Warum wird die Symphonie wenig aufgenommen, kaum im Konzert gehört?
Über weite Strecken unisono spielende Violinen, ein schlichtes, mit Stereoklang versetztes Andante, ein Menuett, dessen Trio ohne Melodie auskommt und nur aus rhythmischen Elementen besteht. Ein Schlusssatz, in dem Bratschen, Celli und Kontrabässe fast den ganzen Satz hindurch die gleichen Noten «hämmern».
Wer kurz in die Partitur schaut, das Notenbild betrachtet, kommt vermutlich schnell zur Ansicht, dass hier wenig Spannendes vorhanden ist, eher Eintönigkeit dominiert. Es gibt attraktivere Haydn-Symphonien, die man aufführen oder einspielen kann. Wirklich?
Ja und Nein – es kommt drauf an, was man aus der Vorlage macht, ob man Haydns (vermutliche) Intention und Experimentierfreude erkennt.
Vergleichen wir drei Aufnahmen: Dorati und die Langsamkeit des Zeitgeists
Dank Antal Dorati, der Philharmonia Hungarica und westlichen Sponsoren kam in den 70er-Jahren die erste Gesamtaufnahme der Haydn-Symphonien auf den Markt (Decca). Sie galt lange als Massstab. Wenn man heute ältere Aufnahmen beurteilt, sollte man die damalige Auffassung über Werk-Interpretationen berücksichtigen. Generell waren die Tempi zu Doratis Zeit deutlich langsamer.
Die langsamen Dorati-Tempi und die eher zurückhaltende innere Dynamik zeigen, dass diese Symphonie, wenn man sie so spielt, schlicht langweilig ist. Die sich wiederholenden Motive und Rhythmen verlangen nach einer intensiven Auseinandersetzung mit der Partitur, erfordern ein Ausloten des möglichen Gestaltungsspielraums: Tempi, Phrasierungen, Dynamikwechsel, Gewichtung der Register, Ausloten der klanglichen Effekte. Haydn wusste, was er komponiert und wie er das Orchester in Szene setzen muss. Auch das Aufnahmeteam muss die antiphonen Komponenten berücksichtigen. Und richtig! Bei dieser Symphonie ist die amerikanische Orchesteraufstellung fehl am Platz.
Antonini und der Wille, jede Haydn-Symphonie zu würdigen
Rund 50 Jahre nach Dorati setzt Giovanni Antonini die 29. ins rechte Licht und zeigt damit, welche Faszination, Spannung und Raffinesse in diesem vermeintlich langweiligen Stück schlummert. Wenn wir im Bild unten die Signalwellenform, quasi die optische Abbildung des Gehörten, analysieren, erkennt man – auch anhand der Werte für Spieldauer und Dynamikumfang (DR-Wert) –, wie sich die innere Struktur der Dorati- und Antonini-Einspielungen unterscheidet. Dazu kommt die moderne Aufnahmetechnik, welche mit verbesserter Raumabbildung und Klangfarben die Feinheiten klarer rüberbringt und die komponierten Raumklangeffekte wirken lässt.
Klumpp und der Drang, alles herauszuholen
Johannes Klumpp geht mit seinen Heidelberger Sinfonikern den Finalsatz mit horrendem Tempo an. Presto wird hier ausgereizt, Akzente werden (über)deutlich gesetzt. Antonini spielt das fallende Viertelmotiv (Abschnitt A im Bild unten / Takt 33–47), das sich fünfmal jeweils um einen Ton erhöht, wiederholt mit einem leichten Crescendo (Pegelzunahme). Er erzeugt so mit dem Oktavsprung der zwei Halbtöne nach oben einen gegenläufigen Spannungsbogen. Klumpp setzt dagegen auf ein kräftiges Crescendo der Viertelnoten im Bassregister, was die Aufnahmetechnik auch deutlich hörbar macht.
Das ähnliche Gestaltungsmuster findet sich beim ruhigeren, durchgebundenen Halbtonmotiv (Abschnitt B, Takt 52 bis 65). Bei Dorati flach, bei Antonini ein leichtes Crescendo, wie bei Klumpp, der zusätzlich die ersten und zweiten Violinen, welche die gleichen Noten gleichzeitig spielen sollten, leicht auseinanderdriften lässt – was einen hörbaren Links-Rechts-Versatz erzeugt. Man darf davon ausgehen, dass dies kein Spielfehler ist, sondern gewollt.
Leider ist die Einspielung der 29. Haydn-Symphonie mit Johannes Klumpp auf laut getrimmt. Zudem wurde offensichtlich mit Dynamikkompression gearbeitet, worauf der für Klassik magere DR8-Wert hinweist. Die Aufnahme ist rund 8 dB lauter als die Antoninis. Zu laut und zu dicht gemastert und einen guten Tick zu schnell gespielt ist eindeutig zu viel des Guten.
Das Musiksignal im Zeitablauf (Signalwellenform) visualisiert innere Struktur, Pegel und Dynamik einer Aufnahme. Blau markiert ist das fallende Achtelmotiv (T33–47) und rot markiert das ruhige Halbtonmotiv (T52–65), wie im Text beschrieben.
Auch ohne Kenntnisse im Notenlesen sind der «hämmernde» Grundrhythmus der Bratschen und Bässe sowie das fünfmal wiederholte abfallende Viertelmotiv erkennbar.
Der ruhigere Teil im Finalsatz, bei dem auch die Bratschen und Bässe kurz in eine melodischere Spielweise wechseln.Aufnahmetechnik und Klang
Die 18. Ausgabe der Haydn-2032-Edition wurde wie üblich im Musik- und Kulturzentrum Don Bosco in Basel aufgenommen. Die native HiRes-Aufnahme ist makellos, das Frequenzspektrum reicht bis knapp über 40 kHz. Die von Haydn angedachten antiphonen Klangeffekte sind bei korrekter Lautsprecheraufstellung klar hörbar.
Spektralanalyse: Wie gewohnt von dieser Reihe sind ein natürliches Frequenzspektrum und Klangfarbenreichtum. Die Aufnahme hat einen sehr guten Dynamikumfang (DR13). Die fehlende Melodie und das leise Spiel im Trio sind klar erkennbar.Fazit
Dass Haydn als Vater der Symphonie gilt, mag überspitzt sein. Mit seinem Einfallsreichtum, Humor und dem Drang, aus Konventionen auszubrechen, hat er die Gattung der Symphonie wesentlich weiterentwickelt. Die kaum beachtete Symphonie Nr. 29 ist ein gutes Beispiel für das Experimentierfeld, welches Haydn, weit weg von Wien, in der Abgeschiedenheit des Esterhazy-Hofs in Eisenstadt vorfand. Mit viel Verstand gespielt, wie dies Antonini macht, zeigt diese unscheinbare Symphonie Haydns Ansatz, Raum- und Klangwahrnehmung als weiteres Gestaltungselement einzubringen. Moderne Vorstellung von Stereophonie und audiophiler Klangästhetik – im 18. Jahrhundert.

Alle Themen



