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Publikationsdatum
8. April 2026
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Audiophile Musikliebhaber investieren viel in ihre Anlage und konzentrieren sich dabei oft auf deren Optimierung. Was dabei leicht in den Hintergrund gerät, ist das Wissen über das Programmmaterial selbst – denn wer nicht weiss, wie eine Aufnahme entstanden ist, zieht am Ende vielleicht die falschen Schlüsse.

Besonders wenn es um Raumauflösung geht, muss vieles zusammenpassen, damit ein Album künstlerisch und klangtechnisch als herausragend gilt. Die fundamentalen Faktoren, die dabei die Grundlage bilden, kommen noch vor jeder Feinabstimmung und jedem persönlichen Klangempfinden.

Klassik, Jazz oder Pop

Rein akustische Ensembles müssen zwangsläufig als Gesamtheit in einem Raum mit Mikrofonen aufgezeichnet werden, was auch massgeblich für das organische Zusammenspiel der Musiker notwendig ist. Somit ist ein direkter Vergleich zwischen Original und Reproduktion über Audiosysteme möglich – theoretisch.

Der Klangkörper muss bei Wiedergabe aufgefächert auf der Lautsprecherachse und der Raumtiefe dargestellt werden – Aspekt Raumauflösung, also die Position der Stimmen und Instrumente. Ebenso sollte das Timbre (Klangfarbe) zwischen Original und Konserve übereinstimmen. Da jedes Element der Aufnahme- und Wiedergabekette nie hundertprozentig akkurat arbeitet, kommt es immer zu Verschiebungen der Klangfarbe und der Raumauflösung.

Das maximal Mögliche ist folglich eine Näherung an das Original, nie die hundertprozentig korrekte Reproduktion. Neben den Raumeinflüssen sind Mikrofone und Lautsprecher die Komponenten, die das Musiksignal am meisten beeinflussen. Dagegen sind die digitale Signalverarbeitung und Speicherung am wenigsten kritisch. Werden im Aufnahmeprozess oder beim Mastering bewusst analoge anstelle von digitalen Komponenten im Signalweg eingeschlauft, will man dem Klangresultat bewusst die für analoge Geräte typische Signatur aufdrücken.

Die Produktion eines Albums ist ein kreativer Prozess. Geht es bei klassischer Musik, respektive einem akustischen Ensemble, primär um das Dokumentieren eines real existierenden Klangereignisses, ist bei Pop- und Mainstream-Produktionen die Nachbearbeitung (Mastering) ein wesentlicher Teil des kreativen Prozesses. Und im Umkehrschluss zur Klassikaufnahme: Das Klangbild, die Struktur eines Pop-Albums hat in dieser Form in der realen Welt nicht stattgefunden, es wurde im Studio stufenweise kreiert.

Beispiel für realistische Musik-Reproduktion

Exemplarisch für klanglich und interpretatorisch hochwertige Einspielungen ist die Haydn-2032-Edition. Die in der Realisation befindliche Gesamtaufnahme aller 107 Haydn-Symphonien steht bei der 18. Ausgabe.

Klanglich und interpretatorisch bieten viele, aber nicht alle der 18 Alben viel Hörgenuss. Wer das Begleitheft zu den Alben genau studiert, stellt Folgendes fest: Seit Volume 6 ist für Aufnahme, Mischung und Mastering und die Aufnahmeleitung ein und dieselbe Person verantwortlich: Jean-Daniel Noir vom Studio Noir.

Das Studio befindet sich in Grandevent am Jurasüdfuss, einem sehr ruhigen Ort in Hanglage oberhalb des Neuenburgersees. Jean-Daniel Noir war im Januar 2026 am Mastern der 19. Ausgabe der Haydn-2032-Edition. Die Gelegenheit für einen Besuch in Grandevent, um mit Noir über die Aspekte seiner Arbeit und die Faktoren für guten, realitätsnahen Klang zu sprechen.

Das Studio Noir …

… wurde von Jean-Daniel Noir 2001 gegründet. Noir ist Toningenieur und künstlerischer Leiter, spezialisiert auf Tonaufnahmen, Mischung und Mastering von klassischer Musik. Diese Spezialisierung ermöglicht es, wie wir später sehen werden, sich mit der Materie in der Tiefe auseinanderzusetzen.

Jean-Daniel Noir ist in Personalunion Toningenieur, Produzent und künstlerischer Leiter.Jean-Daniel Noir ist in Personalunion Toningenieur, Produzent und künstlerischer Leiter.

Aufnahmen mit klassischen Ensembles finden mehrheitlich ausserhalb von Aufnahmestudios statt. Die meisten Studios sind zu klein für grosse Klangkörper. Ebenso spielt die Akustik des Aufnahmeraumes eine wichtige Rolle. Sie muss zur Komposition und dem Klangkörper passen.

Es ist naheliegend, dass ein Aufnahmestudio, das sich ausschliesslich mit der Einspielung akustischer Musik befasst, anders ausgestattet ist als ein Universalstudio für unterschiedliche Genres, Produktionsabläufe und alle Arten von akustischen und elektrischen Instrumenten.

Die zahlreichen Aktivlautsprecher an den Wänden und an der Decke dienen der Raumsimulation und für Mehrkanalprojekte (z. B. Atmos).Die zahlreichen Aktivlautsprecher an den Wänden und an der Decke dienen der Raumsimulation und für Mehrkanalprojekte (z. B. Atmos).

Die Einspielungen der Haydn-Sinfonien finden alternierend mit dem Basler Kammerorchester im Musik- und Kulturzentrum Don Bosco in Basel und mit dem von Antonini gegründeten Ensemble Il Giardino Armonico im Gustav-Mahler-Saal in Toblach, Südtirol, statt.

Das Studio Noir selbst eignet sich zur Aufnahme von Einzelinstrumenten oder Kammerformationen (z. B. Streichquartett). Der akustisch optimierte Raum ist zusätzlich mit einer Vielzahl von aktiven Kompaktlautsprechern an Wänden und Decken bestückt. Damit lässt sich durch Hallsimulation die Illusion eines viel grösseren Raums herstellen. Mittels Presets lässt sich der Raumeindruck von verschiedenen realen Sälen und Kirchen abrufen.

Aufnahmesitzung: Die Symbiose zwischen Dirigent und Aufnahmeleiter

Die grosse Kunst der Schallaufnahme hat eine lange Geschichte, seit Thomas Alva Edison 1877 mit dem Satz «Mary had a little Lamb» zum ersten Mal ein flüchtiges Schallereignis auf einer Wachswalze gespeichert und anschliessend wiedergegeben hat. Die heutige digitale Technik erlaubt einen atemberaubenden Realismus bei der Musikwiedergabe.

Allerdings muss die Technik auch intelligent und mit dem Anspruch an diesen Realismus eingesetzt werden. Und das beinhaltet auch eine enge Zusammenarbeit zwischen Interpreten, Dirigent und künstlerischem Leiter am Mischpult, respektive der Digital Audio Workstation. Es entsteht eine Symbiose zwischen der Interpretationskraft des Dirigenten und seinen Musikern sowie den Intentionen und Fähigkeiten des Toningenieurs.

Die Produktionsmethode entscheidet! Ein auf klassische Musik spezialisiertes Tonstudio, das mehrheitlich Aufnahmen in Kirchen oder Konzertsälen realisiert, benötigt weniger Hardware, da massiv weniger mit Tonmanipulation und Effekten gearbeitet wird.Die Produktionsmethode entscheidet! Ein auf klassische Musik spezialisiertes Tonstudio, das mehrheitlich Aufnahmen in Kirchen oder Konzertsälen realisiert, benötigt weniger Hardware, da massiv weniger mit Tonmanipulation und Effekten gearbeitet wird.

So sitzt Jean-Daniel während der Aufnahmesitzung nicht abgeschottet in einem abgelegenen Regieraum, sondern im Saal, nah bei den Musikern, was direktere Interaktionen ermöglicht. Noirs Aufgabe als künstlerischer Leiter ist es, auf Intonation und zeitrichtiges Zusammenspiel der Register oder einzelner Musiker zu achten und zu korrigieren. Sei dies als Wiederholung während der Aufnahmesitzung oder später beim Mischen und Mastern.

Noir bevorzugt die Nähe zum Orchester und Dirigenten, da dies eine wesentlich intensivere und direktere Kommunikation ermöglicht als abgeschottet in einem Regieraum und mit Talkback-Mikro.Noir bevorzugt die Nähe zum Orchester und Dirigenten, da dies eine wesentlich intensivere und direktere Kommunikation ermöglicht als abgeschottet in einem Regieraum und mit Talkback-Mikro.

Aufnahmetechnik

Wenn der Toningenieur mit seinen Aufnahmegeräten im gleichen Raum wie das Orchester sitzt, ist das Arbeiten mit lüfterlosen Geräten zwingend. Diese räumliche Nähe ermöglicht zudem kürzere Kabellängen. Während viele Studios dem Thema Kabel kaum Beachtung schenken, ist dies für Noir ein Faktor für ein überzeugendes Klangresultat.

Noir arbeitet sehr eng mit dem renommierten Westschweizer Studiogeräte- und Softwareproduzenten Merging Technologies SA zusammen, die 2022 von der Sennheiser-Gruppe übernommen wurde. Merging arbeitet eng mit Neumann, Berlin zusammen, die ebenfalls zur Gruppe gehört. Die eingesetzten AD/DA-Wandler und die DAW-Software Pyramix stammen folglich von Merging. Verstärker und Lautsprecher kommen von YBA aus Frankreich.

Qualitätsentscheidend für jede Aufzeichnung von akustischen Instrumenten sind die Mikrofone, deren Platzierung im Raum, in Relation zu den Musikern, und die Aufnahmemethode. Zu Letzterem später mehr. Die beiden prägendsten Elemente in der gesamten Aufnahme-Wiedergabekette sind die Mikrofone am Anfang und die Lautsprecher am Ende der Kette. Hier erfolgt die kritische Umwandlung von Schallenergie in elektrische Energie und umgekehrt. Und immer ist auch ein Raum und seine Akustik involviert!

Wie Lautsprecher sind auch Mikrofone keine perfekt linearen Energiewandler. Beide haben eine Klangsignatur, die von sehr verfärbt bis sehr klangneutral geht. Wobei klangneutral als mit geringstmöglichen Verfärbungen, Verzerrungen und Zeitfehlern definiert wird. Dies wissend, setzt ein Toningenieur gezielt unterschiedliche Mikrofone für die jeweiligen Instrumentenregister ein. Ein Mikro mit weniger Sensitivität im Bassbereich, aber exzellenter Linearität und Phasenstabilität im Mittel- und Obertonbereich eignet sich für Instrumente im oberen Klangregister.

Aufnahmemethode

Ein Orchester, wie das Basler Kammerorchester, umfasst rund 45 Musiker. Ein solcher Klangkörper hat auch eine physische Ausdehnung im Raum. Die übliche Aufnahmemethode besteht aus zwei Hauptmikrofonen in der Mitte vor dem Orchester und weiteren Mikrofonen nahe bei einzelnen Instrumenten oder Instrumentengruppen – Stützmikrofonen. Auf diesem Grundmuster basieren Variationen wie die als AB oder XY bezeichnete Anordnung der zwei Hauptmikrofone.

Aufnahme Haydn-2032-Edition, Volume 12 «Les Jeux et les Plaisirs» mit dem Kammerorchester Basel und Giovanni Antonini im brandneuen Don-Bosco-Saal in Basel.Aufnahme Haydn-2032-Edition, Volume 12 «Les Jeux et les Plaisirs» mit dem Kammerorchester Basel und Giovanni Antonini im brandneuen Don-Bosco-Saal in Basel.

Kleiner Exkurs: Ein stereophones Klangbild mit zwei Lautsprechern kann entweder mit einer Zeitdifferenz (Phase/AB) oder einer Lautstärkedifferenz (Pegel/XY) zwischen dem linken und dem rechten Lautsprecher erzeugt werden. Auch ein Verbund von Pegel- und Zeitdifferenz ist möglich.

Für ein räumlich und tonal realistisches Klangbild setzt Jean-Daniel Noir auf eine besondere Form der AB-Stereophonie mit Stützmikrofonen. So sind auf dem Hauptmikrofonbalken zwei Mikrofonpaare montiert. Das Hauptpaar besteht aus zwei Neumann M150, ergänzt durch zwei Josephson C600 oder DPA 4006AE oder zwei Sonodore LDM-54 (falls grosse Membranen bevorzugt werden), um das etwas scharfe Spektrum des M150 in seiner speziellen, modifizierten Konfiguration auszugleichen. Wie diese zusammenarbeiten, wird im Abschnitt «Mastering» erläutert.

Noir setzt auf zwei Hauptmikrofone, die auf getrennten Stereospuren aufgenommen werden (4 Kanäle).Noir setzt auf zwei Hauptmikrofone, die auf getrennten Stereospuren aufgenommen werden (4 Kanäle).
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