Airpods Max. Die ganz grossen Würfe von Apple waren immer smarte Geräte in Kombination mit neuen Ecosystemen. So war damals der iPod in Kombination mit iTunes ein unschlagbares User-Erlebnis. Später überzeugte das iPhone mit dem neuen Konzept der Apps vieler Anbieter aus dem App Store oder die Apple Watch als edles Smartgerät an der humanen Uhren-Position Handgelenk. Es waren nie nur die Geräte, die in der jüngeren Vergangenheit des Tech-Riesen alleine überzeugten, trotz ihrem genialen Design. Es waren User-Experience-Konzepte.
Mit den AirPods Max brachte Apple Ende 2020 einen sehr wertig wirkenden Over-Ear-Kopfhörer auf den Markt. Damit war nach der Übernahme von Beats durchaus zu rechnen, aber mit dem Bluetooth-Kopfhörer allein war es nicht getan. Es braucht mehr für die User Experience. Und dafür musste zuerst ein wichtiger Marketing-Schwenk vollzogen werden:
Die Apple-Gefolgschaft sollte an die «Realität» herangeführt werden, dass das digital komprimierte Musikformat AAC von Apple Music nun doch nicht das Mass der Dinge ist und man nun mit dem Streamingdienst Apple Music auch hochauflösende 24-Bit-Datenströme oder 16 Bit lossless im ALAC-Format und sogar noch eine Variante von Dolby Atmos 3D-Audio – Spatial Audio genannt – geniessen kann und dass sich das lohnt. Eine Erweiterung der Angebotsbandbreite von Apple Music musste und muss zuerst angeteasert werden.
Es gibt bei Apple einige Einschränkungen dessen, was Audiophile und auch professionelle Audioleute unter HiRes verstehen. Dazu mehr weiter unten. Apple geht darüber hinweg, wohl auch, um die Zielgruppe von Tech-Talk zu verschonen und nicht zu verwirren. Dafür stellt sich Apple nun gleich als Erfinder von HiRes-Audio-Streaming, Best-Headphones, Noise-Compensation u.s.w. ins Rampenlicht.
Nicht zu bestreiten: Die genial gemachten AirPods Max mit ihrem Schutz-Holster, welches auch noch dafür sorgt, dass die Standby-Stromaufnahme minimiert wird.Diese überdrehte Art, den Wettbewerb einfach zu ignorieren, ist etwas unanständig. Doch das haben sie früher auch getan – und trotzdem immer überzeugt, weil alles aus einem Guss war, weil es auch für kritische Ohren so schlecht gar nicht klang und weil die Produkte des Tech-Riesen und die User-Experience schon immer genial waren.
HiRes und Spatial Audio
Apple Music ist zwar auch nur ein Streamingdienst mit HiRes-Qualität im Angebot, wie Amazon Music, Tidal und Qobuz. Aber für die Apple-Gefolgschaft soll es der einzige Streamingdienst sein. Apple zählte 2020 weltweit um die 800 Millionen Unique User, Leute mit einer Apple-ID und mit einem oder mehreren Apple-Geräten im Einsatz. Auf diese Musikhörer richtet sich Apple Music aus. Es geht nicht um die HiFi-Hörer mit den Stereogeräten zuhause. Wenn die das auch nutzen wollen, dann muss irgendwo Apple-Hardware oder -Software rumstehen. Anders geht es nicht.
Trotz neu 100 % des Katalogs von Apple Music in 16bit/44,1kHz (CD-Qualität) und einer Auswahl in 24/96/192: Mit der Bluetooth-Verbindung zu den AirPods Max geht HiRes oder lossless nicht. Natürlich klingt es, aber es gibt keinen Bluetooth-Codec, der in der Lage wäre, diese Daten lossless zu übertragen. Das mag so tragisch nicht sein, aber das Leistungsversprechen ist nicht zu erfüllen. Wahrscheinlich kümmert das niemanden.
Will man einen Kabelkopfhörer ans iPhone anschliessen, braucht man einige unpraktische Adapterkabel, die weiss Gott was alles machen. Will man ein Android Smartphone mit Apple Music nutzen, geht es mit dem USB-Ausgang zwar einfacher, aber Android OS macht ein re-sampling auf 24/48, genau so, wie viele DA-Adapterkabel für Kopfhörer auch. Mehr als 48 kHz Samplingrate ist also nicht drin, egal was man vorne reinschiebt.
Wenn man nun Apple Music zuhause mit einem MacBook Pro nutzen will, bekommt man «Bit-perfect» und «gapless» auch nicht zu Gange. Der von den HiFi-Hörern gewollte Purismus der Bit-Transparenz ist nicht zu erzielen und viele Leute wollen keine Computer mehr an ihr HiFi anschliessen. Die theoretisch erzielbare «Qualität», die sich mit der Wiedergabe von HiRes-Formaten erzielen lässt, ist mit Apple Music vorerst nicht erreichbar. Die User-Zielgruppe, die das wünscht, ist zu klein ... für Apple.
Schliesslich gibt es nebst Apple Music noch grosse Player wie Spotify (HiFi) und Amazon Music. Alle anderen wie Qobuz und Tidal backen kleinere Brötchen, aber dafür schmackhafte. Sie kümmern sich um die Bedürfnisse der «Digital-Audiophiles».
Weit spannender ist aber 3D-Audio oder Spatial Audio: Dieses auf Dolby Atmos basierende neue «Raumklang-Format» ist prädestiniert für die AirPods Max. Damit soll es räumlicher, grösser und plastischer klingen. Das Format lässt sich aus jeder Mono- und Stereo-Aufnahme generieren. Auf Apple Music findet man schon eine beeindruckende Liste an neuen und alten (= konvertierten) Aufnahmen. Bei 3D-Audio geht es nicht um Bit-Perfect: Bluetooth reicht völlig, es geht um ein neues Klangerlebnis, will man Apple glauben.
Wir haben uns das angehört.
3D-Audio mit Apple Music und den AirPods Max.AirPods Max
Ich erwähnte die User Experience oder zu Deutsch das Nutzererlebnis von Apple-Geräten. Auch bei den AirPods Max werden die Erwartungen in jeder Hinsicht übertroffen. Die haptische Erfahrung ist wie ein Erstkontakt mit einer ausserirdischen Technologie, gerade, als wenn die E.Ts einen irdischen Kopfhörer kopiert und mit eigener Materialtechnologie ausgeführt hätten. So fühlt sich das an, auch wenn man die Drehkrone schon von der Apple Watch her kennt. Die Konstruktion des Tragbügels ist einmalig gut gelungen und der Hörer sitzt superbequem und lässt sich satt anpassen.
Apple AirPods Max: Ein echter Hingucker.Auf der Oberseite des rechten Hörers gibt es diese Drehkrone mit Tastfunktion und eine zusätzliche Taste. Hält man die Kopfhörer nahe ans iPhone, öffnet sich die Konfigurationsanleitung automatisch. Betätigt man die Taste bis das Licht weiss blinkt, kann man in den Bluetooth-Einstellungen den AirPods Max wählen. Bei Geräten, die mit iCloud verbunden sind, erfolgt dann die Verbindung immer gleich automatisch.
Mit der Drehkrone regelt man die Lautstärke. Einmaliges Drücken bewirkt das Abspielen oder das Pausieren. Zweimaliges Drücken einen Titelsprung nach vorn und dreimaliges Drücken einen Titelsprung zurück. Drückt man etwas länger, dann meldet sich Siri für Sprachbefehle. Man kann auch «Hey Siri» sagen.
Die vordere Taste dient der Kontrolle der aktiven Geräuschunterdrückung. Es gibt drei Möglichkeiten: die aktive Geräuschunterdrückung ein oder aus und den Transparenzmodus. Ohne Geräuschunterdrückung ist man gegen Aussengeräusche schon sehr gut abgeschirmt. Mit Geräuschunterdrückung und OHNE Musik glaubt man, sich in einer anechoischen (schalltoten) Kammer aufzuhalten. Aktiviert man den Transparenzmodus, hört man seine Umgebung, als wären die Kopfhörer nicht da. Mit Musik und ANR aktiv hört man wirklich nur noch die Musik – und das macht den Unterschied auch bei geringfügigen Aussengeräuschen. Die Konfiguration der Bedienelemente und auch die Bedienung selbst lassen sich auch auf der Bedienoberfläche auf dem iPhone vornehmen.
Wenn man die Kopfhörer in das Smart Case versorgt, wird der Ruhezustand aktiviert und die Akkuladung geschont. Mit einem konventionellen Ladekabel mit Lightning Connector kann man die AirPods Max laden. In meinem Fall ging das recht schnell.
Bedienoberflächen auf dem iPhone: Links Einstellungen für Tastenfunktion und Kronenfunktion etc. Mitte: Ausschnitt einer Auswahl für Musik in 3D-Audio auf Apple Music: Rechts: Ein Klassik-Sampler in Lossles Audio auf Apple Music.Klangeindrücke
Aufgrund einer deutlichen Präsenz oder Deutlichkeit im Tieftonbereich, allgemein als «Bass» verstanden sowie einer vermuteten Absenkung des Pegels im Hochtonbereich ergibt sich über alles ein sehr gefälliges, sanftes und angenehmes Klangbild. Es hat etwas «cremiges» und ist nicht eben spritzig und dafür sehr voluminös. Das kann kein Zufall sein, es ist eine Abstimmung, ein «Sound-Design». Bei Aufnahmen mit viel Power im Bass wünscht man sich weniger Sahne im Kaffee, aber eine Klangregelung sucht man vergebens ... leider, denn es gäbe viele Möglichkeiten sie nutzergerecht zu realisieren und in die Bedienoberfläche zu implementieren. Einmal mehr wird dem «User» vorgeschrieben, wie es in seinem Kopf zu klingen hat.
Ich kann mich nicht so recht entscheiden, ob mir das Klangbild nun zusagt oder eher weniger. Gerade bei Musikbeispielen aus dem Genre der Klassik war ich doch sehr angetan und auch die Jazz-Geschichten kamen bei Live-Aufnahmen teils verblüffend livehaft rüber. Die überzogenen Pop-Produktionen der aktuellen Neuzeit sind nicht so mein Ding, aber manchmal schon, und auch da gab es ganz ordentliche Eindrücke mit dem AirPods Max. Vielleicht braucht es ein Warmwerden mit der Klangphilosophie der AirPods Max.
Was mich hingegen sehr überraschte, war diese 3D-Audio «Experience», zumal ich als Stereo-Hardliner keine grossen Erwartungen hegte. Apple Music bietet bereits eine stattliche Auswahl dieser «Dolby Atmos»-basierenden Spatial-Audio-Reproduktionen an. Verglichen mit der Stereo-Versionen (oder sogar Mono) vergrösserten sich Raum und Bühne ganz erheblich und die Nähe zu den Musizierenden und auch deren Greifbarkeit nahm deutlich zu. Besonders auffällig gelingt das bei «Moaning'», einem grossen Jazzklassiker von Art Blakey. Purismus hin oder her, das gefiel mir in der 3D-Audio-Version wirklich klar besser, weil die Studio-Atmosphäre sehr überzeugend wurde.
Auch hatte ich den Eindruck, dass die für Kopfhörer typische «Im Kopf Lokalisation» durch Spatial Audio teilweise entfernt wird. Ich konnte den Boden unter den Füssen der Musiker besser erkennen, es entstand eine Bezugsebene. Wenn mir der Klang allgemein nicht so zusagte, dann wurde es mit 3D-Audio-Material besser – und zwar ... eindeutig. Die AirPods Max sind meiner Meinung nach auf eine neue Aufgabe zugeschnitten. Das können andere Kopfhörer wohl nicht.
Von der Musikwahl zur Wiedergabe: Weitere Oberflächen von Apple Music mit den AirPods Max als Wiedergabegerät.Fazit
Für Leute, die es ganz authentisch und audiophil haben wollen, klingen die AirPods Max einfach zu wollig. Für die anderen 90 % der musikhörenden Weltgemeinschaft sind die AirPods Max gerade im Zusammenspiel mit 3D-Audio (Spatial Audio) bestimmt eine kleine Offenbarung. Einmal mehr werkelt Apple an einem Ecosystem, bestehend aus einem Klangformat und den passenden Wiedergabegeräten. Das Nutzererlebnis ist, wie fast immer, grossartig. Und von aktiver Noise-Compensation versteht Apple auch eine Menge. «Lossless» bekommt man einfach gratis dazu.
Die AirPods Max wirken beinahe ausserirdisch.
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