Über das Solokonzert, das Keith Jarrett 1975 in der Oper Köln gab – übrigens eines von über 50 Solokonzerten, die Jarrett innerhalb von vier Jahren absolvierte – gibt es viele Artikel, Geschichten und gar Mythen, die ich hier nicht aufwärmen möchte. Viel mehr interessieren mich die Trio-Aufnahmen mit seinen langjährigen Weggefährten Gary Peacock und Jack DeJohnette, die live bei Konzerten in aller Welt aufgezeichnet wurden, insbesondere das hier besprochene Doppelalbum «After the Fall», das zu einem speziellen Zeitpunkt in Jarretts Leben entstand.
Keith Jarrett
Keith wurde am 8. Mai 1945 in Allentown (PA) als ältester von fünf Söhnen geboren. Seine Mutter hatte slowenische, sein Vater mehrheitlich deutsche Wurzeln. Keiths aussergewöhnliche Musikalität wurde von seinen Eltern bereits früh entdeckt und entsprechend gefördert: Schon vor seinem dritten Geburtstag erhielt er Klavierunterricht, hatte als Fünfjähriger seinen ersten TV-Auftritt in einer Talentshow und gab sein erstes klassisches Konzert mit sieben, das er mit zwei Eigenkompositionen beendete. Es war vor allem seine Mutter, die ihn ermutigte, sich von diversen renommierten Lehrern am Institute of Music in Philadelphia unterrichten zu lassen.
Jarrett besuchte die Emmaus High School, wo er mit Jazz in Kontakt kam. Es war vor allem der (damals) moderne Jazz, der ihn faszinierte. So zog er nach dem High-School-Abschluss 1963 nach Boston, um am Berklee College of Music zu studieren. Sein Studium finanzierte er als Barpianist in diversen Clubs in Boston.
1964 zog Keith nach New York City, wo er im Village Vanguard in Greenwich Village auftrat. Dort entdeckte ihn Art Blakey und engagierte ihn als Pianisten für die «Jazz Messengers» (zu hören auf dem Live-Album «Buttercorn Lady», das 1966 erschien und für Jarrett eine Art Karrierestart bedeutete). Allerdings verstanden sich Blakey und Jarrett nicht besonders, und Jarrett verliess die Messengers nach wenigen Monaten.
Jack DeJohnette in jungen Jahren. (Foto: Paul Robicheau)Als der Schlagzeuger Jack DeJohnette Keith bei einem Auftritt hörte, empfahl er ihn seinem Bandleader, dem Saxofonisten und Flötisten Charles Lloyd, der mit seinen Mitmusikern dabei war, neue musikalische Wege zu gehen. Das 1966 erschienene Album «Forest Flower» war enorm erfolgreich, vor allem in der Hippie-Community Kaliforniens. Nach begeisternden Auftritten in San Francisco begab sich das Quartett auf ausgedehnte Tourneen, die bis nach Leningrad führten. Und zwischen Jarrett und DeJohnette entstand eine Verbundenheit und ein musikalisches Verständnis, das Jahrzehnte überdauerte.
1968, nach der Aufnahme von «Soundtrack», kam es im Charles Lloyd Quartet zu künstlerischen und finanziellen Differenzen. Doch kurz darauf klopfte Miles Davis an, und Keith spielte, nicht zuletzt weil DeJohnette der Drummer war, mit Miles, zum Teil neben Chick Corea. Er spielte Hammond und Rhodes, weil Davis es verlangte, war jedoch selber nie ein Freund von elektronischen Instrumenten.
DeJohnette verliess die Davis Band Mitte 1971 und Keith ein paar Monate später.
1971, nach der Aufnahme von «The Mourning of a Star» mit dem Bassisten Charlie Haden und dem Drummer Paul Motian, mit denen Keith bereits 1967 Aufnahmen gemacht hatte, gesellte sich zum Trio noch der Saxofonist Dewey Redman. Als Jarretts «American Quartet» nahmen die vier in den folgenden fünf Jahren zwölf Alben auf.
Dank einem längeren Ausflug in den experimentellen Freejazz, wo jeder der vier Musiker viele andere Instrumente beisteuerte – Jarret spielte z. B. auch Sopransax, Banjo und Blockflöte – interessierte sich Manfred Eicher (ECM Records) für die Gruppe. Jarretts «American Quartet» nahm in der Folge «Survivors’ Suite» (1976) und «Eyes of the Heart» (1979) für ECM auf. Doch Jarretts erstes Album für ECM wurde bereits 1971 veröffentlicht und war sein erstes Pianosolo-Album.
Keith Jarrett.Ab 1973 begann Jarrett völlig improvisierte Solokonzerte zu geben, deren Aufzeichnungen zu den erfolgreichsten Soloalben wurden, darunter eben auch das Köln-Konzert. Diese Konzerte wurden später als 10-LP- resp. 6-CD-Boxset vermarktet.
1983, auf Vorschlag von Manfred Eicher, gründete Jarrett zusammen mit Gary Peacock und Jack DeJohnette ein Trio, ursprünglich nur für die Aufnahme eines Albums mit Standards, «Standards Vol. 1». Es folgten zwei weitere, «Standards Vol. 2» und «Changes» aus derselben Session. Das Trio verstand sich dermassen gut, dass daraus über Jahre hinweg eine enorme Anzahl Studio- und (vor allem) Live-Alben entstanden. Erst nach über 30 Jahren (2014) und einem letzten Konzert in New Jersey löste sich das Trio auf.
Gary Peacock spielte bis zu seinem Ableben im September 2020. Er wurde 85 Jahre alt. Jack DeJohnette verstarb im Oktober 2025 83-jährig. Auch er war bis zu seinem Tod aktiv.
2018 erlitt Keith Jarrett zwei Schlaganfälle, die seine linke Körperhälfte teilweise lähmten. Er wird vermutlich nie mehr live auftreten können/wollen.
«After the Fall»
Nicht zuletzt um den Albumtitel zu erklären, schreibt Jarrett im Booklet (frei übersetzt und gekürzt): Während mehr als zwei Jahren (vom Herbst 1996 bis 1998) litt ich an CFS (Chronic Fatigue Syndrome) und konnte nicht mehr öffentlich Klavier spielen. Ich starrte auf mein Klavier und war unfähig, etwas zu spielen. Zusammen mit meinem Arzt fanden wir einen Weg, langsam (sehr langsam) Fortschritte zu machen.
Im Frühling 1998 versuchte ich in meinem Studio mit dem Trio zu spielen, doch der Erfolg blieb aus. Als wir es etwas später nochmals versuchten, hatte ich das Gefühl, dass mir nur ein Konzert, möglichst nahe bei meinem Zuhause in New Jersey, helfen könnte.
So entstand dieses Konzert im November 1998 als eine Art beängstigendes Experiment. Ich sagte meinen Freunden im Trio, dass für mich wohl Bebop die beste Art Musik sei … Wenn meine Musik also nun «veraltet» klingt, gibt es einen Grund dafür.
Ich war überrascht, wie gut alles klang, und entschied deshalb, sozusagen als Abschluss nach meinem Sturz in die Krankheit die Aufnahmen (nach 20 Jahren) zu veröffentlichen. Für mich ist es nicht nur ein historisches Dokument, sondern ein wirklich gutes Konzert.
Keith Jarrett mit Gary Peacock und Jack DeJohnette.Wie die meisten Konzertalben Jarretts ist auch «After the Fall» lang: Die eindreiviertel Stunden wurden auf einer Doppel-CD veröffentlicht. Die zwölf Stücke dauern zwischen fünf und beinahe 16 Minuten.
Die Auswahl beschränkt sich bei weitem nicht nur auf Bebop-Nummern, sondern enthält auch Standards wie «The Masquerade Is Over», normalerweise eine Ballade mit viel Herzschmerz, hier jedoch ein swingender Freudenausbruch. Dasselbe gilt für «Autumn Leaves», bei dem die «toten Blätter» nur so herumwirbeln. Und «Santa Claus» durfte bereits im November in einer rhythmisch anspruchsvollen Version «to Town» kommen.
Doch auch Balladen wie «Old Folks», «Late Lament» und das wunderbar gefühlvolle «When I Fall in Love» gehören zum abwechslungsreichen Programm.
Die zwei bekanntesten Bebop-Stücke «Scrapple from the Apple» und «Bouncin' with Bud» sowie John Coltranes «Moment’s Notice», Sonny Rollins’ «Doxy» und das auf dem 12-Takt-Blues basierende «One for Majid» spiegeln die während des Konzerts zurückkehrende Spielfreude Jarretts wider.
Einmal mehr überzeugt das Trio durch die gegenseitige Unterstützung, das Aufeinander-Eingehen, wobei sich vor allem Gary Peacock und Jack DeJohnette dem «wieder auferstandenen» Keith Jarrett anpassen. Die langjährige gemeinsame Erfahrung verleiht dieser Aufnahme eine besondere Leichtigkeit: Alles fliesst und swingt, dass es eine Freude ist.
Fazit
Man muss die Hintergründe dieses Konzerts nicht kennen, um es von A bis Z geniessen zu können. Natürlich ist es ein Keith-Jarrett-Konzert, doch ohne seine langjährigen Freunde wäre es nur halb so gut, bauen sie ihn doch immer wieder zu Höchstleistungen auf.
Ein durchwegs begeisterndes Album, das einmal mehr aufzeigt, wie im Jazz das Miteinander überraschend schöne Momente schaffen kann.

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