TESTBERICHT
Das wabenförmige Gitter des Utopia sieht nicht nur reizend aus, sondern gewährleistet auch Offenheit und volle Dekompression des Lautsprechertreibers.Das wabenförmige Gitter des Utopia sieht nicht nur reizend aus, sondern gewährleistet auch Offenheit und volle Dekompression des Lautsprechertreibers.

Sollen sich audiophile Musikliebhaber, Jazz-Enthusiasten und Klassikfans gleichermassen auf einen erstklassigen dynamischen Kopfhörer für zuhause freuen können? Der in Frankreich hergestellte Utopia von Focal kam bereits im Jahr 2016 auf den Markt. Nun stellt stellt das Unternehmen mit Sitz in Saint-Étienne eine erneuerte und verbesserte Version ihres Vorzeigemodells vor mit überarbeitetem Design und akustischen Verbesserungen. Der Focal Utopia kostet um die 5000 CHF und daher sind die Ansprüche an seine Qualität gewiss hoch. In dieser Preiskategorie erwartet man kompromisslose Qualität. Wir waren gespannt, zu ergründen, wie sich der neue Utopia von Focal behauptet.

Raffiniertes Design

Die edle Verpackungsbox aus schwarzem Kunstleder lässt es bereits vermuten: In diesem Würfel verbirgt sich etwas Hochwertiges. Und in der Tat, wer den Deckel der Verpackung lüftet, findet darin ein handwerkliches Erzeugnis erster Güte und eine Menge innovativer Technologie.

Ein augenfälliges Merkmal und raffiniertes Design-Element sind die aus recyceltem Karbon «geschmiedeten» Bügel, welche die Ohrpolster mit dem Kopfelement verbinden. Die raue Oberfläche und das organische Muster des Karbons geben dem Utopia einen eleganten Touch, während gleichzeitig an Gewicht gespart wird. Das Kopfelement ist mit echtem Leder gepolstert, welches auf der Unterseite mit kleinen atmungsaktiven Löchern perforiert, ausgestattet ist.

Das perforierte Lammleder auf den Hörmuscheln und unter dem Tragebügel ist bequem und unterstützt die Offenheit des Kopfhörers. Die Präzisions-Audiostecker des Schweizer Herstellers Lemo gehören zum Besten.Das perforierte Lammleder auf den Hörmuscheln und unter dem Tragebügel ist bequem und unterstützt die Offenheit des Kopfhörers. Die Präzisions-Audiostecker des Schweizer Herstellers Lemo gehören zum Besten.

Die Ohrposter sind ebenfalls mit perforiertem Lammleder überzogen. Das fühlt sich sehr angenehm an und wirkt sich vorteilhaft auf die Offenheit der Hörmuscheln aus. Auf der Innenseite verläuft das Wabengitter exakt entlang der Kurve des Lautsprechertreibers und ist dementsprechend ebenfalls M-förmig. Davon verspricht sich Focal eine bessere Linearität bei den höheren Frequenzen.

Treiber aus Beryllium

Im Inneren befindet sich, angedeutet durch rote Reflexionen des Doppelgitters, das Herzstück des Utopia: der nach hinten komplett offene Breitbandlautsprecher mit M-Kalotte aus Beryllium. Beryllium verfügt bekanntlich über Eigenschaften, die ein präzises Schwingungsverhalten von Membranen begünstigen. Es ist um ein Mehrfaches steifer und dabei leichter ist als andere Premium-Membranwerkstoffe. Es soll gemäss Focal für Transparenz sowie Impulsgenauigkeit sorgen und Klangfärbungen auf ein Minimum reduzieren.

Hinter dem Doppelgitter befindet sich der durch rote Reflexionen angedeutete Breitbandlautsprecher mit M-Kalotte aus Beryllium. Hergestellt in Frankreich.Hinter dem Doppelgitter befindet sich der durch rote Reflexionen angedeutete Breitbandlautsprecher mit M-Kalotte aus Beryllium. Hergestellt in Frankreich.

Die Ingenieure von Focal haben sich für die Verwendung eines dynamischen Kalotten-Treibers entschieden, um das gleiche Hörempfinden wie bei ihren Lautsprechern hervorzurufen. Entstanden ist dabei ein beeindruckender dynamischer Wandler mit einem Frequenzgang von 5 Hz bis über 50 kHz, was natürlich weit über dem für Menschen hörbaren Bereich liegt, sich aber dennoch positiv auf die Klangqualität auswirken soll. Das ist zwar nicht unumstritten, doch kann man davon ausgehen, dass die Exaktheit des Schwingungsverhaltens zwischen 10kHz und 20kHz entsprechend präziser erfolgt. 5Hz und 50kHz sind zu relativieren: Der Hersteller verzichtet grosszügig auf eine nähere Spezifikation der Bandbreite bez. Schallpegel. Der -3dB Punkt dürfte schon bei 70 bis 80Hz erreicht werden und 50kHz sind ebenfalls unrealistisch da bestimmt völlig instabil.

Der Focal Utopia verfügt über eine Impedanz von 80 Ohm und eine Empfindlichkeit von 104dB SPL bei 1mW Leistung (1kHz). Die harmonischen Verzerrungen (THD) liegen bei unter 0.2%, gemessen bei 100dB/1kHz.

Im Lieferumfang enthalten sind ein handlicher und stabiler thermogeformter Transportkoffer mit einem Tragbügel aus Leder und Reissverschluss. Dazu ein 1,5m Kabel mit 3.5mm Klinkenstecker, ein 3m Kabel mit XLR-Stecker sowie eine Klinkenbuchse mit einem 6.35mm-Stecker als Adapter. Auf Kopfhörerseite werden die Kabel über hochpräzise Lemo-Stecker verbunden. Viel Liebe zum Detail erkennt man hierbei an den kleinen roten Punkten, die zeigen, wie man die zweipoligen Leno-Stecker einstecken muss. Ein nettes Feature, wie ich finde. Die Lemo-Stecker wurden wohlgemerkt in der Schweiz entwickelt.

Hörtest

Für den Hörtest habe ich Musik in Hi-Res (24/96 und 24/192) verwendet. Darüber hinaus kamen Schallplatten zum Einsatz. Diese wurden über eine kompakte HiFi-Anlage auf dem legendären Schallplattenspieler Technics MK2 abgespielt. Es wurde also quasi Klangmaterial aus beiden Welten (analog und digital) berücksichtigt.

Die wellenförmige (M-Förmige) Membrane und das ebenso geformte InnengitterDie wellenförmige (M-Förmige) Membrane und das ebenso geformte Innengitter

Bei Wolfgang Amadeus Mozarts Konzert für Klavier und Orchester Nr. 12 stellt der Focal Utopia sein ganzes Können unter Beweis. Rudolf Serkins lebendig gespieltes Klavier verstreut pure Lebensfreude. Die räumliche Zeichnung und die Art und Weise, wie der Klang des Pianos von den Wänden der Londoner Kingsway Hall zurückprallt, ist beeindruckend. Dank des grandiosen Konzert-Halls und der hervorragenden Tiefenstaffelung entsteht der Eindruck, man befände sich in den ersten Reihen der Konzerthalle. - Die berühmte Kingsway Hall wurde übrigens 1998 zwecks mangelnder Nutzung und kostspieliger Reparaturen abgerissen. Sie gehörte über Jahrzehnte zu den besten Aufnahme-Locations der Welt.

Beim Dialog zwischen den Holzbläsern und dem Piano und später, wenn das gesamte Orchester zusammen aufspielt, nimmt das heitere Stück eine beachtliche Weite ein und füllt den ganzen Raum. Ein dreidimensionales Klangerlebnis, das richtig Spass macht.

Einen Eindruck der beachtlichen Impulstreue des Utopias bekommt man bei Stücken wie «Hotel California» von den Eagles, aufgenommen am «MTV Unplugged»-Konzert 1994 (Doxy Collection, Remastered, Live). Feinste Nuancen der Akustikgitarre sind klar und deutlich wahrnehmbar und der charakteristische Klang der Stahl- und Nylonsaiten wird wunderbar reproduziert. Die begleitenden Bongos haben viel Dynamik im Bassbereich und bestechen gleichzeitig mit hohen perkussiven Klängen. Die mitgemischten Publikumsgeräusche runden die fantastische Aufnahme ab und sorgen für ein packendes Live-Feeling.

Basstöne, wie Paul McCartneys Rickenbacker auf «You Never Give Me Your Money» klingen zart wie Butter und zugleich so warm, dass diese gleich wieder zu schmelzen droht. Gleichzeitig klingen die Höhen des Pianos und das Top-End von Ringos Schlagzeug erstklassig und präsentieren sich mit viel Dynamik. Ausgewogenheit demonstriert der Kopfhörer auch bei Songs wie der hochpolierten Pop-Produktion «Fantasy» von Mariah Carey. Die zauberhafte Stimme kommt kristallklar daher und die hohen Peaks, Careys berühmtes Flageolett, klingen unglaublich gut. Insgesamt sind die Höhen auf dem Utopia sehr angenehm, selbst wenn ich über meinen Equalizer 3,3 kHz und 10 kHz aufs übelste hochfahre.

Eine Türe öffnet sich mit einem dumpfen Knall, gefolgt von einem unheimlichen, elektrisierenden Quietschen der Scharniere. In einem langen Korridor hört man Schritte, während einem der Wind um die Ohren pfeift. Ein Donnerschlag erschüttert den Raum und man in der Ferne hört man Wölfe heulen. Mit einem heftigen Schlag der Snaredrum finden wir uns wieder in der Welt von Michael Jacksons Thriller. Der von Quincy Jones produzierte poppige Disco-Funk-Klassiker klingt auf dem Utopia phänomenal. Die groovigen Cymbals sind äusserst fein gezeichnet und schneiden sich klar durch den Mix. Die Synthesizer verteilen sich über das gesamte Stereobild und geben der Aufnahme eine grosse Weite. Feine Modifikationen der Basslinie sind deutlich hörbar.

Fazit

Der Focal Utopia Beryllium ist ein phänomenaler High-End-Kopfhörer, der das Herz von audiophilen Musikliebhabern höher schlagen lassen wird. Dank raffinierter Bauweise und einem M-förmigen Vollbereichs-Lautsprechertreiber aus Beryllium präsentiert er sich mit einer bestechenden Klangqualität.

Der Tragbügel aus Karbon sind leicht, stabil, nachhaltig und «Hi-Tech».Der Tragbügel aus Karbon sind leicht, stabil, nachhaltig und «Hi-Tech».

Das wabenförmige Gitter und die Bügel aus geschmiedetem Karbon sind raffinierte Ausstattungen und geben dem Kopfhörer ein elegantes, modernes Aussehen. Dank perforiertem Lammleder und guter Gewichtsverteilung lässt sich der Utopia sehr bequem tragen. Bei längeren Hörsessions fällt einem das Gewicht auf. Unbequem ist es deshalb aber nicht.

Das mitgelieferte TRS-Kabel (1,5 m) könnte für meinen Geschmack ruhig einen halben Meter länger sein. Im Hörtest überzeugt der Kopfhörer auf ganzer Linie. So zeigt sich der Utopia mit einer hervorragenden Tiefenstaffelung und einer beachtlichen Impulstreue. Selbst feinste Details, etwa jene einer akustischen Gitarre, werden korrekt reproduziert. Bässe klingen angenehm warm und die Höhen klingen fantastisch. Französische Klangqualität, die tatsächlich keine Wünsche offenlässt. 

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