Wenn man heute von den «Greatest music stars ever» spricht, fallen Namen wie Elvis, Michael Jackson, The Beatles … doch wesentlich weniger hört man den Namen Stevie Wonder. Dabei gibt es wohl kaum einen anderen Musiker-Multiinstrumentalisten-Komponisten-Texter, der die gesamte R&B-, Pop-, Rap-, ja sogar Jazzszene dermassen beeinflusst hat wie Stevie Wonder.
Und dann wäre da noch die herumgereichte Geschichte, dass sich Paul Simon, der 1976 mit «Still crazy after all these years» den Grammy für das «Album of the Year» gewann, sich bei Stevie Wonder dafür bedankte, dass dessen Album «Songs in the Key of Life» verspätet erschien, denn Stevie hatte zuvor als erster Künstler dreimal in Folge diesen Grammy gewonnen.
Stevie Wonder
Über den 1950 geborenen Stevland Morris gibt es so viele Artikel, Bücher, Webseiten, Dokumentarfilme, Videos auf Youtube und dergleichen, dass es Eulen nach Athen getragen wäre, würde ich mich hier in weitere Wiederholungen verlieren. Deshalb nur mir wichtig erscheinende Einzelheiten seiner Musikkarriere, alle eigentlich ebenso wesentlichen politischen, sozialen und weiteren Engagements weglassend.
Der nach der Frühgeburt wegen Retinopathie erblindete Stevie wandte sich früh der Musik zu: Mit fünf sang er im Kirchenchor in Detroit, mit neun spielte er Klavier, Mundharmonika und Schlagzeug.
Mit 11 wurde er – dank seiner Eigenkomposition «Lonely Boy» zu einer Audition zu Motown Records eingeladen … und erhielt, wegen seines Alters und zu seinem persönlichen Schutz, auch gleich einen speziellen Vertrag von Motowns Boss Berry Gordy. Der für ihn zuständige Songwriter und Produzent Clarence Paul verpasste ihm einen neuen Namen: «Little Stevie Wonder».
Sein erstes Album enthielt vorwiegend Covers von Ray-Charles-Songs und erschien unter dem Titel «Tribute to Uncle Ray». Noch im selben Jahr veröffentlichte Motown sein zweites Album «The Jazz Soul of Little Stevie».
1963 erschien die Single «Fingertips» aus einem Live-Album, wurde gleich #1 sowohl in den Billboard Hot 100 als auch in den R&B-Charts und machte den 13-jährigen Stevie zum jüngsten Billboard-Star.
Der Stimmbruch und einige «Fehlentscheide» seines Managers liessen es ruhiger werden um Little Stevie. Erst nach 1968 kam der Erfolg zurück: Das «Little» war aus dem Namen gestrichen worden und Eigenkompositionen wie «For Once in My Life», «My Cherie Amor» katapultierten Stevie Wonder zurück ins Rampenlicht.
Doch erst mit 20 – und eben verheiratet mit Syreeta Wright, die ihm nicht nur als Background-Sängerin, sondern zudem als Co-Songschreiberin zur Seite stand – begann die eigentliche «superkreative Phase».
1972 eröffnete ihm ein 122-seitiger Vertrag mit Motown neue Möglichkeiten, gab ihm Freiheiten für eigene Entscheide und eine wesentlich höhere finanzielle Beteiligung.
«Music of My Mind» war sein erstes Album nach dem neuen Konzept, wonach eine LP nicht aus einigen Single Songs bestand, sondern einen Themenkreis umfasste. Zum ersten Mal enthielten nun seine Texte soziale, politische und mystische Aussagen. Und zum ersten Mal verwendete Stevie Mehrspur-Tonbandgeräte, die es ihm erlaubten, die meisten Instrumente selber einzuspielen.
Stevie Wonder, 1973.Nur wenige Monate danach erschien «Talking Book», das die beiden Superhits «Superstition» und «You Are the Sunshine of My Life» enthält.
1973 landete er mit dem Album «Innervisions» den nächsten Hit: Nicht zuletzt dank «Higher Ground», «Living for the City» und «All is fair in Love» gewann Wonder damit drei weitere Grammy Awards, einen davon für das «Album of the Year».
Nach einem schweren Autounfall (August 1973), einer Europatournee (Jan./Feb. 1974) und einem ausverkauften Konzert im Madison Square Garden (März 1974) erschien im Juli 1974 die LP «Fulfillingness’ First Finale», die ihm zwei Nr.-1-Hits – «You Haven't Done Nothin’» und «Boogie on Reggae Woman» – sowie drei weitere Grammys bescherte.
Das nächste, mit Spannung erwartete Album verzögerte sich immer wieder (vgl. die oben erwähnte Aussage von Paul Simon), da Stevie dauernd mehr Material zusammenstellte, zusätzliche Musiker engagierte, Änderungen vornahm, an neuen Sounds tüftelte und Synthesizer kennenlernte. Doch im September 1976 war es endlich so weit: Eine Doppel-LP mit einer zusätzlichen EP kam unter dem Titel «Songs in the Key of Life» auf den Markt. Diese Grossproduktion schoss gleich an die Spitze der Charts und verharrte dort insgesamt für 14 Wochen. «I Wish» und «Sir Duke» wurden #1-Hits, und das Album bescherte Stevie erneut drei Grammys, darunter wieder das «Album of the Year». Es wird von vielen Kritikern, aber auch Musikern als Wonders krönender Erfolg betrachtet, von einigen sogar (z. B. Elton John) als bestes R&B-Album überhaupt. Und ich schliesse mich dieser Meinung an.
Diese sechs Alben sollten in keiner Musiksammlung fehlen. Sie sind alle in HiRes-Audio auf Qobuz abrufbar.Der im Oktober 1961 fertiggestellte Film des Musicals «West Side Story» war ein Grosserfolg. Er heimste zehn Oscars ein und bleibt bis heute auch finanziell eine der erfolgreichsten Musicalverfilmungen. So erfolgreich, dass Steven Spielberg mit einer neuen Version das diesjährige Weihnachtsgeschäft beleben will – man darf gespannt sein.
Neben der zeitlosen Liebesgeschichte (in Anlehnung an Shakespeares «Romeo und Julia») sind es vor allem die Lieder, die zum Erfolg beitrugen und in x Versionen interpretiert wurden. So auch vom Oscar Peterson Trio, das nur zwei Monate nach der Filmpremiere, im Januar 1962, seine Versionen von sechs Songs im Studio aufzeichnete.
«West Side Story»
Nein, ich werde mich nicht zu einzelnen Titeln dieser Monsterproduktion äussern.
Schade ist, dass Qobuz kein Booklet dazu liefert, denn die Texte sind zum grossen Teil beinahe ebenso wichtig wie die Melodien, die einen nach mehrmaligem Anhören verfolgen. Zum Glück sind die Texte online verfügbar, z. B. hier.
Fazit
Stevie Wonder hat mit «Songs in the Key of Life» nicht nur ein Meisterwerk geschaffen, sondern zugleich eine neue Qualitätsstandard-Marke gesetzt, die es auch 45 Jahre danach zu erreichen gilt. Auch hat er eine neue Art Stimm-Modulation «erfunden», die zur heutigen Norm, vor allem von schwarzen Sängerinnen und Sängern, wurde.
Im Weiteren bildet «Songs in the Key of Life» den Kulminationspunkt einer längeren Entwicklung. Deshalb dürfte sich der Wunsch, die vier vorgängigen Alben durchzuhören, automatisch einstellen.
Hoffentlich haben Sie Zeit dafür …

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