Beginnen wir ausnahmsweise mit dem Ende. Als ich das Stealth-Kabelset wieder zurückbringen musste, hatte ich ein Déja-vu! Als ich nämlich meinen letzten runden Geburtstag feierte, habe ich mir für ein paar Stunden einen Ferrari Spyder gemietet und ein paar unvergessliche Stunden mit meinen beiden Söhnen in diesem Wahnsinns-Sportwagen genossen. Als ich das Auto wohlbehalten zurückgebracht habe und dem Vermieter die Schlüssel in die Hand drückte, wusste ich: A, dass ich mir so ein Auto nie werde leisten können und B, dass dieses Erlebnis einmalig sein würde. Genau dieses Gefühl beschlich mich auch, als ich die Stealth-Kabel wieder wohlbehalten ablieferte.
Kabel sind ja die am heissesten diskutierte Produktegattung im ganzen Highend-Audio-Universum. Messwert-Gläubige sind möglicherweise der Meinung, dass 4 mm reines Kupfer und anständige Stecker für ein Lautsprecherkabel ausreichen. Den Rest verweisen sie ins Märchenreich – oder wie die Amerikaner sagen: sie tun es als «Schlangenöl» ab. Auf der anderen Seite des Spektrums gibt es die Hardcore-Kabelfans, die für Kabel mindestens so viel oder noch mehr Geld ausgeben als für die Komponenten. Ihr Argument ist, dass ja die Kabel eine Verlängerung ihrer wertvollen Geräte darstellen und somit entscheidend für die Klangqualität ihrer Preziosen sind. Für die Kabel-Nicht-Fans ist der nachfolgende Test wohl weniger spannend, für die Fans hingegen umso spannender!
Stealth Audio – Firma und Historie
Der englische Begriff «Stealth» heisst auf Deutsch «List» oder «Täuschung» – ein Begriff, der mir vor allem im Zusammenhang von Tarnkappen-Flugzeugen untergekommen ist. Bei Stealth Audio ist «STEALTH» aber ein Kunstwort, das folgende Begriffe beinhaltet:
STEALTH ist also eine Abkürzung.Stealth Audio ist wie bereits erwähnt keine neue Marke im Kabelmarkt, sondern seit Ende der Neunziger-Jahre im Markt. Mit dem 2004 präsentierten Indra Signal hat Stealth Audio den Durchbruch im Ultra-Highend-Kabelmarkt geschafft. Der Firmengründer und Mastermind hinter Stealth Audio ist Serguei Timachev. Timachev ist eine der schillerndsten Personen in der schon reich an interessanten Menschen gesegneten Highend-Audio-Branche. Er ist in der ehemaligen Sowjetunion aufgewachsen, hat dort zuerst Musik und dann Ingenieurwissenschaften studiert, bevor er Anfang der 90er-Jahre aus Neugier in die USA emigriert ist.
Sein Leben wäre wohl ein guter Stoff für einen Film – jedenfalls hat er in den USA zuerst in der IT gearbeitet und dann in einem Aufnahmestudio gejobbt. Als er sich mit der Aufnahmetechnik beschäftige, begann er sich auch für die Musikwiedergabe zu interessieren. Dabei fand er, dass die Audiogeräte zwar schon weit fortgeschritten, die Kabel aber technisch vergleichsweise rückständig waren – was für die 90er-Jahre sicherlich zutreffend war. Er begann zu pröbeln und die ersten Kabel auf den Markt zu bringen. Sein Perfektionismus ist legendär. Er wollte in seinem Metier schlicht und einfach der Beste sein, auch für seine Produkte war nur das Beste gut genug. Mittelmass war und ist nicht sein Ding. Timachev ist so extrem wie seine Kabel!
Der Herr der Ultra-Highend-Kabel: Serguei Timachev.Das erwähnte Indra-Kabel war so erfolgreich und speziell, weil das Leiter-Material aus amorphen Metall bestand – also aus einem Kabelmaterial mit einer non-kristallinen Struktur. Somit wies es ziemlich andere Eigenschaften auf als die üblichen kristallinen Leitermaterialen wie Silber, Kupfer und andere. Amorphes Metall oder Glas-Metall wird in verschiedenen Industriezweigen verwendet. Es ist schwierig in der Verarbeitung und entsprechend kostspielig. Timachev sei damals eher zufällig an dieses Kabelmaterial gelangt – legal, wie der betont – und so begann die Erfolgsstory des Stealth-Indra-Kabels. Das Indra wird immer noch hergestellt, das aktuelle Modell heisst Indra V18.
Inzwischen beschäftigt Stealth Audio zehn Mitarbeitende und vertreibt die Kabel weltweit.
Die 3 Stealth Ultra-Kabel im Detail
Stealth Audio Sakra V16
Für diesen Test bekam ich das Modell Sakra V16 gestellt. Es ist in der Stealth-Hierarchie das zweithöchste Modell. Gleich darunter ist das legendäre Indra V18, darüber thront noch das Sakra V17 Limited Edition.
Vielleicht kommen Ihnen die beiden Namen Sakra und Indra etwas exotisch vor. Sie sind es auch: Sakra ist eine buddhistische Gottheit, die für Stärke steht, ihr hinduistisches Pendant ist Indra. Die beiden Namen sind also keine Zufälle, ich finde sie schön gewählt.
Das Sakra V16 ist uni-direktional konstruiert. Das heisst, dass die Laufrichtung des Signals vorgegeben ist. Das Sakra hat in Bezug auf seine Kabelgeometrie auf der Seite der Signalquelle den grössten Durchmesser von ca. 2 cm. Es wird in Laufrichtung des Signals gegen Ende des Kabels immer dünner und endet mit ca. 1 cm. Das ist sozusagen ein Alleinstellungsmerkmal im Kabel-Markt.
Das Sakra sieht edel aus, die Verarbeitung ist perfekt.Wie beim Indra verwendet Stealth auch beim Sakra das seltene, teure, exklusive und geheimnisvolle amorphe Leiter-Material. Die «Dicke» der einzeln isolierten Leiter beträgt unfassbare 1 Tausendstel Zoll (oder 2,5 Tausendstel Millimeter). Blondes Haar ist übrigens das dünnste Menschenhaar und ist gemäss Timachev immer noch drei Mal dicker als der amorphe Leiter-Draht für das Sakra!
Das extrem dünne, amorphe Leiter-Material des Sakra sorgt gemäss Stealth Audio für die Minimierung des Skin-Effekts und vermeidet damit eine harte und scharfe Wiedergabe in den oberen Mitten und Höhen. Auch sorgen die Haar-ähnlichen Leiter für die Vermeidung von Zeitbereichsfehlern, die gemäss Stealth Audio für einen präzisen und gut definierten Bass sowie eine perfekte Abbildung notwendig ist.
Das nachfolgende Video zeigt den Unterschied zwischen einer amorphen und einer kristallinen Leiter-Struktur.
Die Fertigung solcher Kabel-Wunderwerke ist interessanterweise maschinell gar nicht möglich. Es wird alles von Hand produziert. Der Stealth-Mastermind Serguei Timachev ist übrigens der Meinung, dass die minimalen Unregelmässigkeiten bei der Handfertigung klanglich vorteilhaft sind. Interessant! Als Isoliermaterial verwendet Stealth beim Sakra ein spezielles Para-Vakuum-Helium-Teflon-Material. Es handelt sich dabei um ein Schaum-ähnliches Material, dass mit gasförmigem Helium befüllt ist, um damit eine möglichst tiefe dielektrische Konstante zu erreichen. Dieses Dielektrikum speichert möglichst wenig Energie, was wiederum weniger Verzerrungen zur Folge hat und damit einen schnelle, ultra-klare und transparente musikalische Wiedergabe ermöglicht.
Zu guter Letzt produziert Stealth auch die Stecker in Eigenregie. Der schnöde Begriff «Stecker» wird diesem technischen Kunstwerk überhaupt nicht gerecht. Der Stealth Connector besitzt die kleinstmögliche Masse, solide Silber-Kontakte, modifizierte PTFE-Isolation (Teflon®), Kevlar-Composite-Rahmen und ein Gehäuse aus Kohlefaser/Titanium. Extrem in jeder Beziehung halt!
Das Sakra-Kabel fühlt sich extrem gut und wertvoll an. Es ist in der Handhabung dank einer gewissen Flexibilität sehr einfach. Das Einstecken ist übrigens etwas speziell; der Stecker sollte langsam, aber mit einem gewissen Druck eingeführt werden. Es fühlt sich zu Beginn etwas harzig an und braucht etwas Mut. Schliesslich sind die Kabel ja nicht günstig – womit wir beim Thema Preis sind.
So, liebe Leserinnen und Leser, jetzt müssen Sie tapfer sein. Wir kommen zum Preis dieses Schmuckstücks. Das Sakra V16 in der 1-Meter-Ausführung kostet CHF 17'250. Vielleicht schlucken Sie jetzt mal ganz kurz leer, aber keine Angst, ich habe es auch getan. Das ist viel Geld, absolut, aber je länger ich mich mit der Machart und der Philosophie sowie allen Fertigungsdetails der Kabel von Serguei Timachev beschäftigte, desto mehr kann ich diesen Preis nachvollziehen. Es sind extreme Kunstwerke – so wie etwa ein Bugatti Chiron!
Das Netzkabel Stealth Dream 20-20
Zum Testen wurde das Top-Powerkabel Stealth Dream 20-20 zur Verfügung gestellt. Diese «Super-Schlange» ist massiv konstruiert und hat einen Durchmesser von ca. 4 cm, ist aber dennoch relativ flexibel. Das Leiter-Material des Dream 20-20 Referenzkabels besteht aus unplattiertem und doppelt isoliertem, sauerstofffreiem Kupfer. Das Dream 20-20 ist ein vom Benutzer konfigurierbares Netzkabel mit Feintuning-Funktion, das mit Änderung der Tonalität durch Verschieben eines speziell gefertigten «Magnetfeld-Kurzschluss»-Rings entlang des Kabels geführt wird.
Das Dream 20-20 wurde speziell für den optimalen Betrieb mit den kommenden Stealth-Steckdosenleiste und Netzkonditionierer entwickelt, die einen extrem dicken und komplexen internen Erdungspfad aufweisen. Gemäss Stealth haben die Stealth-Wandsteckdosen, Netzstecker und IEC-Kupplungen einen 16-fach geringeren Übergangswiderstand im Vergleich zu den üblichen Steckern und Buchsen aus Messing oder Kupfer mit oder ohne Beschichtung.
Das Netzkabel Stealth Dream V20-20 mit der magnetischen Manschette.Das Lautsprecherkabel Dream V18-T
Das Lautsprecherkabel Dream V18-T ist das zweithöchste in der Stealth-Hierarchie. Es ist extrem aufwändig aufgebaut – spektakulär und sehr speziell sind die mit Heliumgas gefüllten Röhren, die den Kern des Kabels bilden.
Die Grafik zeigt, wie aufwändig das Dream-Lautsprecherkabel aufgebaut ist.Ebenfalls wie das Netzkabel hat das Lautsprecherkabel einen «Magnet-Feld-Kragen»: eine verschiebbare Ummantelung, die man über die ganze Länge des Kabels verschieben kann und so Feintuning betreiben kann. Das «T» im Namen steht übrigens für Tuning.
Das eindrucksvolle Lautsprecherkabel ist auch optisch eine Augenweide. Optische Diskretion ist nicht angesagt.Hörtest 1, 2 und 3 sowie Fazit
Hörtest 1 - Erfahrungsbericht mit dem Netzkabel Stealth Dream 20-20
Ich habe das Kabel an einen neuen, integrierten Röhrenverstärker angeschlossen, den ich zu einem späteren Zeitpunkt testen werde. Dank der Länge des Netzkabels von 2 Metern konnte ich es direkt an die Wandsteckdose anschliessen. Ich fand den Klang des Verstärkers als extrem dynamisch, kraftvoll und schnell. Als der Tag kam, an dem ich das Stealth Dream 20-20 wieder zurückbringen musste und ich auf mein gewöhnliches Stromkabel wechselte, traute ich meinen Ohren nicht. War das wirklich derselbe Verstärker? Es war, als hätte der Verstärker keine Luft mehr – er wirkt lahm, kraftlos und brav. Ich konnte es nicht fassen! Der Traum mit dem Dream 20-20 war im besten Sinn ausgeträumt! Also, bevor Sie das nächste Mal ihren Verstärker austauschen wollen, versuchen Sie es doch mit einem hochwertigen Stealth-Netzkabel!
Hörtest 2 - Signalkabel Stealth Sakra V16
Der erste Hörtest fand bei einem Highend-Händler an einer hochklassigen Anlage statt. Das Vergleichskabel war ein gutes Schweizer Highend-Kabel, allerdings symmetrisch. Ein XLR- mit einem Cinch-Kabel zu vergleichen, ist wie Äpfel mit Birnen zu vergleichen. Das XLR klang auf den ersten Eindruck dynamischer, das Klangbild vorwärtsgerichtet, es war ein Ohr-Catcher. Nach dem Umschalten auf das Sakra änderte sich das Klangbild jedoch massiv, aber nicht so spektakulär, wie Sie vielleicht erwartet haben. Der Klang war im ersten Moment unspektakulär, aber die Räumlichkeit ging in die Breite, die Auflösung war viel feiner, subtiler und natürlicher. Die Stimmen klangen weicher, organischer, die Auflösung war sozusagen HD. Die Stärken des Sakra war dessen Ausgeglichenheit und Feinheit. Grosses Kino!
Hörtest 3 – Sakra-Signalkabel und Dream-Lautsprecherkabel
Um den Klang und die Qualitäten der Stealth-Kabel noch vertieft zu ergründen, traf ich mich mit einem guten Bekannten für eine Kabel-Session in seinem neuen Showroom in Fehraltorf. Die Kette war erlesen und bestand aus den dänischen Aavik-Komponenten: ein integrierter Verstärker, ein Streamer und ein DAC. Die Verkabelung war von Stealth und die Lautsprecher waren die mir gut bekannten Wilson Audio Sasha DAW.
Zuerst verwendeten wir mein persönliches Lautsprecher-Testkabel aus der Preisliga CHF 5000 und spielten unsere Test-Stücke. Signalkabel war das Stealth Meta-Carbon, sozusagen die Volksausführung eines Sakra- oder Indra-Signalkabels. Dann tauschten wir von meinem Lautsprecher-Testkabel auf das Lautsprecherkabel Stealth Dream V-18T. Der Unterschied war – um sachlich zu bleiben – frappant. Es war, als hätte man den Verstärker um mindestens 6 dB aufgedreht, es kam einfach mehr von allem – mehr Energie, mehr Auflösung, mehr Raum – ich war begeistert! Klar, das Stealth Dream V18-T ist auch in einer anderen Preisliga als mein persönliches Testkabel, aber dass der Unterschied so gross sein würde, überraschte mich dann doch.
Danach wechselten wir vom Meta-Carbon-Signalkabel auf mein persönliches Signal-Testkabel. Und ja, leider fiel die Bühne wieder etwas zusammen und die Dynamik und Auflösung waren klar auf tieferem Niveau. Dann kam der grosse Augenblick: Wir wechselten auf das Überkabel Sakra! Das war dann der berühmte Gänsehaut-Moment. Es war, wie wenn man von HD auf 4K umschalten würde. Die Gitarre von Nils Lofgren bei der fantastischen Live-Aufnahme «Keith Don’t Go» wurde plötzlich gespenstisch real, die Stimme stand virtuell im Raum – die akustische Gitarre flirrte in der Luft – einfach ganz grosse Kino! Auch interessant war, dass die Stealth-interne Hierarchie klar nachvollziehbar und hörbar war. Das Stealth Meta-Carbon ist für mich der Preis-Leistungs-Sieger und das Sakra die Krönung!
Fazit
Die Ultra-Kabel von Stealth Audio bedienen sicherlich die Highend-Enthusiasten, die das gesamte Potenzial in ihrem Audiosystem entdecken und kennenlernen möchten – und dem Fluss der musikalischen Darbietung folgen und all ihre emotionalen Facetten erleben möchten. In hervorragenden Audio-Systemen können die Ultra-Kabel von Stealth aufzeigen, was sie wirklich können. Sie sind in Bezug auf die Performance und Preis in der Top-Bugatti-Liga. Ein «Probefahren» ist ganz sicher unentbehrlich.

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