Die Faszination von Hornlautsprechern ist real. Wer je vor einem gut abgestimmten Hornsystem sass, weiss, was ihre Verfechter meinen. Direktheit. Unmittelbarkeit. Die Musik wirkt leibhaftig und greifbar im Raum. Das hat physikalische Gründe. Ein Horn verstärkt den Schall akustisch, praktisch verlustfrei. Die Membran muss dafür nur wenig auslenken. Das Resultat sind ein hoher Wirkungsgrad, ungebremste Dynamik, Schallschnelle und ein kohärentes Impulsverhalten. Schon wenige Watt aus einer Röhrenendstufe genügen für kräftige Pegel. Die Kehrseite ist ebenso bekannt. Hörner brauchen Platz. Sie brauchen Erfahrung im Weichenbau, sonst tönt es hohl oder gepresst. Und die grossen Kisten passen selten in minimalistische Wohnzimmer.
Klipsch aus Hope, Arkansas, baut seit 1946 genau solche Kisten. Das legendäre Klipschhorn steht bis heute im Katalog. Zum 80-Jahr-Jubiläum holt sich der Hersteller einen ungewöhnlichen Partner. Devon Turnbull führt in New York das Studio Ojas. Er fertigt in kleinen Serien Klangobjekte für Sammler und Galerien. Sein Ansatz sei bewusst reduziert, betont Turnbull.
Erste Zusammenarbeit war der Ko-R1 im Herbst 2024, ein auf 100 Paare limitierter Ableger des Heresy. Er war rasch vergriffen. Nun folgt der Ko-R2. Weltpremiere im April 2026 an der Milan Design Week – nicht an einer Messe, sondern in der Fondazione Luigi Rovati. Einem Museum. Das passt zur Selbstinszenierung als Objekt zwischen Skulptur und Serienprodukt.
Der Ko-R2 in der Frontansicht. Auf dem Bassreflexgehäuse thront das 1506-Horn, unten arbeitet der K-33-E, ein 15-Zoll-Woofer aus der Cornwall IV.Der Ko-R2 ist ein passiver Zwei-Wege-Standlautsprecher im Bassreflexgehäuse. Er misst 116 mal 64,5 mal 56,5 Zentimeter und wiegt rund 54,7 Kilogramm pro Stück. Als Material dient 13-lagiges baltisches Birkensperrholz in Grade A. Erhältlich sind Ausführungen in Red-Oak-Furnier oder Hammertone-Silver-Pulverbeschichtung. Das Horn trägt in beiden Fällen eine matte, schwarze Pulverlackierung.
Das eigentliche Herzstück sitzt auf dem Gehäuse. Ojas hat für den Ko-R2 ein neues Multisektor-Horn entworfen, das 1506. Es besteht aus schwerem Aluminium-Sandguss und wird elektrophoretisch behandelt. Die 15-zellige Geometrie zitiere klassische Vorbilder von Western Electric und Altec, so Ojas. Konkret genannt werden das 25A-Horn und das KS12025. Quadratische und trapezförmige Öffnungen sollen für gleichmässige Abstrahlung in beiden Ebenen sorgen.
Seitenansicht. Der lange Schallweg des Multisektor-Horns aus Aluminium-Sandguss wird erst im Profil sichtbar. Die Verstrebung trägt das gesamte Gewicht.Angetrieben wird das Horn von einem Klipsch-K-706-Kompressionstreiber. Für den Bass sorgt der K-33-E, ein 15-Zoll-Chassis mit Faserverbundmembran. Dieselbe Bestückung findet sich in der Cornwall IV der Heritage-Serie. Die Trennung erfolgt bei 760 Hertz. Klipsch nennt einen Frequenzgang von 39 Hertz bis 20 Kilohertz mit einer Toleranz von ±3 Dezibel. Bei -10 dB reiche der Tiefbass laut Datenblatt bis 29 Hertz hinab.
Der Wirkungsgrad soll bei 97 Dezibel liegen, gemessen mit 2,83 Volt in einem Meter Abstand. Die Nennimpedanz beträgt acht Ohm. Das Minimum sinkt bei 100 Hertz auf 4,2 Ohm. Belastbarkeit dürfte mit 300 Watt keine Rolle spielen. Ein Röhrenverstärker mit wenigen Watt genügt für Zimmerlautstärke – und einiges mehr.
Auf der Rückseite finden sich Fünf-Wege-Klemmen aus eloxiertem Aluminium und ein Höhenpegelsteller in fünf Stufen. Damit lässt sich der Hochtonbereich an Raum und Geschmack anpassen. Gummifüsse dämpfen Vibrationen. Eine gravierte Metallplakette markiert jedes Paar mit einer Seriennummer. Eine Fernbedienung fehlt. Bei diesem Konzept wäre sie ein Fremdkörper.
Blick von oben. Der K-706-Kompressionstreiber sitzt am Hornhals, rechts das Bedienfeld mit dem fünfstufigen Höhenpegelsteller.Der Preis liegt bei 11'995 US-Dollar pro Paar im Ojas-Webshop. In Europa werden 14'000 Euro aufgerufen. Ein offizieller Schweizer Preis fehlt bislang. In der Schweiz ist Klipsch über Novis Electronics vertreten, die Heritage-Serie führt Müller + Spring als Certified Heritage Dealer. Der Ko-R2 ist dort noch nicht gelistet. Ausgeliefert wird zwischen August und Oktober 2026, gestaffelt nach Bestelleingang.
Zum Vergleich – eine Klipsch Cornwall IV mit demselben Basstreiber kostet in der Schweiz rund 6500 Franken das Paar. Der Aufpreis für den Ko-R2 fliesst in das Ojas-Horn, das aufwendige Sperrholzgehäuse und die Kleinserien-Fertigung. Wer nüchtern rechnet, mag darin ein Design-Aufgeld sehen.
Original Ko-R2. Rechts die Ojas Replica mit klar getrenntem Aufbau aus Basschassis und aufgesetztem Horn.Im Feld der Hornlautsprecher steht der Ko-R2 zwischen Klassikern wie der JBL 4367 und aufwendigen Konstruktionen etwa von Avantgarde Acoustic. Beide bewegen sich in höheren Preisregionen oder verlangen mehr Aufstellungsdisziplin. Der Ko-R2 setzt auf Reduktion – ein Horn, ein Bass, eine Weiche. Der Preis ist im Kontext heutiger Highend-Aufrufe verträglich.

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