David Abel - Beethoven and EnescuEs gibt zwei Arten, wie man an eine Rezension gehen kann: Man informiert sich vor dem Anhören der Aufnahme über Komponist, Künstler, Aufnahme-Format, Aufnahme-Ort und und und - und hat dann bereits die Hälfte der „Arbeit“ erledigt. Oder, man hört einfach mal in eine Aufnahme rein und macht sich dann so seine Gedanken.
Im vorliegenden Fall kam die zweite Art zur Anwendung. So gab es echte Überraschungen.
Werke von Beethoven und Enescu
Der Download bei highresaudio.com liefert mir kammermusikalische Werke mit Violinsonaten von Beethoven und Enescu. David Abel Violine und Julie Steinberg Klavier interpretieren die Sonata G-Dur für Violine und Klavier von Beethoven und die Sonata No. 3 von G. Enescu Op. 25.
Als eher magere Info wird lediglich ein JPG-Bild mit Namen der Werke und Künstler mitgeliefert. Doch erinnert mich das Label „Wilson Audiophile“ an einen Besuch, den ich der Lautsprechermanufaktur Wilson vor langen Jahren in Provo, Utah abgestattet und wo ich gesehen hatte, wie hier Lautsprecher der absoluten Spitzenklasse produziert wurden. Bei der Gelegenheit erfuhr ich von David Wilson, dass er ein eigenes Label besitze und audiophile Aufnahmen mache.
Entsprechend war ich gespannt. Also wird nun meine Abhöranlage, bestehend aus MacBook Pro mit Audirvana Plus Player, KingRex UD 384 Wandler samt Akku-Speisung, den legendären und absolut hervorragend klingenden Forte Audio-Verstärker an einem Paar Piega Coax 10.2 gestartet und warm gelaufen.
Und was sehe ich da auf dem Display des Audirvana Plus-Players: Diese Aufnahmen wurden mit 24 Bit Auflösung und sagenhaften, aber unkonventionellen 176,4 kHz Samplingfrequenz gemastered!
Die absolute Klang-Referenz?
Nun also endlich – so glaube ich wenigstens im Moment -, steht mir die ultimative, hochaufgelöste, hervorragend klingende und absolute Klangreferenz zur Verfügung!
Zur Violine habe ich eine ganz besondere Beziehung. Erstens hab ich mal 10 Jahre mit mässigem Erfolg versucht, sie einigermassen schön zu spielen. Dann habe ich sie in unzähligen Livekonzerten gehört, bis sich dieser Klang unauslöschlich in mein Klanggedächtnis eingebrannt hat.
Deshalb ist für mich die Violine ein wichtiges Pflichtstück zur Beurteilung des Mittel-, Hoch- und Obertonbereichs von High-End-Komponenten geworden.
Doch sehr gute Aufnahmen von Streichern sind leider eine Rarität. Entweder klingen sie zu hart, grell ja sogar oft kratzbürstig, oder sie wirken glanzlos, es fehlt an Obertönen und Feinzeichnung. Was ich erwarte, ist ein feinstgezeichneter Klang in allen Tonlagen und die natürliche Wärme dieses Instrumentes, ohne jeglichen unnatürlich harten Einschlag.
Deja entendu?
Bereits die ersten Paar Takte dieser Aufnahmen berühren mich auf eine ganz besondere Art: Gibt es sowas wie ein „deja vu” oder besser ein „deja entendu“?
Kenne ich diesen wunderschönen Klang nicht bereits von früher wie meine Hosentasche? Es klingt absolut vertraut und ganz und gar nicht so, wie ich es von einer modernen, hochauflösendend Digitalaufnahme erwartet hätte.
Trotzdem muss ich zugeben, dass die Violine angenehm brillant, der Steinway Flügel kraftstrotzend und dennoch elegant perlend wirkt. Der Klang hat absolut keine sogenannten „digitalen Härten“ und wirkt für mein Gehör wie Aufnahmen von anno dazumal - eben „analog“!
Die Musiker sind ganz gewiss hochkarätig und spielen schön, korrekt und lupenrein. Doch es fehlt ihrer Interpretation an Spritzigkeit, Vitalität und Tiefgang. Irgendwie hat man den Eindruck, die Musiker spielen allzu routiniert und mit angezogener Handbremse. Erst bei Enescu's Sonata Opus 25, in folkloristisch rumänischem Stil, kommen die Musiker etwas aus sich heraus.
Der Hammerschlag
Doch dann fallen mir plötzlich drei Dinge auf: Ein brummeliges Grundgeräusch, das von einer Ventilationsanlage im Aufnahmeraum stammen könnte. Zudem glaube ich bei ausgehaltenen Akkorden des Flügels minimale Gleichlaufschwankungen zu hören.
Und dann noch der absolute Hammerschlag: Zu Beginn des letzten Tracks höre ich ein ganz, ganz leises Vorecho! Vorechos kommen bekanntlich vor allem bei der analogen Bandtechnik durch den Kopiereffekt zwischen den Bandlagen zustande. Sollten diese Aufnahmen als Master ein analoges Band haben?
Na klar! Hier deutet doch alles auf den Klang einer analogen Bandmaschine hin: Der schöne, „analoge“ Klang, Andeutungen von Gleichlaufschwankungen, das Grundgeräusch und das Vorecho!
Nun möchte ich die Hintergründe erfahren und gehe erneut auf die Webseite von highresaudio.com und suche mir dieses Album. Und siehe da: Wer genauer hinsieht, als ich es erst tat, erkennt unschwer folgende Angaben zu diesem Album: Release 1984 / 2013.
Wer weiter im Internet recherchiert, erfährt, dass David Wilson zwischen 1977 und 1995 rund 33 Aufnahmen getätigt hat, von denen 27 bereits anno dazumal veröffentlich wurden.
Und sie kommen wieder...
Verschiedene Labels wie Naxos, Chandos, LinnRecords, hiresaudio.com etc – haben nun begonnen, einige Titel dieser legendären Aufnahmen in folgenden drei Formaten zu vertreiben: High-Resolution 176,4 kHz/24 Bit , CD-Format mit 44,1 kHz/16 Bit und MP 3 Downloads.
Weiter finde ich auf der Webseite des Wilson Audiophile Labels ein PDF, in welchem sehr vieles über die Aufnahme und die anschliessende Konservierung der Bänder zu erfahren ist. Zudem informiert David Wilson in einem Interview, dass bei diesen in den Jahren 1982/83 getätigten Aufnahmen, neben einem Paar Schoeps CMC-36 Kondensatormikrofonen eine modifizierte Revox A77 zum Einsatz kam, eine Maschine, mit der ich lange Jahre gearbeitet hatte!
Restaurieren von Tonbändern
Diese betagten, analogen Bänder wurden den Puget Sound Studios in Issaquah, Washington kürzlich „in a wooden crate“ zugesandt und dort auf ihren Zustand überprüft. Und der war leider alles andere als perfekt.
Nun galt es, das ganze Know-How, das man zur Rettung alter, maroder Bänder gesammelt hatte, anzuwenden. Die Bänder erhielten eine Anti-Pilz Behandlung, wurden mit einem Schmiermittel versehen. Teilweise mussten die Bänder in einem Ofen bei einer ganz bestimmten Temperatur „gebacken“ und dann während 24 Stunden wieder sorgfältig auf Raumtemperatur heruntergekühlt werden, um sie nochmals abspielen zu können, ohne dass sich die Magnetschicht vom Träger löst.
Nach einigen weiteren Behandlungsschritten konnte das Abspielen auf einer Studer A-80 RC MK II beginnen. Zunächst wurden die analogen Signale ins DSD-Format verfrachtet und so erst mal gespeichert. Anschliessend transferierte man die DSD-Files in die verschiedenen, bereits erwähnten Formate, in unserem Falle in 176,4 kHz/24 Bit.
Fazit
Für mich persönlich ist die ganze Sache eher von historischem als von klanglich-musikalischem Wert.
Musikalisch gesehen sind die Aufnahmen nicht unersetzlich, und auch klanglich verkörpern sie ganz gewiss nicht den heutigen Stand der Technik. Doch wer auf den Klang der guten alten analogen Zeit schwört, wird hier voll auf seine Kosten kommen.
Was die Leute aus diesen alten, maroden Bändern herausgeholt haben, ist schlicht sensationell. Doch auf die ultimative, höchst aufgelöste Violin-Aufnahme muss ich leider weiterhin warten.

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