Meze Audio Classics & Neo: Hörprobe
Entwickler von Kopfhörern begeben sich häufig bei ihren Erstlingen auf die Suche nach einem klanglichen, goldenen Mittelweg. Etwas, das ein möglichst breites Publikum anzuziehen vermag. Diese Regel scheint zumindest bei Meze Audio zuzutreffen. Und wie es bereits in der Einleitung beschrieben wurde, hat mich Meze Audio hier nicht nur wegen dem makellosen Äusseren, sondern nicht zuletzt wegen der klanglichen Leistung auf einen Schlag überzeugen können.
Der Classics und der Neo sind jedoch keinesfalls die besten Kopfhörer, die ich jemals gehört habe. Unfair wäre hier ein Vergleich mit Kopfhörergiganten wie Sennheiser Orpheus, Stax, Hifiman Shangrila oder (Geheimtipp) Sonoma Model One von Warwick Acoustics. Diese Kosten das Zehn- bis Hundertfache und spielen zweifelsohne in einer ganz anderen Liga.
In ihrem Preissegment macht Meze Audio mit ihren Erstlingen aber dermassen viel richtig, dass es äusserst unklug wäre, diese nicht stark in Erwägung zu ziehen. In der Tat vergleiche ich den Classics und den Neo gerne mit Kopfhörern, die knapp das Doppelte kosten und eine vergleichbare klangliche Leistung erbringen.
Erster Punkt bei der Annäherung an einen hörerfreundlichen, goldenen Mittelweg: Vergraule die Hörerschaft nicht mit zu viel oder zu wenig Bass. Im Falle des Classics und des Neo wird eine gewisse klangliche Wärme mit der Anhebung des «mittleren» Basses erzeugt, welche bei langem Musikgenuss nicht ermüdet und gemeinhin als angenehm empfunden wird. Allerdings überborden hier die Testkandidaten keinesfalls, was den Eindruck von Natürlichkeit aufrecht erhält.
Die Mitten erscheinen leicht im Vordergrund und sind für den Preis der Kopfhörer mehr als ausreichend klar und detailliert. Alles andere wäre ein Fehler und würde dem sehr abgerundeten Eindruck des Klangbildes abträglich sein. Anschläge von Gitarrenseiten, Atemgeräusche und andere kleine Details sind bereits gut wiedergegeben, was ein «Mittendrin-Erlebnis» ermöglicht.
Diese Detailnähe zieht sich durch bis in die Höhen, welche erst ab 10 kHz deutlich abfallen. Hier schmeichelt Meze eher den westlichen Ohren, die in der Regel unangenehme Höhen scheuen. Dies allerdings ohne den Genuss von Zimbeln und dergleichen zu beschneiden. Die freundliche Zurückhaltung in den Höhen unterstreicht dabei das allgemein warme Klangerlebnis vom Classics und vom Neo.
Räumlich bilden der Classics und der Neo die ganze Partitur schon relativ gut ab. Instrumente sind klar getrennt, und nichts versinkt in einem matschigen Brei. Allerdings kommt hier nicht das Gefühl auf, vor oder auf einer Bühne zu stehen, geschweige denn einem «luftigen» Klangerlebnis beizuwohnen. Dies ist eine Kunst, welche Meze erst mit dem «offen» gebauten Empyrean eindrücklich demonstriert.
Soundtechnisch handelt es sich bei den Unterschieden zwischen dem Classics und dem Neo um Nuancen. Diese können jedoch bei genauerem Hinhören matchentscheidend bei einem Kauf sein. Unter dem Strich gebe ich hier dem Classics den Vorrang. Dieses Urteil basiert jedoch mehr auf meinen persönlichen Vorlieben und weniger auf einem objektiven Urteil. Grundsätzlich klingt der Classics für mich im Bass und den tieferen Mitten natürlicher und etwas detaillierter, wobei der Neo stattdessen hier mehr Druck, aber nicht unbedingt mehr Quantität liefert.
Test Mezo Empyreans: Höchsten Gefilde
Das Flaggschiff von Meze Audio.Nur wenige Kopfhörer vermögen in mir ein Gefühl von Ehrfurcht hervorzurufen. Dies liegt nicht nur an der klanglichen Leistung, sondern an der Grösse der Kelle, mit die technischen Entwicklungen beim Empyrean angerührt wurden. Daneben wirken die gerade vorgestellten Modelle, der Neo und der Classics, geradezu rudimentär. Anderseits ist das bei einer Preisdifferenz von gut 2800 Franken auch zu erhoffen.
Das Geheimnis hinter dem Klang des Empyrean geht einen neuen Weg, der für die Weiterentwicklung der Magnetostat-Kopfhörer einige Akzente für die Zukunft setzen dürfte. Die Klangmembrane sowie die Art, wie diese in Schwingung gebracht wird, wurde hier vollkommen überarbeitet.
Das Rinaro Isoplanar Array.Die «Rinaro Isoplanar»-Membran in der Mitte lieferte die ukrainische Firma Rinaro, welche durch die ehemals staatliche Förderung viel Geld und Zeit in die Entwicklung stecken konnte. Sie wird durch zwei Neodym-Magnete, welche symmetrisch auf jeder Seite der Membran angeordnet sind, zum Klingen gebracht. Idee in hinter dieser «Hybrid-Anordnung» ist die Erzeugung eines effizienten, auf beiden Seiten gleich stark wirkenden Magnetfelds. Dies führt zu einer gleichmässigen Aktivierung über die gesamte Membranfläche. Der Frequenzumfang umfasst dabei unglaubliche 4–110'000 Hz. Definitiv ein «Overkill», zumal das erwachsene menschliche Gehör meist kaum weiter hört als 15'000 Hz.
Ein weiteres Problem bei der präzisen 3D-Klangwiedergabe bei Kopfhörern adressiert Rinaro mit Unterteilung in zwei Spulen, welche auf der Membran angebracht sind. Die Schlangenförmige Rückspule kümmert sich dabei um die tieferen Frequenzen, wobei sich die Spiralspule im unteren Drittel der Membran den mittleren bis hohen Frequenzen widmet. Da sich Letztere direkt über dem Gehörgang befindet, gelangen Schallwellen direkt und ohne Verzögerung ins Gehör. Trotz diesen technischen Tüfteleien haben es die Entwickler geschafft, einen extrem leichten Kopfhörertreiber zu kreieren, was schlussendlich dem Tragekomfort des Endprodukts ungemein zuträglich ist.

Bei der Kopfhörerentwicklung oft stiefmütterlich behandelt, jedoch in deren Wirkung auf die Klangwiedergabe nicht unerheblich sind die Ohrpolster. Hier hat der Käufer die Wahl zwischen einem Kunstleder- und einem Mikrofaserohrpolster. Ein wichtiges Detail für Menschen, die sich Sorgen machen über die Auswirkungen der Elektromagneten auf das menschliche Gehirn, ist dabei das ferromagnetische Gitter, das den Hörer von dem Magnetfeldern des Kopfhörertreibers abschirmt. Dieses ist in beiden Ohrpolstern eingebaut.
Ergonomisch ist der Empyrean einwandfrei. Das Gewicht von 430 Gramm wird durch das «geflügelte» Kopfhörerband und den Springstahlbügel optimal über den Schädel verteilt. Dabei ist zu vermerken, dass das Gewicht des Empyrean deutlich höher sein könnte, wäre das aus einem Stück(!) gefräste Exoskelett des Kopfhörers nicht aus Aluminium. In Sachen Tragekomfort erlaubt sich der Empyrean keine Patzer. Die stattliche Grösse und Form sollte auf jeden Kopf passen, wobei der eher lockere Sitz einer ausgedehnten Musiksession zu Hause oder im Tonstudio keinen Abbruch tun sollte. Da der Empyrean über eine offene Bauweise verfügt, ist er für den Pendlerverkehr ohnehin nicht geeignet.
Auch betreffend Klang sein Geld wert? Die Hörprobe verschafft Klarheit.Dank der mitgelieferten samtigen Mikrofaser-Ohrpolster gibt es den Empyrean gleich in zweifacher Ausführung. Dabei liefern die lederähnlichen Ohrpolster einen originalgetreuen, neutraleren Klang für Puristen, welche ihren Lieblingsaufnahmen nichts hinzufügen oder entfernen möchten. Die Mikrofaser-Ohrpolster hingegen sehen meiner Ansicht nach nicht nur schöner und anschmiegsamer aus, sondern vermitteln eben dieses Gefühl gewissermassen auch beim Hörgenuss. Der Bass wirkt dabei leicht voller, wobei harte Klänge in den höheren Frequenzbereichen dezent gedämpft werden.
Die eben genannte Möglichkeit, die Musik an den eigenen Präferenzen anzupassen, stellt aber lediglich eine Nuance dar, die nichts daran ändert, was der Empyrean im Kern ist. Er ist ein Schöngeist, ein Idealist. Statt über die Massen der harten oder kalten tonalen Realität ins Gesicht zu blicken, lädt er den Hörer ein, zurückzulehnen und es sich so richtig wohlig bequem zu machen und im entrückten hohen Himmel von «Audiophilia» zu schwelgen.
Doch nochmal von vorne und ohne Allegorien: Der Empyrean mag gemäss diversen Messwerten mindestens so präzise sein, wie ein Sennheiser HD800. Doch seltsamerweise wirkt der Empyrean nie dünn, kalt oder unkontrolliert schwülstig. Seine tiefen Klänge reichen in die tiefsten Frequenzbereiche, sind präzise, kraftvoll und zugleich ungemein detailliert. Dies allerdings ohne den viszeralen Schlag vieler Kopfhörer von Audeze.
Die Mitten sind schwer beschreiblich, wobei «makellos» als Begriff verführerisch scheint. Hier muss ich zu Rebecca Pidgeon mit ihrem Song «Spanish Harlem» greifen. Ein Song, den ich oft verwende, um herauszufinden, ob es mein Testsubjekt vermag, der makellos langweiligen Stimme der Sängerin Leben einzuhauchen. Und siehe da: Der perfekten Marmorstimme haftet ein Hauch eines Widerhalls nach, welcher den Hörer dazu verführt, tiefer einzutauchen und sich vollends darin zu verlieren. Sirenenhaft verführerisch. Ich habe bisher keinen Kopfhörer getestet, der in diesem Frequenzbereich der Mitten an Klarheit derart punktet und zugleich so angenehm samtig den Gehörgängen schmeichelt.
Schon alleine durch das technische Vermögen des Empyreans, bis 115 kHz zu reichen, wünschte ich mir die Ohren einer Fledermaus oder zumindest die eines Kleinkindes. Doch Folgendes kann ich mit Gewissheit sagen: Der Empyrean klingt niemals unangenehm scharf, und dies auch bei Aufnahmen, welche unangenehm scharfe Klänge vorweisen. Er ist nichtsdestotrotz sehr präzise in den Höhen. Dies allerdings mit einer ungemeinen Feinheit, die mich derweil buchstäblich auf der Kante des Stuhles fesselt, wenn ich mich auf die Details in diesem Frequenzbereich konzentriere.
Bei dem Vermögen, die Räumlichkeit (oder die Illusion davon) eines Stückes abzubilden, glaube ich immer wieder herauszuhören, dass der Bassbereich in der Tat leicht an einer anderen Stelle gespielt wird als die Höhen und die Mitten. Die Frage ist hier, ob mir mein Gehirn einen Streich spielt, da ich über die Spiral- und die Rückspule von Rinaro weiss. Diesen Eindruck empfinde ich jedoch nie als störend oder gar inkohärent. Vielmehr erleichtert es mir, mich auf jedes Detail der Musik zu konzentrieren und vollkommen darin einzutauchen.
Dank der offenen Bauweise des Empyreans erlebt man ein «ausserhalb des Kopfes»-Erlebnis, das nur offene Kopfhörer vermitteln können – wobei der Empyrean hier meines Erachtens nur ganz selten ernsthafte Konkurrenz bekommt von Kopfhörern, die nicht selten 2000 Franken teurer sind. Was mich gleich zu der Frage bringt, ob der Empyrean klanglich seinen Preis rechtfertigen kann. Dies hängt bestimmt von der Fähigkeit des Besitzers ab, sich der Musik hinzugeben und darin einzutauchen. Ich bin überzeugt, dass der Empyrean jedem ans Herz wachsen kann, der längere Zeit mit ihm verbringt, und dies selbst sehr puristischen, analytischen Musikliebhabern. Deswegen bin ich der Überzeugung, dass der Empyrean in seinem Wert wächst, je länger man sich mit ihm auseinandersetzt, was schlussendlich auch den überaus stattlichen Preis rechtfertigen kann.

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