Test des Astell&Kern KANN: Der Kantor
KANN dem Drang nach billigen Wortspielen kaum widerstehen.Die Ankündigung des Astell&Kern KANN wurde auf mannigfaltige Weise als eine Kampfansage verstanden. Mit dem Schlachtruf «One player to rule them all» (ein Player, um sie alle zu beherrschen) zog das neue «Mittelklassegerät» der Koreaner von Iriver Ltd. ebenso viel Aufmerksamkeit auf sich wie das eigenwillige Design. Der Schlachtplan hinter der Kampfansage entfaltet sich für geübte Augen folgendermassen.
Beherrsche die Kopfhörer: Durch den integrierten Verstärker, der in seiner Leistungsfähigkeit selbst den des bisher ungeschlagenen Lotoo Paw Gold in den Schatten stellt (um ca. 10 db in der Praxis), können Kopfhörer bis 600 Ohm mit einer zufriedenstellenden Lautstärke und Klangleistung bei 4Vrm (unsymmetrisch) resp. 7Vrm versorgt werden.
Beherrsche den Speicherplatz: Der KANN verfügt sowohl über MicroSD als auch über einen SD-Karten-Schlitz. Eine Wohltat für alle, die durch den Verzicht an MP3-Daten händeringend um Speicherplatz kämpfen.
Beherrsche die Akkulaufzeit: Mit seinem 6200-mAh-3.7-Li-Polymer-Akku, der über USB-C schnell geladen werden kann, ist eine Musikwiedergabe (Flac, 16 bit) von bis zu 15 Stunden möglich – vorausgesetzt, der integrierte Verstärker bleibt ausgeschaltet. Nur einer kann länger.
Beherrsche die Dateiformate: Das Musikformat, das der KANN nicht abspielen kann, muss erst noch gefunden werden. Mit der Unterstützung von MQA-Dateien (Master Quality Authenticated) ist der KANN bereit für die Zukunft.
Beherrsche die Massen: Es gibt (gab) einen Kern von Audiophilen, die Astell&Kern vorwarfen, sie seien nicht in der Lage, ein Gerät auf den Markt zu bringen, das sich unter Kennern Preis-Leistungs-technisch behaupten könne. Ebenso wurde langjährig die begrenzte Akkukapazität der Marke bemängelt.
Wahrlich furchteinflössend offenbarte sich Liebhabern des portablen Audio (und A&K-Muffel) dieser geschickt inszenierte Schlachtplan. Jedoch hat der eigenwillige Spross der Koreaner auch Dinge, die ihm zum Verhängnis werden können. Zum einen ist der KANN mit seinen 7,1 x 11,5 x 2,5 cm für ein portables Gerät sehr gross, sodass ich beim KANN versucht bin, von einem transportablen statt einem portablen Gerät zu sprechen.
Ebenfalls ist die Trapezform mit der Wellentextur ein Novum, an das man sich trotz des hochwertigen Duraluminium (bekannt aus der Flugzeugindustrie) erst noch gewöhnen muss. Die EOS-blaue Alternative zum gängigen Grau kann hierbei sowohl Fluch als auch Segen sein.
Überzeugend ist die bewährte Steuerung durch die Menüs per 480x800-WVGA-Touchscreen. Angenehmes Detail dazu: Durch eine oranges Play-Zeichen führt das System Musikliebhaber durch die Unterverzeichnisse, bis sie beim derzeit abgespielten Musikstück landen. Ein Segen bei über 300 Musikalben.
Ebenfalls ein Muss für den zeitgemässen KANN ist die Unterstützung von Tidal, MOOV und Groovers+. Leider ist die Stärke des WLAN traditionellerweise eher schwach. Zeitgenössisch ist mittlerweile auch der symmetrische Ausgang sowie ein optischer als auch ein Line-out-Ausgang für den Anschluss an ein Boxensystem.
Klanglich hatte ich Befürchtungen, als ich den einzelnen AKM-AK4490-Chip sah. Man erinnere sich an den gut halb so teuren FiiO X5 lll, der gleich zwei dieser Chips aufzubieten hatte. In der Praxis erkannte ich allerdings nur Ähnlichkeit bei der «Fleischigkeit» des Basses.
Ansonsten überraschte mich der KANN durch die ungeschlagene Weite und Natürlichkeit der Klangbühne sowie eine überzeugende Anordnung der Instrumente darin (Imaging). Bestechend klar und durch seine offen scheinende Weite spielte sich der KANN in mein erst widerwilliges Herz.
Beim KANN sieht man, dass ein einzelner, durch einen guten Analog-Verstärker unterstützter Digital-Analog-Wandler wertvoller ist als eine dürftig mit Kraft versorgte Übermacht. Dieser Umstand lässt mich den KANN mehr als versierten und leidenschaftlichen Kantor sehen als einen blutrünstigen Dschingis Khan (letztes Wortspiel), der grossspurige Drohungen ausspuckt.
Der KANN ist ein fantastischer Alleskönner und gleichzeitig ein überzeugender Kandidat in der Rubrik Preis/Leistung. Wer noch genug Platz in seinen Taschen hat, krafthungrige Kopfhörer sein Eigen nennt und nicht auf zeitgemässe technische Details verzichten möchte, der findet um den KANN keinen Weg.
Eigenwillig und doch sehr überzeugend.Test des Lotoo Paw Gold: DER Fetisch
Grundsolide mit goldenem Kern.Trotz seines Äusseren und dem Format von 6 x 10,4 x 2,5 cm und seiner überaus Robusten Bauweise ist der Lotoo Paw Gold (LPG) keinesfalls «another brick in the wall» – ein einfacher weiterer Ziegelstein in der Gemeinschaft der digitalen Audioplayer. Bei seinem Erscheinen vor bald gut zwei Jahren fand der LPG vor allem in der audiophilen Szene Anklang. Seit kurzem ist der Paw Gold erstmals für 1699 Euro auf Amazon erhältlich.
In der breiten Masse für Aufsehen zu sorgen, fällt dem Lotoo Paw Gold verständlicherweise schwer. Seine Hardwareknöpfe und sein vergleichsweise winziges Saphir-OLED-Display passen so gar nicht zu der Generation Smartphone/Smart-DAP. Das Menü des LPG versetzt mich regelmässig in Erinnerung zurück an den Hifiman Megamini. Ebenfalls kein WLAN und kein Bluetooth können hier verwendet werden. Auch von einem symmetrischen Anschluss fehlt jede Spur.
Trotz der antiquierten Bedienung flitzt der Benutzer mit etwas Übung in Windeseile durch die Menüs und die Musikverzeichnisse, vorausgesetzt man unterteilt Letztere in kleine Karteien, wie A-C, D-F usw. Mittlerweile bin ich überzeugt, dass ich mich mit dem Paw Gold schneller durch die Menüs bewege als mit jedem Smart-DAP.
Unerträglich wird es für mich, sollte ich das Bedürfnis haben, eine Änderung am Equalizer vorzunehmen. Bei solchen Abläufen ist und bleibt die Bedienung fummelig und es ist eine Qual, jeden Wert einzeln einzugeben und zu bestätigen.
Genug der Schwächen. Der Lotoo Paw Gold verdient nämlich seinen Platz hier im Vergleichstest, denn er ist der Inbegriff von einem Kraftpaket. Sein bewährter Digital-Analog-Wandler von Burr-Brown wird von dem überaus kraftvollen LME49600-Verstärker unterstützt. Eine bisher ungeschlagene Kombination, die bisher nirgendwo auf dem portablen Audiomarkt zu finden ist.
Das bedeutet, dass der LPG wie der KANN von A&K so ziemlich jeden Kopfhörer nicht nur abspielen, sondern auch zum Singen bringen kann. Eine Fähigkeit, die mit hoher Wahrscheinlichkeit auch die Techniker von iRiver zu der Entwicklung des KANN inspiriert hat.
Diese Annahme entstammt aus der Tatsache, dass der KANN technisch den LPG stets, wenn auch nur leicht, auf dem Papier übertrumpft. Der KANN ist knapp leistungsstärker, was die Lautstärke anbelangt, hat einen leicht grösseren Akku als die 6000-mAh-3.7-Li-Polymer-Batterie des LPG, hat neben dem SD-Kartenslot auch MicroSD, kann auch MQA abspielen, hat Bluetooth und WLAN, hat ein zeitgemässes Touchscreen-Display usw. Beide Geräte sind eher klobig, wobei der LPG jedoch um einiges besser in eine Hosentasche passt.
Doch in einer Disziplin, die bei diesem technischen Pinkelwettbewerb vergessen geht, bleibt der Lotoo Paw Gold stark und auf seine Art dem KANN überlegen: Es ist die Klangqualität.
Wo der KANN auf Weite setzt bei der Klangbühne, geht der LPG um ein vielfaches in die Tiefe und tut dies auf eine glaubhafte Weise, die keine einfache technische Spielerei zu sein scheint.
Jeder Ton des gesamten Klangspektrums ist unheimlich kraftvoll und strotzt mit einer Lebendigkeit, die unbeschreiblich analog (also nicht digital) klingt. Der Bass ist nicht fleischig oder etwas ledrig wie beim KANN, sondern hat trotz seiner Kräftigkeit eine Lockerheit, die sehr natürlich klingt. Wo der fantastisch klingende P2 von Cowon durch seine zurückhaltende, ausgeglichene und klare Schönheit besticht, sprudelt beim LPG die Musik einem mit einer Lebendigkeit entgegen, die in Anbetracht der heutigen Rückkehr zu analogen Datenträgern zeitlos scheint.
Der Lotoo Paw Gold ist durch sein Retro-Erscheinungsbild und seinen Fokus auf schiere Klangqualität definitiv ein Fetisch, der wohl immer ein Nischendasein fristen wird. Der LPG ist ein treuer Begleiter, der anders als seine Konkurrenz einen Sturz mit hoher Sicherheit überleben wird. Wer die Extrameile geht für extravaganten Klang und dabei sozialer Akzeptanz bei der Wahl von Elektrogeräten abgeschworen hat, der wird im Lotoo Paw Gold einen Weggefährten finden, der einen mit hoher Wahrscheinlichkeit länger begleiten wird als seine Konkurrenz.
Klanglicher Goldjunge.
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