Das Wissen aus dem Internet verwandelt ein altes Android-Handy in einen modernen Alltagsbegleiter mit neuster Android-Version 6.01.Spannende Geschichten fangen immer mit dummen Sprüchen an. Bei mir war es kurz vor Ostern die Aussage: "Natürlich geht das." Aufgrund der Lebenserfahrung wurde der Bluff aber auch gleich mit der Nachsatz "… irgendwie …" ergänzt.
Provoziert wurde mein dummer Spruch mit der Frage: "Du, auf meinem Handy kann ich Whatsapp nicht mehr updaten. Kann man da was machen?"
Alt-Handy mit Speicherinfarkt
Die Patientin, die bei einem Osterbesuch auf meinem Tisch landete, erwies sich dann als Samsung Galaxy S2. Also eines der ersten vernünftigen Android-Handys, mit hosentaschenfreundlicher Displaygrösse und dank wechselbarem Akku theoretisch unendlicher Lebenszeit.
Nach kurzer fachmännischer Toucherei war die Diagnose klar: "Akuter Speicherinfarkt". Ganze 512 Megabyte Speicher standen der alten Dame für Apps zur Verfügung. Weil jede Verbindung mit dem Internet auch gleich eine Update-Orgie der fix vorinstallierten Apps auslöste, war vom Speicher kaum mehr was übrig. Jedenfalls nicht genug, damit sich Whatsapp updaten konnte. Die jugendtrendige Mitteilungsapp stellte deshalb auch gleich beleidigt seine Arbeit ein. Nach dem Motto "Ich whatsappe doch nicht auf einer Grossmutter!"
Versuche, irgendwie Speicher freizuschaufeln, erwiesen sich als nur kurz wirksame Placebos. Mann liess sich deshalb zum Spruch: "Tja, da klatschen wir besser gleich ein neues Android drauf" hinreissen.
Internet weiss alles, ich nichts
Die Handy-Besitzerin klatschte ebenfalls, denn ihr ökologisches Gewissen wollte ihr geliebtes S2 nicht einfach auf dem Scheiterhaufen des Elektroschrotts verbrennen. Ich aber klatschte mir in den folgenden Ostertagen mehrfach gegen die Stirn und schwor, das nächste Mal einfach die Klappe zu halten.
Das Internet weiss ganz genau, wie man ein Galaxy S2 auf Android 6.01 updatet. Dabei kann man dank Tipps aus dem Internet auch gleich die Speicherverwaltung anpassen, damit die Handy-Oma danach gigabyteweise Platz für Apps hat. Das Internet weiss auch, wie man danach wieder den App-Store von Google und ein Dutzend weitere Google-Apps von Maps über Mail bis Kalender auf das Handy kriegt.
Odin statt Osterhase
Nur ich hatte davon eigentlich nicht wirklich eine Ahnung. Statt Ostereier suchte ich also während den Festtagen nach Cyanogenmod, Gapps, TWRP, Lanchon, ADB, PIT und Odin. Was eigentlich unglaublich viel Spass machte, weil ich keine Osterhasen suchen musste und stattdessen gleich vor dem PC mit Schokoladenstückchen gefüttert wurde. Vom Zwiebelschälen für den Osterbraten wurde ich ebenfalls freigestellt, weil mein Projekt "Rettet die S2-Oma" im ganzen Haushalt breite ökologische Unterstützung fand.
Während ich also mit USB-Kabel und Patch-Programmen am offenen Herzen des Handys operierte, wurde immer wieder sorgenvoll gefragt "Na, wie gehts?" Dabei galt die Sorge aber wohl eher dem S2 als meinen zwischenzeitlich doch recht strapazierten Nerven. Denn die entscheidenden Webseiten von Rudolf Forstner und Lanchon fand ich natürlich erst, als ich eigentlich schon fertig war.
Die Helden sind andere
Dafür hat sich die Arbeit gelohnt. Das Galaxy S2 protzt mit neustem Android und viel freiem Speicher.Die Arbeit hat sich letztlich gelohnt. Denn das Triumphgefühl, als ein brandneues Android 6.01 auf dem S2 aufleuchtete, können nur andere Verrückte nachvollziehen, die Uralt-Elektronik ein neues Leben eingehaucht haben.
Die Arbeit haben aber letztlich andere gemacht. Tausende Freiwillige da draussen im Internet werkeln am Android-Clone Cyanogen, pfriemeln Google-Apps zu Installationspaketen zusammen, programmieren ausgefeilte Recovery-Manager und schreiben Linux-Skripte, die ich nicht mal ansatzweise verstehe. Sie alle haben Tausende Stunden und wohl auch einige graue Haare der Allgemeinheit geopfert und ihr Wissen kostenlos in die Schatztruhe des Internets gelegt. Eigentlich hätten sie ja den Schokoladenosterhasen verdient, den ich als Lohn verdrückt habe.
Weil die Osterzeit ja auch eine Zeit des Nachdenkens ist, habe ich mich natürlich auch gefragt, warum sich eigentlich nicht die Gerätehersteller in ihrer immer wieder deklarierten sozialen und umweltgerechten Verantwortung um Updates für 10 Jahre kümmern. Warum nicht ein Lehrling bei Samsung einfach alle Update-Pakete für die Galaxy-Ahnensammlung zusammenbastelt und diese für alle auffindbar publiziert. Aber vermutlich liegen Ökologie und Ökonomie nur bei Tippfehlern nahe zusammen und sind in der Realität einfach zwei Welten.
Die Verantwortung liegt also wieder mal bei uns. Dem tapferen Entscheid, Altgeliebtes nicht einfach zu verschrotten, sondern Hilfe im Internet oder gar altmodischen aber wahrhaftigen Fachhändlern zu suchen. Investierte Zeit und Kosten stehen dann vielleicht in keinem vernünftigen Verhältnis zu einem Neukauf. Aber letztlich zählt ja das Gefühl.
Und, damit es hier klar gesagt ist: Ich hab an Pfingsten schon was vor. Sie müssen mir also nicht ihre Handy-Oma zuschicken.

Alle Themen



