TESTBERICHT
Der neue LCD-4 von Audeze.Der neue LCD-4 von Audeze.

Nur selten erlebe ich es als Tester und bekennender Fan eines Produktes, dass sich beim Gedanken an einen Testbericht ein leichtes Erschauern einstellt. Produkte, die in einer total anderen Liga spielen als diejenigen, die man gewöhnt ist, sind selten und die Erwartung, diesen Eindruck einer grossen Leserzahl zugänglich und greifbar zu machen, kann lähmen.

Ich nutze zu Beginn eine Metapher, um diese Sensation zu beschreiben: Man nehme einen Boxkampf zwischen zwei Leichtgewicht-Boxern. Der Kampf ist in der ersten Runde, der Schlagabtausch ist rasend und die Agilität und Kraft beider Kontrahenten ist beeindruckend. Trotz der eindrücklichen Leistung beider Athleten scheint sich nach kurzer Zeit ein Boxer als der klar Überlegene herauszustellen.

In diesem Gedankenexperiment machen wir hier einen abrupten Schnitt. Wo gerade noch der unterlegene Kontrahent stand, steht wie aus dem Nichts ein Boxer mit dem schwergewichtigen Format eines Muhammad Ali. Was nun folgt, ist ein kurzer und sehr ungleicher Kampf.

Ganz ähnlich verhält es sich mit den Audeze LCD-4. Man mag im Alltag Kopfhörer mit den Namen "Beats", "Marshall", oder "Urban Ears" antreffen. Jedes Paar Kopfhörer mit Eigenschaften, welche die Massen mit ihren individuellen Eigenschaften begeistern. Sie sind bekannt, beliebt und erfreuen sich einer breiten Akzeptanz.

Doch hier sind die Audeze LCD-4, und jeder, der sich diese Kopfhörer aufsetzt und vergleicht, wird ein Erlebnis haben, wie ein Kampf des Leichtgewichts-Champions gegen ein Ausnahmetalent wie Muhammad Ali.

Geschichte und Äusserlichkeiten

Äusserlich bleibt der LCD-4 mit den restlichen LCD-Kopfhörern weitgehend uniform. Das Gesamtgebilde ist wuchtig, jedoch nicht unelegant. Der Holzring besteht aus Makassar-Ebenholz, welcher das Innere des Kopfhörers einfasst.Äusserlich bleibt der LCD-4 mit den restlichen LCD-Kopfhörern weitgehend uniform. Das Gesamtgebilde ist wuchtig, jedoch nicht unelegant. Der Holzring besteht aus Makassar-Ebenholz, welcher das Innere des Kopfhörers einfasst.

Die Geschichte von Audeze (sprich Englisch "Odyssey") geht zurück in das Jahr 2008, als die drei Gründer von Audeze mit Technologien, die bis dann für die NASA entwickelt wurden, zu experimentieren begannen. Sie erkannten, dass sich daraus perfekte Komponenten für planar magnetische Kopfhörer ergaben. Der LCD-1-Kopfhörer entstand als Erstlingswerk aus dieser Kombination von neuer Technologie und älteren Erkenntnissen von planaren Kopfhörer-Designs.

Der wirkliche Durchbruch schaffte Audeze jedoch mit den eher basslastigen LCD-2-Kopfhörern und den legendären LCD-3. Letztere fanden in der audiophilen Szene den grössten Zuspruch und wurden von einigen gar als "the voice of god", "die Stimme Gottes", betitelt – ein gewaltiges Lob für eine Firma, die nicht einmal ein Jahrzehnt besteht. Bald legte Audeze den einfacher spielbaren LCD-X nach, auf den im Test noch genauer eingegangen wird.

Äusserlich bleibt der LCD-4 mit den restlichen LCD-Kopfhörern weitgehend uniform. Das Gesamtgebilde ist wuchtig, jedoch nicht unelegant. Der Holzring besteht aus Makassar-Ebenholz, welcher das Innere des Kopfhörers einfasst.

Die Ohrpolster sind ganz klar Audeze in ihrer Form und sorgen für mehr als ausreichenden Tragekomfort bei längeren Musiksitzungen. Das Einzige, was daran kritisiert werden kann, ist dass diese speziell bei wärmerem Klima bald sehr feuchtwarm werden. Nebenbei sei noch erwähnt, dass die Lammleder-Ohrpolster wahrscheinlich bald auch in einer veganen Kunstledervariante erhältlich sind.

Beim Bügel geht Audeze einen neuen Weg mit dem zusätzlichen Karbonband, welches das Lederband unterstützt. Durch das beachtliche Gewicht des gut 550 Gramm schweren Vorgängers konnten je nach Form des Schädels unangenehme Druckpunkte entstehen, welche den Musikgenuss trüben konnten. Diese Komfortmängel gehören trotz den 700 Gramm beim LCD-4, dank des zusätzlichen Karbonbandes, der Vergangenheit an.

Für die Esoteriker unter den Audioenthusiasten sei hier noch das schwarz und silber geflochtene Mini-XLR-Kabel erwähnenswert, das bei den Vorgängern nicht vorhanden war und zumindest bezüglich Verarbeitung deutlich besser abschneidet.

Alles in allem bleibt bei den Äusserlichkeiten viel Altbewährtes mit einigen Verbesserungen punkto Komfort. Der ganze Kopfhörer vermittelt mir einen sehr angenehmen Eindruck von Premiumqualität, und ich ertappte mich immer wieder, wie ich ihn gedankenverloren lächelnd in den Händen wog und aus unterschiedlichen Perspektiven erkundete.

Hörtest: Einleitung

Der LCD-4 verlangt unbedingt nach einer angemessenen Quelle, damit sein Potenzial zum Vorschein kommt.Der LCD-4 verlangt unbedingt nach einer angemessenen Quelle, damit sein Potenzial zum Vorschein kommt.

Eingehend zum Test habe ich den LCD-4 mit dem Box-Schwergwicht eines Muhammad Ali verglichen. Deswegen ist es nur fair, wenn dieser mit anderen Kopfhörer-Schwergewichten verglichen wird.

Eine wichtige Anmerkung muss hier gemacht werden, bevor wir zu der eigentlichen Kür, dem Hörtest kommen. Audeze ist eine unglaublich innovationsfreudige Firma von Musikenthusiasten. Man bemerkt dies, wenn man deren Aktivitäten fünf Monate verfolgt. Kaum ein Modell bleibt in dieser kurzen Zeit komplett unüberarbeitet. Die ganze Kopfhörerproduktion unterliegt der konstanten Suche nach der audiophilen Perfektion.

Genauso verhält es sich auch mit den neuen LCD-4. Nach wenigen Wochen wurde ein neues Diaphragma bei der neusten Überarbeitung der LCD-4-Linie eingebaut, was dazu führte, dass der Kopfhörer neu 200 statt den ursprünglichen 100 Ohm Impedanz aufweist.

Nicht unbedingt eine gute Neuigkeit für Audiophile, die gerne portable Geräte für ihre Kopfhörer nutzen. Zwar konnte mein geschätzter Onkyo DP-X1 den LCD-4 ohne weiteres und mit ausreichender Lautstärke anspielen. Verglichen mit dem hinzugezogenen stationären UAD Apollo Quad Studiowandlers, der über einen extrem hochwertigen Kopfhörerverstärkerausgang verfügt, spielten die portablen DA-Wandler den LCD-4 mit einem unbefriedigenden, konturlosen und butterweichen Klang ab. Der LCD-4 verlangt unbedingt nach einer angemessen Quelle, damit sein Potenzial zum Vorschein kommt.

Audeze LCD-4 vs. Sennheiser HD 800

Der HD 800 ist mit seinen 360 Gramm etwa halb so schwer wie der LCD-4, was eine deutlich kleinere Prüfung für untrainierte Nackenmuskeln darstellt.Der HD 800 ist mit seinen 360 Gramm etwa halb so schwer wie der LCD-4, was eine deutlich kleinere Prüfung für untrainierte Nackenmuskeln darstellt.

Da es sich bei dem HD 800 um ein allgemein bekanntes Referenzprodukt handelt, ist der Schlagabtausch des LCD-4 mit diesem altbewährten Champion sehr spannend und aufschlussreich.

Das Erste, was auffällt, ist der Gewichtsunterschied der beiden Kopfhörer. Der HD 800 ist mit seinen 360 Gramm etwa halb so schwer wie der LCD-4, was eine deutlich kleinere Prüfung für untrainierte Nackenmuskeln darstellt als der LCD-4. Bei meinem Empfinden ist der LCD-4 aber der deutliche Gewinner bei Optik und Wertigkeit.

Der Hochtonbereich kommt beim HD 800 brillant und akzentuiert – des guten zuviel für einige. Bei diesen Leuten punktet der LCD-4, welcher bei den Höhen stärker abfällt als der HD-800, jedoch niemals dunkel erscheint.

Die grösste Gemeinsamkeit haben die beiden Kopfhörer bei den Mitten, wobei der LCD-4 aber in den oberen Mitten stärker abfällt als der HD 800. Das ist per se  aber keinesfalls schlecht, wenn man keinen analytischen Studioklang sucht. Dieser kleine Abfall der oberen Mitten führt dazu, dass der Klang subjektiv angenehmer wirkt.

Die Bässe des HD 800 haben mich in Erstaunen versetzt. Ich erwartete dem Ruf des HD 800 entsprechend DEN analytischen und etwas langweiligen Studioklang. Ein wenig überrascht nahm ich zur Kenntnis, dass die Bässe des HD 800 mindestens genauso präsent sind wie beim LCD-4. Den grössten Unterschied fand ich in der Kontrolle und der Qualität der Bässe. Währendem der HD 800 qualitativ eher leicht rumpelnde Bässe aufweist, waren diese beim LCD-4 quantitativ etwa gleich stark wahrnehmbar, jedoch ungleich kontrollierter und wohldefinierter.

Dies führt zum grössten Unterschied zwischen den Kopfhörern. Der HD 800 vermittelt punkto Räumlichkeit viel mehr Offenheit und Luftigkeit, was eine viel gesuchte und sehr hoch gewertete Qualität bei Kopfhörern darstellt. Beim Vergleichstest musste ich beim HD 800 punkto Räumlichkeit an einen Garten an einem kühlen Frühlingstag denken, wobei der LCD-4 eher an die warme Geborgenheit eines geräumigen Holzhauses mit Teppichen und Kaminfeuer erinnerte.

Beim Song "Deny" von Yasmine Handan hatte ich beim LCD-4 das prickelnde Gefühl, dass sich die Künstlerin in eben diesem Raum hinter mir befindet, ihre Arme um meinen Hals schlingt und mir das Lied ins Ohr haucht – wohlige Gänsehaut.

Beim HD 800 befand sie sich im Garten ca. 5 Meter vor mir, das gesamte Klangbild transparent, feingliedrig und klar. Bei der Räumlichkeit hat der HD 800 quantitativ auf allen drei Achsen die Nase vorne. Was der LCD-4 aber mit der grösseren klanglichen Intimität anstellt, ist sehr bemerkenswert.

Wo der HD 800 mit klanglicher Luftigkeit trumpft, stellt der LCD-4 etwas an, was ich bisher noch nicht in dieser Form gehört habe. Jede Note ist da, wohldefiniert und fett, wie mit einer Linie umrandet und innerhalb dieser Linie im inneren klar und mit einer wunderschönen Textur.

Abschliessend sträubt sich jede Faser in mir, einen Gewinner auszurufen. Keiner der Kopfhörer ist eine ernsthafte Konkurrenz für den anderen. Wo sich der HD 800 dem Ideal der Luftigkeit und klanglicher Linientreue verschrieben hat, setzt der LCD-4 seinen Schwerpunkt definitiv bei der subjektiven klanglichen Schönheit für das menschliche Gehör. Die anfängliche Boxer-Metapher geht hier als Einzige in die Knie. Ein unerwarteter Ausgang dieses "Schlagabtausches".

LCD-4 vs. LCD-X

Etwas wehmütig liess ich meinen gealterten LCD-X gegen den LCD-4 antreten.Etwas wehmütig liess ich meinen gealterten LCD-X gegen den LCD-4 antreten.

Bei den Höhen ist bei dem LCD-X zumindest teilweise mehr vorhanden. Der LCD-4 ist wie erwartet hier viel kontrollierter und etwas zurückhaltender. Allgemein lässt sich aber behaupten, dass Audeze-Kopfhörer nicht wegen ihren brillanten Höhen gekauft werden.

Bei den Mitten fallen mir sofort die Resonanzen des LCD-X auf, welche ich bei meinem Kauf als einzigen Wermutstropfen sah. Auch hier ist der LCD-4 kontrollierter und zurückhaltender. Bei keinem Testsong trabt eine Note aus dem Regiment. Die Mitten sind im Vergleich zum LCD-X zurückhaltender, aber auch angenehmer voller.

Bei den Bässen zeigen beide Kopfhörer den typischen Audeze-Kick, welcher aber nie unvorteilhaft in den Vordergrund tritt. Quantitativ und durch seine Dynamik hatte der LCD-4 aber die Nase vorne und, wer hätte es (nicht) erwartet: Der LCD-4 besticht auch hier durch seine Kontrolle.

Bei der Räumlichkeit hat der LCD-X leicht die Nase vorne auf allen drei Achsen, hinkt aber deutlich dem HD 800 hinterher.

Das Klangbild des LCD-4 wurde oben ausführlich beschrieben. Der LCD-X stellt sich als Kopfhörer heraus, der deutlich direkter agiert und jugendlicher und vitaler anmutet. Der LCD-4 ist hier mit einem kultivierten Dandy vergleichbar, der durch Eleganz und Stil besticht.

Grosser Dank gebührt K55 in Zürich, das durch sein Testcenter den Vergleichstest in dieser Form erst möglich gemacht hat.Grosser Dank gebührt K55 in Zürich, das durch sein Testcenter den Vergleichstest in dieser Form erst möglich gemacht hat.

Fazit

Der verbesserte Kopfbügel des LCD-4 rechts gegenüber dem des LCD-X.Der verbesserte Kopfbügel des LCD-4 rechts gegenüber dem des LCD-X.

Der LCD-4 musste sich in dem Test vielen Erwartungen stellen und hat sich als Kopfhörer für den Musikgenuss einen Platz in meiner persönlichen "Ruhmeshalle" ganz weit oben sichern können. Die Highlights sind ganz klar das angenehme, nicht ermüdende Klangbild mit den schönsten Mitten, die meine Ohren bei einem Magnetostat-Kopfhörer gehört haben, und dem wundervollen "Audeze-Bass", welcher unglaublich dynamisch, wohltexturiert, aber auch kontrolliert daherkommt. Ob der LCD-4 mit seiner nicht ganz so analytischen Art gefällt, ist nach diesem Test keine Frage mehr. Die grössere Frage ist, ob die über 4000 Franken für einen Kauf gerechtfertigt sind.

Auf diese Frage kann ich keine allgemeingültige Antwort geben, aber ich bin überzeugt, dass sie sehr kontroverse innere Dialoge bei Audiophilen starten wird, die einen LCD-4 in die Hände bekommen. Sicher sind nur folgende Punkte. Einen Kopfhörer mit der gleichen, einzigartigen und wunderschönen Klangsignatur gibt es da draussen noch keinen und Audeze hat bei der Herstellung des LCD-4 nicht bei den Premium-Materlialien und der Umsetzung neuer Verbesserungen gespart.

Für mich, ein Musikliebhaber, der sich nie auf seiner Musikausrüstung ausruht und nach nur wenigen Wochen nach einem Kauf wieder mit den neusten audiophilen Technikhighlights liebäugelt, sind gerade spannende Zeiten angesagt. Bei neu lancierten offenen Kopfhörern von Hifiman (He 1000), technisch sehr neuartig anmutenden "Budget"- und Premiumkopfhörern bei Focal (Elear & Utopia), neuen Audeze-Ohrhörern und vielem mehr, ist es fraglich, ob der LCD-4 sich einen Platz in meinem Kopfhörerolymp lange sichern kann, oder ob er bald eine weitere Fussnote im endlosen Streben nach klanglicher Perfektion darstellen wird.

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