessor orchestriert. Hinter dem Vorhang.audeze_lcd4_review_test2_605.jpg
Die Vortragsreihe hatte am Samstag Dr. Veronique Larcher eröffnet zum Zukunftsthema Virtual Reality. Virtual Reality (VR) und 3D-Brillen sind treibende Kraft für 3D-Audio-Applikationen für Kopfhörer. Sennheiser hat dazu mit Ambeo eine innovative Technik für Aufnahme und Wiedergabe entwickelt, die zum Beispiel auch der Zürcher Jazzclub Moods für Livestreams nutzt. Dr. Veronique Larcher leitet das Forschungsprojekt und gab auf Englisch eindrückliche Einblicke.
Hohen Unterhaltungs- wie Bildungswert hatten die Phantomschallquellen, aus denen der Schweizer Tonmeister-Altmeister Jürg Jecklin reichlich schöpfte. Genauer gesagt, verriet er, wie er sie als Tonmeister überhaupt erst zum Sprudeln bringt und wie sie der Musikhörer daheim auch optimal wahrnehmen kann.
Tief in die musikalische Vergangenheit tauchte auch in diesem Jahr wieder Lothar Brandt ein. Genauer gesagt: 50 Jahre. Nachdem er im letzten Jahr die Pop-Explosionen des Jahres 1967 zu bündeln versuchte, ging es diesmal um die Musik des Revolutionsjahrs 1968. Der mit zahlreichen Anekdoten und noch zahlreicheren Musikbeispielen gewürzte Vortrag brachte im Zuhörerraum manches Auge zum Glänzen. Wer hört sich nicht gerne heute noch «Sympathy for the Devil» von den Rolling Stones, «Revolution» von den Beatles, «Voodoo Chile» von Jimi Hendrix oder «In-A-Gadda-Da-Vida» von Iron Butterfly an? Mit dem All-In-One-Gerät Musicbook von Lindemann und Aktivlautsprechern von PSI beschallten die Referenten jeweils das gut gefüllte Auditorium.
Dass es zu den Vorträgen ins Gemeindehaus ein paar Meter zu absolvieren gab, tat dem Interesse genauso wenig Abbruch wie die vielen Stufen, die es innert des Schlosses von Stockwerk zu Stockwerk zu erklimmen galt.
Radialstrahler und Bassnieren
Nach der Umfirmierung von Design & Ton zu SFERS blieben die Lösungs-Spezialisten aus Dietikon dem Klangschloss treu. Traditionell im Raum 4 präsentierten sie die Rundumstrahler des Berliner Herstellers MBL.
Gleichfalls schon fast zum «Inventar» des Klangschlosses zählt auch avguide.ch-Autor Christian Wenger von Kii Audio Swiss, der die DSP-gesteuerten Aktivlautsprecher Kii THREE vorführte. Es erstaunt immer wieder, was die digitale Antriebs- und Anpassungstechnik aus diesen übersichtlichen Wandlern herauszuholen vermag, und zudem perfekt auf Wohnräume anpassbar mit der Dynamik und Autorität grosser Standlautsprecher. Eine perfekte Vorführung, meinten viele.
Bei den Radialstrahlern von MBL breitet sich der Schall gleichmässig in alle Richtungen aus.Klangtuning und Livetuning
Die Livebox, eine Art grosser Soundbar, arbeitet mit Crosstalk-Unterdrückung. Gerade bei binauralen Aufnahmen, die immer öfter angeboten werden, wird ein Raumklang erreicht, bei dem man praktisch an den Ort der Aufnahme versetzt wird.Apropos Herausholen: Da sieht Zubehör-Spezialist Thierry Mayer von Audiophil Dreams immer Potenzial. Wie man seine bestehende Anlage optimieren kann, führte er wie gewohnt im Raum 6 mit einer grandiosen Anlage vor.
Und ebenfalls ein alter Bekannter der Schlossbesucher ist Daniel Weiss aus Uster, der mit seiner Firma Weiss Engineering unter anderem das schöne Konzept Livebox entwickelt hat. Schon im letzten Jahr war es interessant zu sehen, wie sich die Zuhörer zur Demonstration hintereinander aufreihten und noch interessanter zu hören, wie die Algorithmen von Weiss dem allgegenwärtigen Begriff von «Immersive Audio» Leben einhauchen konnten.
Der Reiz der alten Schule
Hoher Wirkungsgrad und Röhrentechnik bei Tobian Sound Systems.Tobian Sound Systems hingegen belebt das gute alte Stereo mit Röhrenendstufen und wirkungsgradstarken Lautsprechern immer wieder aufs Neue. Günter Tobian bezeichnet sich selbst als «Soundaholic», warum, konnte man im Raum 10 gut hören.
Einen Raum weiter, in 11, hatte Thomas Flammer von Voice 70 wieder die Aufgabe übernommen, die akustisch nicht unproblematische Stube so gut herzurichten, dass sogar ein Super-Lautsprecher wie die Piega Master Line Source 2 mit Elektronik von Devialet ihren Glanz verstrahlen konnte. Die gelungene Vorführung überzeugte auch Piegas Chefentwickler Kurt Scheuch, der vor Ort war und als graue Eminenz mit darüber wachte.
Der Super-Lautsprecher Piega Master Line Source 2.Wer lieber in alten Zeiten schwelgen wollte, kam natürlich wieder bei Juerg Schopper voll auf seine Kosten. Der Meister von Swissonor führte mit erstklassig restaurierten Bandmaschinen und auf den Punkt gebrachten alten Thorens-Plattenspielern vor, wie gut das vermeintlich alte Eisen heute noch tönen kann. Ein ganz besonderes Highlight führte er mit Masterband-Kopien aus den 1960er Jahren vor. Der Autor hat schon viele, auch alte Pressungen, dazu alle möglichen digitalen Remaster der Beatles oder der Stones gehört.
Aber als Schopper «Norwegian Wood» oder «Under My Thumb» von der Studer-Maschine einspielte, da war es, als öffne sich das Tor in die seligen 1960er Jahre weiter als je zuvor. Diese Dynamik, die Präsenz dürften wohl auch damals die Plattenkäufer nicht erlebt haben, wurden doch auch damals schon die Pressvorlagen so limitiert, dass die Platten mit den zeitgenössischen Teenager-Plattenspielern abspielbar waren. So nah am eigentlichen Original, das war schon ein Fest.
So kann das Fazit des 13. Klangschlosses nur lauten: Auch in diesem Jahr fanden für HiFi- und Musikfans wieder Schlossfestspiele statt.

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