Es ist beinahe unglaublich, dass mich Udo Lindenberg bereits vor 50 Jahren zu begeistern vermochte … und es auch heute wiederum tut – allerdings eher mit seinen Alben von damals, was wohl mit der Verknüpfung mit meinen damaligen Lebenserfahrungen zu tun hat.
Dies ist auch der Grund, wieso ich mich hier nicht mit einem der diversen «Best of…»-Alben wie z. B. der eben erschienenen, beinahe dreistündigen Sammlung «Alles unter einem Hut – Eure Favoriten» auseinandersetzen will. Lieber konzentriere ich mich auf meine persönlichen Favoriten von damals, allen voran eben die LP «Votan Wahnwitz» aus dem Jahr 1975, deren Melodien und Texte mich auch heute noch verfolgen.
Udo Lindenberg
Da zu (oder wegen) seinem runden Geburtstag unzählige Artikel erschienen sind und Wikipedia ohnehin das gesamte, bewegte Leben Lindenbergs auflistet, verzichte ich diesmal auf einen solchen Rückblick und beschränke mich auf ein paar persönliche Bemerkungen zum eingangs erwähnten Album.
Den eigentlichen Durchbruch schaffte Lindenberg erst im dritten Anlauf mit seiner Studio-LP «Alles klar auf der Andrea Doria», die im Dezember 1973 auf den Markt kam und es immerhin auf Platz 23 der deutschen Charts brachte.
Mit «Ball Pompös» (August 1974) erklomm Udo (zusammen mit dem Panikorchester und der Peter Herbolzheimer Big Band) dann erstmals Platz drei und verkaufte über 250'000 Exemplare dieser Scheibe. Das gleiche Ergebnis erreichte er mit «Votan Wahnwitz» (1975).
Der Erfolg lag bestimmt in den eingängigen Melodien, aber (für mich) vor allem in den Texten, den Wortkreationen, den bunten, phantastischen und doch, wenn auch überspitzt, aus dem Leben gegriffenen Geschichten.
Udo 1975 am Telefon (nicht Handy).«Votan Wahnwitz»
Wie er seinen «Dirigenten», den «Votan Wahnwitz», präsentiert und diesen dann einen Schmettersong mit schräger Lyrik dirigieren lässt, war für damalige Zeiten (und ist es wohl noch heute) wesentlich mehr als nur originell. Auch das Erwähnen der Hufeisentheorie, dass Wahnsinn und Genie eigentlich nur durch einen kleinen Abstand getrennt sind, der Funke jederzeit überspringen könnte, war überraschend.
In «Daniel’s Zeitmaschine» erlebt Lindenberg bereits düstere Einblicke ins aus heutiger Sicht wohl nicht mehr allzu ferne Roboterzeitalter. (Wie viele jüngere Menschen wissen wohl noch, dass Daniel Düsentrieb der «Inscheniör» in der deutschen Version von Walt Disneys Micky-Maus-Imperium war?)
Doch dank dem Rückwärtsgang der Zeitmaschine werden Erinnerungen an die Kindheit und Jugendzeit wach. Wer hat damals nicht auch selbst Ähnliches erlebt (eventuell ohne «Whisky pur») und wird mit «Da war so viel los» in die eigenen Jugendjahre zurückkatapultiert? Ich finde auch die ruhigere Begleitmusik nach den harten Zukunftsgitarren herrlich passend.
In einem rockigen Cha-Cha-Cha rebelliert «Der Malocher» aus dem Ruhrgebiet gegen den öden Alltag, bricht aus nach Paris … und fällt auf die Nase. Nur hören wir leider nicht, wie die Geschichte wirklich endet.
Das Panikorchester 1975 mit den goldenen Schallplatten.Wieder etwas ruhiger ist das fiktive Gespräch in «Guten Tag, Herr Filmproduzent», das neben Schmunzeleinwürfen auch die damals aktuelle Flugzeugentführungspraxis gewisser Terroristengruppen erwähnt. Für jüngere Hörer: Inge Meysel war über Jahrzehnte hinweg eine hochgeschätzte und erfolgreiche Schauspielerin, die unter anderem in diversen Vorabend-TV-Programmen die beliebte Mutter, die alle Probleme lösen konnte, verkörperte.
In «0-Rhesus-Negativ» kommt die Peter Herbholzheimer Big Band wieder voll zum Zug und unterstreicht diese ungruselige, unterhaltsame Vampir-Geschichte hervorragend. Für mich ein weiterer Höhepunkt dieses Albums.
Nach einer eher überraschenden Einleitung stellt uns Lindenberg die klassische Sängerin «Elli Pyrelli» vor, unterstützt von einem Votan-Wahnwitz-ähnlichen Groove. Dass dabei der Windmaschinenvorfall integriert werden musste, wäre aus meiner Sicht nicht notwendig gewesen, doch die Sensationsgelüste waren damals anders. Und wie ernst es Udo mit den Arien kontra Ohr amputierende Gitarrenklänge meint …
Musikalisch lehnt sich die «Alles im Lot auf dem Riverboat»-Story an den «Andrea Doria»-Song von 1973 an: Leichter Dixieland mit einer für mich eher mickrigen Story, einer «Ice Cream»-Tuba-Einlage und seltsamen, heute billig anmutenden Schlussklangeffekten.
Die Geschichte in «Das kann man ja auch mal so sehen» mag, zumindest aus der Männerperspektive, aus dem realen Leben gegriffen sein, wenn auch die anderen Mietzen, die schon überall warten, zwar überzeugend klingen, jedoch eher Wunschvorstellungen zuzuschreiben sein dürften.
Es heisst, dass man im Alter emotionaler wird. Ich kann nicht beurteilen, ob dies allgemein zutrifft, doch das Wiederhören der Ballade «Jack» hat mich erneut tief bewegt: Harmonisch, eindringlich, komplex, vom Text her berührend … auch wenn der zweite Teil sowohl vom Chor als auch vom Text her etwas zu bunt, etwas zu «wunderbar» (um «kitschig» zu vermeiden) ist, tut dies dem Gesamtsong keinen Abbruch.
Fazit
Man kann über Udo Lindenberg verschiedener Ansicht sein, doch die (wegen der diversen Geburtstagsartikel ausgelöste) Wiederbegegnung mit seinen LPs aus den 70er Jahren – und vor allem mit «Votan Wahnwitz» – haben gezeigt, dass er damals eben deutsche Rockgeschichte zu schreiben begann. Und umgeben von erstklassigen Musikern kreierte Udo schon damals zeitlose Songs.
Bestimmt haben persönliche Erlebnisse, die man zusammen mit diesen Liedern erfahren durfte, einen grossen Einfluss auf die Empfindungen und Gefühle, die sie auslösen. Doch dies ist ja meist der Fall, sogar bei seichter Sommerferienmusik.
Reinhören schafft Klarheit. Tun Sie's.

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