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Publikationsdatum
30. Mai 2019
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An Leitmessen wie der High End in München geht es unter anderem auch darum, die Aufmerksamkeit der Medien zu gewinnen. Neue Produkte zu präsentieren, ist im Allgemeinen der Aufhänger. Gunter Kürten, der neue Chef des Traditionsherstellers Thorens hat allen vorgemacht, wie man das macht. «Die Spannung steigt», war im Vorfeld in den sozialen Medien und den Fachmedien zu vernehmen.

An der Messe dann die Überraschung mit der «One last thing»-Präsentation des Prototypen eines nagelneuen TD124, genannt TD124DD. DD steht für Direct Drive. Mutig ist das schon, einen so legendären Plattenspieler mit quasi identischer Optik und völlig neuem Antrieb zu lancieren. Aber kommt das gut?

Die Traditionalisten werden diese Frage mit einem fetten NEIN beantworten. TD124 heisst Reibrad-Antrieb (in diesem Fall mit Riementransmission). Ein Antriebskonzept, das zu Beginn der 1970er-Jahre vor allem aus Kostengründen aus der Mode kam: zu viele Einzelteile, zu hohe Montagekosten. Mit Direct Drive konnten die Traditionalisten nie viel anfangen, wohl auch zu Unrecht. Inwieweit Reibrad-Antriebe wirklich zu bevorzugen sind, stelle ich in die Ecke. Die Traditionalisten werden den TD124DD kaum kaufen.

Kommt hinzu, dass die Orginalgeräte aufgrund ihrer Unverwüstlichkeit und den damals grossen Stückzahlen (zwischen 1959 und 1966) heute noch gebraucht für 1000 bis 2000 CHF oder günstiger zu finden sind. Ist dann noch eine professionelle Restaurierung nötig (Spezialisten und Ersatzteile sind vorhanden), gibt man im Endeffekt etwa 5000 CHF für das restaurierte Original aus. Wie viel der neue TD124DD kosten wird, ist noch geheim, aber vermutlich wird's ein teurer Spass. Stichworte: Formgefrästes Chassis, neuer Tonarm (TP124), integrierter Lift.

Prototyp des TD 124 DD mit Direktantrieb und neuen Tonarm TP 124 (dem Original TP 14 zum Verwechseln ähnlich).

Der Vinylboom lebt aber nicht von den Traditionalisten, also sind sie nicht relevant. Die Leute, die sich dereinst einen TD124DD kaufen, werden auf die Tradition von Thorens setzen – und beim TD124DD wird diese auch sichtbar und fühlbar. Die Leute wollen ein neues, tadelloses Produkt kaufen, und nicht ein Restaurierungsprojekt managen. Neue Technik und eine lange Tradition sind gefragt. 

Kürten meint es ernst. Die Thorens-Tradition wurde nicht immer ernsthaft gelebt. Zu lange hat man sich etwas geziert, wirklich Wertiges zu bringen. Um die Subchassis-Plattenspieler machte man zu lange einen zu grossen Bogen und achtete zu wenig auf Traditions-Anknüpfung. Mit dem neuen TD1600 und TD1601 legt man nun zu einem zahlbaren Preis den berühmten TD160 neu auf (mit oder ohne Endabschaltung) und knüpft nahtlos an die Tradition an. Der wird sich verkaufen, da bin ich mir sicher. 

Eine Topüberraschung von Thorens ist auch das neue Wiedergabe-Tonbandgerät TM1600, hergestellt vom Spezialisten Ballfinger mit gleichen Abmessungen (ohne Spulen) wie der TD1600-Plattenspieler. 12'000 EUR soll es kosten, vorerst auf 100 Stück limitiert, erhältlich ab Sommer 2020. Die nur auf Wiedergabe ausgelegte Bandmaschine hat drei Antriebsmotoren sowie eine neue Bandführung. Sie ist nur 50 mm hoch und richtet sich an die wachsende Zahl von Musikhörern, die analog ab Masterbandkopien hören.

Ja, das ist teuer. Aber auch hier gilt: Das ist nix für Traditionalisten. Die haben schon «sozial-medial» beklagt, dass das Gerät keine VU-Meter hat (... die man für Wiedergabe auch nicht braucht) und dass es zu teuer ist. Lasst die Unken unken! Die Traditionalisten werden das Gerät nicht kaufen, denn auch dieses Gerät ist auf eine neue Kundschaft ausgerichtet. Die wollen sich einfach ein tolles Tonbandgerät kaufen. 

Im Unterschied zum TD124DD gibt es aber keine Bandmaschinen-Tradition bei Thorens. Darum kommen Kooperationspartner ins Spiel. Vermutlich ist es das Risiko trotzdem wert, denn es geht ja vor allem darum, traditionell gut verankerte Ikonen der analogen Musikwiedergabe zu schaffen. Das wirkt sich dann positiv auf das Geschäft mit den Brot-und-Butter-Produkten aus.

Die Schweizer Uhrenindustrie hat's vorgemacht.

Die Bandmaschine TP 1600 ist auschliesslich für Wiedergabe ausgelegt.
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