Der Sennheiser HDVD 800 Kopfhörerverstärker mit Digital-Analog-WandlerVor rund 20 Jahren brachte Sennheiser den röhrenbestückten Orpheus Kopfhörerverstärker mit direktgekoppeltem elektrostatischem Kopfhörer in limitierter Stückzahl auf den Markt. Wer in den Zeitdimensionen einer Kopfhörerlaufbahn denkt, wird die Nachfahren dieser Legende wohl eher als Enkel denn als Kinder betrachten. Doch die Enkelkinder von Orpheus stehen ihrem Opa punkto Musikalität kaum nach, auch wenn sie sowohl betreffend Preis als auch Design in einer ganz anderen Liga spielen.
Für Leute, die andere nicht stören wollen und die es lieben, absolut ungestört in höhere geistige und musikalische Ebenen zu entschweben, bietet Sennheiser zwei neue Kopfhörer-Verstärker an, die schon rein optisch und von der Verarbeitung her viel versprechen. Ob sie auch klanglich das oberste Limit der Klangtreue erreichen können und eventuelle Überraschungen bereit halten, wird hier untersucht. Als Spielpartner zu den beiden hier geprüften Kopfhörerverstärkern kamen ein HD 800, ein HD 700 und diverse andere aktuelle Kopfhörer zum Einsatz.
Schlichtes Design mit High-End-Würze
Abgesehen von den zusätzlichen Digitaleingängen beim HDVD 800 sind die beiden Kopfhörerverstärker optisch identisch aufgebaut. Das Sichtfenster gibt Einblick in die sehr schön aufgebaute Elektronik.Die beiden neuen Sprösslinge gleichen sich wie Zwillinge. Doch haben sie einen (nur einen?) ganz wesentlichen Unterschied aufzuweisen: Während der HDVA 600 ein rein analoger Stereo-Kopfhörer-Verstärker ist, verfügt der HDVD 800 zusätzlich über integrierte Digital-Analog-Wandler und die damit einhergehenden Digitaleingänge.
Die Entwickler unserer Testgeräte konnten es sich nicht verkneifen, dem an und für sich herrlich minimalistisch schlichten Design noch etwas High-End-Würze beizumischen. So erlaubt ein Sichtfenster aus Glas einen, allerdings begrenzten, Blick in die Innereien der Geräte.
Der Aufbau mit seinen höchstwertigen Bauteilen ist denn auch eine wahre Augenweide und lohnt die freigegebene Sicht. Der Blick auf die schönen Elektronikzutaten wie die speziellen Kühlkörper, die exquisiten Audio-Relais oder die zahlreichen hochwertigen MELF-Widerstände erwärmen das Herz des Technikliebhabers. Sanft und warm glimmende Röhren sind zwar keine zu entdecken, denn die Geräte sind transistorisiert und arbeiten am Ausgang mit zwei 6120A2 Chips von Texas Instruments. Eindrücklich ist die 15 cm lange Achse, welche den Lautstärkeregler mit dem ALPS-Quad-Potentiometer verbindet.
Der Signalweg verläuft bei beiden Geräten streng symmetrisch. In unzähligen Hörtests wollen die Sennheiser Leute nach eigenen Angaben ihre Schaltungen optimiert und die bestklingenden Bauteile ausgewählt haben. Das edle Gehäuse besteht aus eloxiertem Aluminium. Sowohl Frontplatten als auch Regler sind aus dem Vollen gefräst. Entwickelt, designt und auch gefertigt werden die Geräte in Deutschland. Was heute wirklich keine Selbstverständlichkeit mehr ist.
Für Profis und Liebhaber
Symmetrische Kanalführung und XLR-Verbindungen machen den HDVD 800 und den HDVA 600 auch für professionelle Anwender attraktiv.Während der HDVA 600, wie schon erwähnt, ein reiner analoger Kopfhörer-Verstärker ist, beinhaltet der HDVD 800 zusätzlich einen Digital-Analog-Wandler von Burr-Brown, welcher einen Datenstrom von 24 Bit Wortbreite und mit bis 192 kHz Samplingfrequenz in die analoge Domäne wandelt. Somit eignet er sich bestens für die Ansteuerung mit High-Resolution-Audio Dateien ab Festplatte und kann direkt mit dem Laptop oder Audioserver verbunden werden.
Aufgrund der technischen Daten kommt man zum Schluss, dass die beiden Geräte absolut gleiche Verstärker beinhalten. Ob dem wirklich so ist, werden wir noch aufschlüsseln.
Beide Kopfhörerverstärker sind durchaus auch für den Einsatz im Profibereich gedacht und verfügen daher neben asymmetrischen Cinch-Anschlüssen auch über symmetrische XLR-Eingänge. Auch den Kopfhörerausgang gibt es quasi in „konventionell HiFi“ für 6,5 mm Klinkenstecker und als pro Variante für 4-Pol XLR-Stecker.
Beim HDVD 800 finden sich zusätzlich die Digitaleingänge für S/PDIF-Signale (koaxial/optisch) und AES/EBU. Wichtig für den Anschluss an den Laptop ist die asynchrone Auslegung des USB-Eingangs. Damit wird das digitale Signal direkt am Eingang neu getaktet. Störsignale und Jitterschwankungen vom Computer bleiben so aussen vor.
Wer die Wahl hat, hat die Qual
Der HDVD 800 ist ideal für alle, die viel High-Resolution-Audio hören und den Kopfhörerverstärker per USB direkt mit Laptop verbinden. Der HDVA 600 eignet sich für analoge Quellen wie dem Tape-Out des Vorverstärkers.Nun erhebt sich die Frage, welches der beiden Geräte man sich leisten soll: Eines mit oder eines ohne DAC?
Dass das Zeitalter des Downloads von High-Resolution-Musikaufnahmen ab Internet bereits angebrochen ist, dürfte inzwischen jedem ambitionierten Musikfreund klar sein. Da würde sich der HDVD 800 natürlich aufdrängen. Beim Anschluss an den Laptop oder Audioserver braucht man so keinen zusätzlichen Wandler. Man verbindet einfach den HDVD 800 per USB und hört Musik.
Andererseits ist die Entwicklung beim hochauflösendem Audio noch voll im Gange. Der neuste Trend heisst DSD. Manche sind der Ansicht, DSD werde sich in Zukunft als audiophiles Format durchsetzen – sicher ist das nicht und momentan sind auch nur vereinzelte Download-Angebot vorhanden. Die Tendenz aber ist klar steigend. Ist der Wandler nicht DSD-tüchtig, muss der Audio-Player des Computers die ganze DSD-Geschichte ins PCM-Format umrechnen und dann dem Wandler mundgerecht zuführen. Die klanglichen Abstriche sind nach meiner Erfahrung aber eher im mikroskopischen Bereich zu suchen.
Kauft man sich einen HDVA 600 und einen zusätzlichen externen Wandler, scheint das vorerst umständlich, ist aber flexibler. So kann man zum Beispiel schon jetzt auf DSD setzen. Auch eignet sich der HDVA 600 für alle, die bereits einen (sehr guten) eigenen Wandler besitzen, den man gerne weiter verwenden möchte.
Aber auch der Käufer eines HDVD 800 kann natürlich später, falls er einmal voll auf DSD Downloads setzt, immer noch einen anderen Wandler kaufen und diesen über die analogen Eingänge des Verstärkers anschliessen. Es bleibt somit die Qual der Wahl.
Schön ist, dass Sennheiser mitgedacht hat und beide Varianten anbietet.
Concerto Grosso ab Notebook
Eine himmlische Kombination: High-Resolution-Audio direkt Computer über den HDVD 800 und den HD 800 Kopfhörer.Erst mal wird der HDVD 800 warmgelaufen, dann via Coax-Anschluss an einen legendären Sony SACD-Player geschaltet, den ich klanglich extrem hoch einschätze.
Die Harmonia Mundi SACD mit dem Mozart Guarneri Trio erklingt ohne die erwartete Feinzeichnung und Brillanz. Der erhoffte klangliche Höhenflug bleibt aus. Rasch ist der Grund gefunden: Der Player hat erst mal automatisch den CD-Layer dieser SACD angewählt und diesen auch abgespielt. Doch wer gibt sich heute im Hi-Resolution-Zeitalter noch mit einer schnöden CD-Wiedergabe zufrieden? Also wird am Player manuell auf den SACD-Layer geschaltet und es herrscht erstmals absolute Stille. Ach ja, hatte ich doch glatt vergessen: der Spieler stammt noch aus der Zeit, da sich die Hersteller entschlossen hatten, keine digitalen DSD-Signale aus dem Spieler entfliehen zu lassen.
Nun wird der SACD-Spieler via asymmetrischen, analogen Eingängen verkuppelt und schon erklingt ein höchst passables, highendiges Konzert, das mir jedoch noch nicht den erwarteten kühlen Schauer den Rücken herunterjagt. Da geht über den analoge Ausgang des SACD-Spielers zu viel Information verloren. Mein Gefühl sagt mir, da ist doch sicher noch Luft nach oben.
Das grosse Aha-Erlebnis kommt erst, als der HDVD 800 via USB-Kabel mit meinem MacBook Pro betrieben wird, auf dessen Festplatte eine grosse Anzahl exzellenter High-Resolution Aufnahmen schlummern, die nur darauf warten, ihre hochaufgelösten Klänge darbieten zu können. Abgespielt wird mit Audirvana Plus, mein Lieblingsplayer auf OSX (klanglich auch sehr gut, aber leider nicht so stabil ist übrigens der Fidelio Player). Mit ein Paar wenigen Handgriffen sind sowohl Notebook wie auch der Player bereit, den Sennheiser Wandler mit Signalen zu beliefern.
Das nun folgende Klangerlebnis hinterlässt einen noch tieferen Eindruck als ich es bisher mit meinen ganz gewiss exzellenten Lautsprechern hatte. Auch wenn die Klangbühne noch zu einem Teil im Kopf sitzt, entschwebe ich in eine andere Klangwelt, die sich völlig losgelöst von den vier beschränkenden Wänden des Hörraumes präsentiert.
Wie sowohl der HD 800 wie auch der HD 700 Kopfhörer anspruchsvolle Klassik, aber auch Jazz und rockige Sounds, über den HDVD 800 darbieten, ist absolut begeisternd. Gerade mit dem HD 800 wartet das Sennheiser Gespann mit einem Klangbild auf, das den Rahmen üblicher Kopfhörerwiedergabe klar sprengt. Weiträumig und mit perfekter Tiefenstaffelung bringen sie grossorchestrale Werke und lassen Orgelklänge nicht nur mit fundamental tiefen und lupenreinen Bässen, sondern auch mit ihren Klangfarben-frohen Mixturen absolut grossartig erscheinen. Kammermusik zeichnet die Kombination unerhört fein und ohne jegliche digitalen Härten. Trotz hoher Brillanz wird die authentische Wärme der Streichinstrumente erhalten.
Wie das Gespann die Tracks des Albums "Sentimental Journey" von Nils Landgern aufbereitet, seine rauchige Stimme plus die genial gespielte knallrote Posaune plastisch reproduziert und einem die (beinahe) vollkommene Illusion vermittelt, sich inmitten des Klanggeschehen zu befinden, hat grosse Klasse.
Die zweit Runde ist analog
Für analoge Quellen eignet sich der HDVA 600 perfekt. Im Bild mit einem Senneheiser HD 700.Nach ausgiebigem und genussvollem Hören, meldet die Erinnerung: Da wartet ja noch ein andere Kandidat auf seine Prüfung!
Oberflächlich scheint der HDVA 600 ja „nur“ ein HDVD 800 ohne DAC zu sein. Nun wird er erstmal warm gelaufen und via asymmetrischen Eingang mit dem KingRex UD384 Wandler samt Akku-Stromversorgung verbunden.
Rein ins Vergnügen. Beim Erklingen des neusten Albums Portraits von Andreas Ottensamer (siehe die Rezension Klarinettissimo) stimmt einfach alles! Herrliches Raumempfinden gepaart mit unerhörter Klangschönheit und Feinzeichnung. Wie hier die Streicher erscheinen, grenzt schon fast an ein mittleres Wunder. Und wie Andreas Ottensamers Klarinette den virtuellen Raum erfüllt, kann nur noch mit einer klanglichen Offenbarung bezeichnet werden. Auch Youn Sun Nahs Stimme (hier geht's zur Rezension) erklingt mit noch nie gehörter Charakterstärke. Dieses Timbre haut auch gestandene High-End-Kenner glatt aus den Socken, und wie die Begleitinstrumente diese Stimme umgarnen: da fehlen mir wieder mal die passenden Worte.
Identische Verstärker?
Der HDVA 600 wurde später entwickelt und erhielt nochmal eine hörbar verbesserte asymmetrischen Eingangstufe. Nun sind also sowohl der HDVD 800 wie auch der HDVA 600 angehört. Für beide gibt es klangliche Höchstnoten. Die beiden Verstärker gegeneinander zu vergleichen, erscheint mir zunächst absolut überflüssig, denn diese scheinen ja auch aufgrund der technischen Daten, der Beschreibungen sowie den Blick durchs „Gucke-Fenster“ absolut identisch zu sein. Doch eine innere Stimme flüstert mir zu: Mach diesen Quervergleich und Du wirst staunen!
Also wird der KingRex UD384 an den asymmetrischen Eingang des HDVD 800 geschaltet und der integrierte Burr-Brown Wandler darf sich erst mal ausruhen. Bei den genau gleichen Lautstärken wie zuvor am HDVA 600 meldet nun das Gehör: Erstklassige Klangdefinition, gepaart mit grossartigem Raumempfinden. Doch wo ist der feine, traumhaft schöne Schmelz der Streicher und wo die echt herzerwärmende Klangschönheit geblieben? Hat sich das Gehör getäuscht, liegen die Klangerinnerungen falsch?
Nun werden die beiden Verstärker intensiv unter die Lupe genommen und verglichen. Und bei den High-Resolution Tracks des DuoW mit zwei attraktiven Damen, die meisterhaft mit Violine und Cello im Duett aufspielen, wird das Resultat immer klarer:
Der Verstärkerteil des HDVA 600 klingt eindeutig besser als derjenige des HDVD 800! Wie kann das sein?
Langsam wird klar: Die Verstärkerelektronik kann, obwohl sie im Datenblatt über identische Werte verfügt, nicht identisch sein, dazu ist das Klangtimbre zu unterschiedlich!
Über Umwege gelingt es mir, dem Entwicklungsleiter Axel Grell am Telefon einige Fragen zu stellen. So erfahre ich, dass dem nach dem HDVD 800 konstruierten HDVA 600 – nach dem Motto: Besser gehts immer! - eine andere, noch besser klingende asymmetrische Eingangsstufe spendiert wurde. Die Klangunterschiede zwischen den beiden Verstärkern sollten sich also nur über die asymmetrischen Eingänge bemerkbar machen.
Das gilt es natürlich zu überprüfen. Da zu diesem Zeitpunkt leider kein DAC mit symmetrischem XLR-Ausgang vorhanden ist, wird der KingRex UD384 Wandler mit seinem asymmetrischen Ausgang an einen Vorverstärker der absoluten Spitzenklasse geschaltet und dessen symmetrischer XLR-Ausgang sowohl an den HDVD 800 wie auch den HDVA 600 geschaltet.
Und in der Tat: Die Unterschiede schmelzen auf im Blindtest kaum reproduzierbare marginale Klangnuancen zusammen!
Sieg nach Punkten
Erkenntnis: Der HDVA 600 schlägt den HDVD 800 klanglich überraschend deutlich, wenn man den asymmetrischen Eingang benutzt. Das ist für den HDVD 800 sicher nicht der KO-Schlag. Auch wenn er über den asymmetrischen Eingang quasi firmenintern das Nachsehen hat, agiert er auf einem extrem hohem klanglichen Niveau. Zudem bildet er mit seinem internen Wandler eine absolut höchstwertige Kombination, die erst mal geschlagen werden muss. Betreibt man ihn direkt über den USB-Eingang mit einem Notebook, spielt der Unterschied bei analogen asymmetrische Eingänge sowieso ein untergeordnete Rolle.
Fazit
Sowohl der HDVD 800 als auch der HDVA 600 bewiesen im Test, dass sie zur absoluten Spitzenklasse gehören und an Spitzenkopfhörern betrieben mit grossartigem Raumempfinden, Klangtreue, Transparenz und exzellenter Feinzeichnung aufwarten können.
So sind sie in der Lage, die faszinierenden Qualitäten der neusten High-Resolution-Musikaufnahmen voll und ganz zur Geltung bringen. Dass gewisse Klangunterschiede bezüglich der analogen Eingänge bei scheinbar identischen Verstärkerelektronik vorhanden sind ist, verleiht der ganzen Sache noch einen Schuss Brisanz. Der HDDD 800 eignet sich perfekt für alle die einen Kopfhörerverstärker für High-Resolution-Audio direkt mit dem Computer verbinden möchten. Der „analoge“ HDVA 600 ist ideal für alle, die ihn am Tape-Out des Vorverstärkers oder mit einem eigenem Wandler betreiben. Dann kann er sich über den asynchronen Eingang klanglich sogar von seinem Zwillingsbruder absetzen

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