In den 60er-Jahren war der Hunger nach neuen Sounds gross: 1964 erfand Ernst Zacharias für den deutschen Musikinstrumentenhersteller Hohner verschiedene elektromechanische Musikinstrumente, darunter das Clavinet, das bald von Funkartisten entdeckt wurde. 1965 schaffte das Fender Rhodes Electric Piano den Durchbruch.
Doch das waren erst die Appetizer: Die 70er-Jahre überhäuften uns mit nie dagewesenen Klängen aus analogen Synthesizern, die man zum grössten Teil selbst programmieren musste. Die mitgelieferten Presets waren recht limitiert … und wer wollte schon einen Sound benutzen, der bereits eine andere Produktion dominierte. Klangtüftler waren gefragt. Einer davon war der vielseitig begabte Tastenmann Herbie Hancock.
Herbie Hancock
Am 12. April 1940 kam Herbert Jeffrey Hancock in Chicago zur Welt. Seine Eltern waren zwar Musikliebhaber, doch weder die Mutter noch der Vater hatten musikalische Ambitionen. Mit sieben begann Herbie, Klavier zu spielen. Und da sein Talent rasch entdeckt wurde, durfte er Klavierunterricht in klassischer Musik besuchen. Bald galt er als Wunderkind: Er spielte als Elfjähriger an einem Nachwuchskonzert mit dem Chicago Symphony Orchestra den ersten Satz von Mozarts Klavierkonzert Nr. 26 in D-Dur.
In seinen Teenagerjahren faszinierten ihn die neuartigen Harmonien des Jazz. Er hörte oft Aufnahmen der Jazz Messengers und von Miles Davis sowie von der Gesangsgruppe «The Hi-Lo’s», die seit 1953 harmonisch komplexe Arrangements ihres langjährigen Pianisten Clare Fischer interpretierten.
1960 schloss Hancock seine Studien in Elektrotechnik und Musik am Grinnell College in Iowa ab und zog zurück nach Chicago. Bereits 1962 konnte er sein erstes Album für Blue Note Records aufnehmen: «Taking Off», das seine Komposition «Watermelon Man» enthielt. Miles Davis wurde durch dieses Album auf Herbie Hancock aufmerksam. Hancock wurde engagiert und bildete zusammen mit dem Schlagzeuger Tony Williams und Ron Carter am Bass das rhythmische Fundament des neuen Miles Davis Quintetts, das, nach diversen Wechseln, mit Wayne Shorter am Tenorsaxofon komplettiert wurde.
Während seiner fünf Jahre mit Davis fand Hancock Zeit und Gelegenheit für unzählige Recording Sessions für Blue Note Records, zum Teil unter seinem Namen, zum Teil als Tastenmann für Grössen wie Grant Green, Bobby Hutcherson, Sam Rivers, Donald Byrd, Kenny Dorham, Hank Mobley, Lee Morgan, Freddie Hubbard und Eric Dolphy. Und er hatte noch genügend Energie, um dazwischen die Filmmusik zu Antonionis Film «Blow Up» zu schreiben, den ersten von vielen Soundtracks aus seiner Feder.
Herbie Hancock, 1976.
Die Headhunters 1974, hier bereits mit dem neuen Schlagzeuger Mike Clark.
Die Headhunters 1974, hier bereits mit dem neuen Schlagzeuger Mike Clark.«Head Hunters»
Das etwas mehr als 40 Minuten dauernde Album umfasst nur vier Stücke, wobei drei davon speziell für «Head Hunters» komponiert wurden. Nur «Watermelon Man», das schon auf dem Hard-Bop-Album «Takin’ Off» (siehe oben) zu hören war, wurde hier nun vollständig auseinandergezupft und neu zusammengesetzt. Und die fehlende, dem Stück die afrikanische Identität vermittelnde Hindewho-Flöte, wie sie von der Urbevölkerung in Zaire (heute Demokratische Republik Kongo) verwendet wird, wurde vom Perkussionisten Bill Summers mit einer leeren Bierflasche nachgeahmt.
Der synthetische Basslinien-Einstieg in «Chameleon» schubst einen unwillkürlich in diese neue Headhunter-Welt mit unbekannten Klängen, langen Soli und nicht enden wollenden Wiederholungen (was typisch war für Produktionen jener Zeit).
«Sly» (zu Ehren von Sly and the Family Stone) ist die wohl freiste und wildeste Achterbahnfahrt dieser Produktion. Hier wird das Clavinet zur harmonischen Untermalung des Rhythmus eingesetzt.
«Vein Melter» (Venenschmelzer) ist dann wesentlich ruhiger gehalten und voller Überraschungen. Doch irgendwie erinnert mich der von den Drums akzentuierte Rhythmus an bedrohliche Marschmusik, hinterlässt bei mir ein eher mulmiges Gefühl.
Interessant ist die Tatsache, dass das bereits im Vierspurformat aufgezeichnete Album im Folgejahr (1974) für die damals neue, kurz aufblühende Quadraphonie sowie die (ebenso kurzlebigen) 8-Spur-Kassetten neu gemischt wurde.
Fazit
Für mich war das Wiedereintauchen in die «Head Hunters» eine Zeitreise. Als die LP damals veröffentlicht wurde, spielte ich im Quartett des Keyboarders Willy Bischof, und bald eiferten wir «Chameleon» nach.
Nach all den Jahren ist «Head Hunters» immer noch ein eher aufwühlendes, bestimmt nicht beruhigendes Album, das man nicht in jeder persönlichen Stimmung gleichermassen geniessen kann. Doch es ist eben auch ein wesentliches Zeichen der Zeit, der Beginn einer Klangfindungs-Ära, die sich mit all den Synthesizern, Samplern und Romplern über beinahe zwei Jahrzehnte weiterentwickeln konnte, doch danach langsam, aber stetig ausklang. Was übrig blieb, war und ist der funky Rhythmus.
avguide.ch meint
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