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Publikationsdatum
13. Mai 2026
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Wilson Audio aus Provo, Utah, gehört seit über fünfzig Jahren zu den Fixsternen am Lautsprecher-Himmel. Gegründet 1974 von David A. Wilson und seiner Frau Sheryl Lee Wilson. Die Manufaktur prägte den Begriff «Time-Alignment», also die zeitrichtige Anordnung der Treiber, und hob das Thema resonanzarmer Gehäuse auf ein ganz neues Level. Mit der Watt/Puppy etablierte sie in den 1990er-Jahren einen der einflussreichsten Studio- und High-End-Lautsprecher überhaupt. Spätere Modelle wie der WAMM Master Chronosonic und die Chronosonic XVX führten die Mehrwege-Modul-Bauweise weiter.

Der Modellname Autobiography ist Programm. Wilson Audio versteht das neue Spitzenmodell als Bilanz der eigenen Firmengeschichte. Als Verdichtung von fünf Jahrzehnten Lautsprecherbau. Geführt wird das Unternehmen seit dem Tod des Gründers 2018 von dessen Sohn Daryl Wilson. Mit der Autobiography rückt sein erstes Topmodell über die Chronosonic XVX und sogar über den WAMM Master Chronosonic. Letzteren, das Vermächtnis David Wilsons, wollte sein Sohn bewusst nicht antasten.

Die Wilson Audio Autobiography in voller Grösse.Die Wilson Audio Autobiography in voller Grösse.

Die Autobiography ist ein Fünf-Wege-System. Wilson Audio nennt die Treiberanordnung M(MTM)M: aussen je ein grosser Mitteltöner, in der Mitte eine symmetrische Einheit aus zwei kleineren Mitteltönern und einem Hochtöner. Sämtliche Chassis wurden für dieses Modell neu entwickelt. Die obere Sektion heisst bei Wilson Audio Gantry – ein portalartiger Tragrahmen, der die fünf Mittelhochton-Treiber aufnimmt.

Im Zentrum des Gantry sitzt der frontstrahlende Hochtöner FFT, eine Ein-Zoll-Seidenkalotte. Sie stammt aus Wilsons Convergent-Synergy-Reihe, der hauseigenen Hochtöner-Familie. Teile davon werden neu lasergesintert. Beim Lasersintern verschmilzt ein Laser feines Pulver schichtweise zu komplexen Bauteilen. So lässt sich die neue, rückwärtige Resonanzkammer formen, die innere Reflexionen mindern und das Grundrauschen senken. Links und rechts davon sitzen zwei neue Zwei-Zoll-Mitteltöner namens MID, kurz für «Midband Integration Driver». Ihre Aufgabe: den Übergang füllen zwischen der schnellen Hochtonkalotte und den grossen Sieben-Zoll-Treibern. Also in jenem Bereich, in dem das Gehör am empfindlichsten arbeitet.

Gantry-Aufbau: Wilson Audio nennt den portalartigen Rahmen so, der die fünf Mittelhochton-Treiber aufnimmt. Zentral sitzt der frontstrahlende Hochtöner FFT, eine Ein-Zoll-Seidenkalotte.Gantry-Aufbau: Wilson Audio nennt den portalartigen Rahmen so, der die fünf Mittelhochton-Treiber aufnimmt. Zentral sitzt der frontstrahlende Hochtöner FFT, eine Ein-Zoll-Seidenkalotte.

Ober- und unterhalb der MTM-Einheit arbeiten zwei Sieben-Zoll-Mitteltieftöner namens PentaMag. Sie sind eine Weiterentwicklung des QuadraMag-Antriebs. Neu sind es fünf statt vier AlNiCo-Magnete aus Aluminium, Nickel und Kobalt. Wilson Audio verspricht dadurch eine kräftigere und stabilere Antriebskraft. Auf der Rückseite sitzt zusätzlich ein Hochtöner mit invertierter Carbonfaser-Kalotte, der RFT. Er deckt 6 bis 22 Kilohertz ab. Sie können ihn stufenlos von 0 bis -40 Dezibel absenken und so den räumlichen Eindruck an Ihren Hörraum anpassen.

Den Tiefton übernehmen zwei unterschiedlich grosse Konus-Treiber mit 12 und 15 Zoll. Wilson Audio betont, sie seien als untrennbares Paar konzipiert. Die Reflexöffnungen lassen sich werkzeuglos nach vorn oder hinten umkonfigurieren. Auch das Time-Alignment hat Wilson Audio neu gedacht. Über ein Schlittensystem mit Zahnrädern und beschrifteten Skalen lassen sich die beiden Sieben-Zoll-Module sowie der MTM-Rahmen einzeln ausrichten. Alles ohne Werkzeug. Wilson Audio beansprucht, damit jene Zeitrichtigkeit zu übertreffen, die in der Chronosonic XVX und sogar im WAMM erreicht wurde.

Front-Bass und Reflexöffnung der Autobiography. Per Druckknopf wendet sich der Port. Frontstrahlend nimmt der Schalldruck zwischen 75 und 130 Hertz um bis zu 2 dB zu, darunter leicht ab; rückseitig kehrt sich das Verhältnis um.Front-Bass und Reflexöffnung der Autobiography. Per Druckknopf wendet sich der Port. Frontstrahlend nimmt der Schalldruck zwischen 75 und 130 Hertz um bis zu 2 dB zu, darunter leicht ab; rückseitig kehrt sich das Verhältnis um.

Konstruktiv setzt die Autobiography auf das Materialarsenal des Hauses. Das X-Material ist Wilsons Eigenentwicklung: ein hochdichtes Phenolharz-Komposit, also eine Art Kunststein aus Phenolharz mit Füllstoffen. Daraus fertigt der Hersteller die Gehäuse, weil das Material steifer und resonanzärmer sei als Holz. Das V-Material kommt an allen Koppelstellen zum Einsatz – ein viskoelastischer Dämpfer, der Schwingungen schlucken soll, bevor sie weiterwandern.

Das H-Material schliesslich ist ein verwandtes Phenolharz-Komposit, das im Gantry verbaut wird. Dazu kommen Carbonfaser, Aluminium aus dem Flugzeugbau, Edelstahl, Kupfer und Gold. Mehr als 1800 Einzelteile stecken in einem Lautsprecher. Die Frequenzweiche ist Punkt-zu-Punkt verdrahtet, also ohne Leiterplatte und mit handverlöteten Verbindungen. Die Kondensatoren stammen von Reliable Capacitor (Rel-Cap), einem Wilson-Tochterunternehmen für Audio-Kondensatoren. Die Fertigungstoleranz wird mit 0,2 Prozent angegeben.

Perfektion bis ins letzte Detail am Beispiel der Kabelführung.Perfektion bis ins letzte Detail am Beispiel der Kabelführung.
Die Autobiography ginge mit ihrer mechanischen Präzision auch als überdimensionierte Luxusuhr durch.Die Autobiography ginge mit ihrer mechanischen Präzision auch als überdimensionierte Luxusuhr durch.

Der Wirkungsgrad liegt bei 89,5 Dezibel (1 Watt, 1 Meter). Die nominale Impedanz beträgt vier Ohm, im Minimum 2,1 Ohm bei 293 Hertz. Wilson Audio empfiehlt entsprechend kräftige Endstufen ab 100 Watt pro Kanal. Den Frequenzgang gibt der Hersteller mit 18 Hertz bis 36 Kilohertz an, gemittelt als Raumantwort mit zwei Dezibel Toleranz. Pro Seite bringt die Autobiography 372 Kilogramm auf die Waage und ragt 206 Zentimeter in die Höhe.

Der US-Listenpreis liegt bei 788'000 Dollar pro Paar. Für Europa kursieren rund eine Million Euro. Damit spielt die Autobiography in der Liga von Magico M9, Estelon Extreme oder Göbel Divin Noblesse. In Wilson Audios Lesart ist sie weniger Neuentwicklung als Bilanz – ein Modell, das fünfzig Jahre Innovation zusammenführt. Was sie heraushebt, ist der mechanische Justieraufwand für das Time-Alignment, der konkurrenzlos bleibt. Persönlich bin ich überzeugt, dass auf Interessierte – trotz der Preise – lange Wartefristen zukommen. In der Schweiz vertreibt Audio-Video Spalinger in Dietlikon die Marke direkt ab Werk und betreut die Deutschschweiz und die Romandie. Einen offiziellen Schweizer Preis hat Wilson Audio bislang nicht kommuniziert.