20. August 2019 | seit 1999
TESTBERICHT
Seite 1 / 7
ARTIKEL
Publikationsdatum
19. März 2019
Themen
Drucken
Teilen mit Twitter
MEDIEN

Ich kenne mich ein wenig aus in der analogen Plattenspieler-Szene und ich habe einen leichten Hang zum Sarkasmus. Mein Befund lautet deshalb, dass es ungefähr so viele verschiedenen Phono-Vorverstärker gibt wie analog orientierte Musikhörer. Man verzeihe mir die Übertreibung: Sie dient nur der Veranschaulichung der Tatsache, dass punkto Klangqualität und Funktionsprinzip von Phono-Vorverstärkern wenig Einigkeit herrscht.

Wir schreiben Testberichte eher nicht für (uneinige) Experten. Die wissen meistens eh alles besser. Guter Rat verlangt daher nach der Kunst der Vereinfachung, und guter Rat ist wichtig. Wer sich heute einen Plattenspieler anschafft, egal zu welchem Preis, braucht Anhaltspunkte. Phono-Vorverstärker sind ungeheuer wichtig, wenn es dem Musikhörer mit Plattenspieler nicht nur um Haptik und Ritual geht, sondern eben auch um den Klang.

Was tut ein Phono-Vorverstärker?

Der Tonabnehmer wandelt die mechanische Schwingung der modulierten Plattenrille in ein elektrisches Tonfrequenzsignal um. Der geschliffene Diamant überträgt diese komplexe Schwingung via Nadelträger auf einen Generator. Der Generator besteht aus vier winzigen Spulen, umgeben von einem starken Magnetfeld (Beispiel MC-Tonabnehmer). Durch Induktion erzeugen die zwei Spulenpaare je eine Wechselspannung, für den linken und für den rechten Kanal, die dann am Ausgang des Tonabnehmers zur Verfügung stehen.

Diese Wechselspannung (oder dieses Tonfrequenzsignal) beträgt im Fall des MC-Tonabnehmers Apheta 2 von Rega nominal 350 Mikrovolt, also ein Drittel eines Millivolts oder 0,00035 Volt. Ein Vorverstärker oder Vollverstärker benötigt an einem Line-Eingang eine nominale Eingangsspannung von 100 bis 500 mV, also maximal 0.5 Volt. Der Phono-Vorverstärker muss also das Eingangssignal um gut Faktor 1000 verstärken, damit die Voraussetzung erfüllt wird, dass das Signal am Schluss der Verstärkerkette mit bis zu maximaler Lautstärke an die Lautsprecher gelangen kann.

Am Anfang geht es fast nur um Spannungsverstärkung. Leistung (Spannung x Strom) kommt dann später hinzu und ist hier nicht wichtig. Ich verzichte auch auf die Erklärung des MM-Prinzips, denn es funktioniert ähnlich und produziert einfach eine bedeutend höhere Ausgangsspannung. Es ist für den Phono-Vorverstärker also weniger anspruchsvoll.

Ein Phono-Vorverstärker muss das winzige Nutzsignal also extrem verstärken und dabei Störsignale ausblenden oder kompensieren. Dazu muss er auch noch an unterschiedliche Tonabnehmer angepasst werden können. Verlangt wird eine Impedanz-Anpassung an den jeweiligen Tonabnehmer und auch eine Anpassung an die Kapazität von Tonabnehmer plus Verkabelung bis zum Eingang des Phono-Vorverstärkers.

Zudem muss das Eingangssignal auch noch «entzerrt» werden, denn es wird bei der Herstellung der Schallplatte «verzerrt», also «nicht linear aufbereitet» und in die Rille gepresst. Damit umgeht man die physikalischen Grenzen der Schallplatte. Man spricht von der Schneidkennlinie nach RIAA.

Der Generator ist im transparenten Gehäuse des MC-Tonabnehmers Apheta 2 von Rega gut sichtbar.

Ein Phono-Vorverstärker vollbringt im Grunde eine Herkulesaufgabe und verdient es, als separate Komponente zu agieren. Seit jeher gibt es Vorverstärker und Vollverstärker mit integrierten Phonostufen, darunter dank dem Vinylboom auch aktuelle Geräte. Allerdings sind besonders hochwertige, integrierte Phonostufen eher selten, vor allem solche für MC-Tonabnehmer.

Im Grunde hätten integrierte Phonstufen ja punkto kurzem Signalweg durchaus Vorteile, aber eben auch Nachteile: Phono-Vorverstärker sind des Analogfans liebstes Kind, und sie verteuern den Verstärker für alle Musikhörer, die keine Plattenspieler wollen. Früher war der Plattenspieler die wichtigste Quelle. Ein Verstärker ohne eingebaute Phonostufe war nicht angebracht.

Übersicht zu diesem Artikel
Seite 1:
Seite 2:
Seite 3:
Seite 4:
Seite 5:
Seite 6:
Seite 7:
Wettbewerb