18. März 2019 | seit 1999
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Publikationsdatum
17. Februar 2019
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Zufällige Musikwiedergabe passt nicht immer. Zufallsgeneratoren kümmern sich nicht um unsere Vorlieben und Stimmungen. Playlisten zu erstellen, kann mühsam und zeitaufwändig sein. Stimmungs-Playlisten von Streamingdiensten haben oft wenig Bezug zur Musik, die wir besitzen – und manchmal fragen wir uns, wer die Listen zusammengestellt hat. Themen- oder Genre-Stationen bei Internetradio sind qualitativ nicht ansprechend genug. 320 kBit/Sekunde ist die seltene Ausnahme, und das ist nicht gut genug für anspruchsvolle Musikhörer.

Roon brachte mit dem neusten Release von Roon Core eine überraschend gute Lösung, um die oben genannten Probleme zu lösen. Sie nennen es Roon Radio. Wir haben es getestet.

Bekanntes Prinzip, spannende Umsetzung

Start von Roon Radio aus einer Interpreten-Ansicht.

Egal, wo man sich in der Mediathek befindet, ob in einem Album, einem einzelnen Song oder einem Genre: Man kann Roon Radio jederzeit aktivieren, sobald man die Stimmung bzw. die Art der Musik passend findet. Man entscheidet sich, ähnliche Musik in den nächsten Stunden hören zu wollen. Das funktioniert sehr gut. Die von Roon generierte Auswahl hat kein Ende und passt immer gut in die Stimmung des Ausgangsmaterials – stilistisch, Tempo-bezogen und Genre-typisch.

Wenn man plötzlich einen Song hört, den man nicht hören möchte, dann klickt man einfach vorwärts zum nächsten. Im schwarzen Feld rechts (siehe Abbildung unten) kann man Roon Feedback darüber geben, warum man den Song oder das Stück nicht hören will. Die Feedback-Möglichkeiten sind: Man mag es nicht, man möchte das im Moment nicht hören oder es passt nach eigener Meinung nicht in die Liste.

Das Roon-Radio-System ähnelt der Funktion Genius von iTunes, beschränkt sich aber nicht auf die eigene Musiksammlung, sondern erstreckt sich auf alles, was die integrierten Streamingdienste Tidal und/oder Qobuz zu bieten haben.

Man sieht im unteren grauen Feld den Song, der gerade spielt, und oberhalb davon nimmt das Ausgangsmaterial, zum Beispiel das Album, das man eingangs wählte, statisch als Platzhalter viel Raum ein. Das kann man ändern, indem man in den laufenden Song klickt.

Dann ändert die Ansicht, sodass man das Album mit entsprechenden Informationen zu sehen bekommt. Man kann nun das Album, wenn es von einem der Streamingdienste stammt, zur eigenen Library hinzufügen, damit man es später wiederfindet. Oben findet man ein mit * gekennzeichnetes Review des Albums, und wenn man den Pfeil rechts klickt (oder direkt auf die Symbole klickt) wechselt man zur Artist-Bio, wo man die Biografie des Künstlers lesen kann. Noch einen Klick rechts, und man bekommt ein Foto-Porträt des Künstlers, der Gruppe oder des Ensembles.

Falls der Text zum Lied (so es denn einen Text hat) bei Roon vorhanden ist, beginnt die Information an der mit * gekennzeichneten Position (siehe oben) mit diesem Text. Er läuft dann synchron, wie beim Teleprompter oder beim Karaoke so ab, dass man mitsingen oder zeitrichtig mitlesen kann.

Insgesamt erhält man nebst einer dynamische «Mood-Playliste» zusätzlich deutlich mehr Informationen über die Musik, als in irgendeinem CD-Booklet, und dazu noch gut präsentiert und lesbar bei allen Lichtverhältnissen.

Ansicht des aktuellen Songs mit Album-Information und Interaktionsmöglichkeiten bezüglich Mediathek und Feedback. Oben spult der Songtext ab.

Gefühl für Klassik

Im Gegensatz zu Pop/Folk/Rock/Jazz usw., Musik also, die sich auf Alben bezieht, gibt es bei der Klassik andere Regeln: Dort steht das Werk, die Komposition im Mittelpunkt. 

Ich beginne Roon Radio mit dem Andante aus dem Klavierkonzert Nr. 15, Bflat, Köchelverzeichnis 450, aus einer Aufnahme mit Alfred Brendel. Nun kommt die Überraschung: Roon Radio spielt nicht nur diesen einen Satz aus dem Klavierkonzert sondern alle Sätze dieser Aufnahme, natürlich in der richtigen Reihenfolge. Erst danach wählt Roon Radio ein neues Werk und tut dasselbe wie zuvor, also alles schön im Zusammenhang, so wie vom Komponisten komponiert.

Das ist nicht wie bei Klassikradio et al, wo man meistens nur einzelne Sätze, zuweilen die sehr Gefälligen, serviert bekommt. Dieses Prinzip ist für den Klassikhörer eine Offenbarung und lässt keine Kritik aufkommen. So muss es bei Klassik eben sein.

Die Informationen umfassen in den meisten Fällen eine Kompositions-Beschreibung, gefolgt von einer Beschreibung des Künstlers oder des Orchesters und einem Porträt-Foto. Manchmal fehlt die Kompositionsbeschreibung, manchmal findet man zusätzlich aber auch noch Track Credits. Dort gibt es Informationen zu allen Mitwirkenden, die auch die Produktion beinhalten kann – Aufnahme-Location inbegriffen.

Fazit

Artist Bio von Jennifer Warnes.

Roon Radio ist hervorragend gelungen. Ausgehend von einem Musikstück passte alles, was folgte, gut oder zumindest akzeptabel, flankiert von umfassenden Informationen. Bei Klassik wird nichts aus dem Kontext gerissen; keine wilden Abfolgen von einzelnen Sätzen unterschiedlicher Werke und unterschiedlicher Komponisten.

Im Vergleich zu Internetradio-Themensendern überzeugt die hohe Qualität bzw. die Qualität, die man gekauft oder gemietet (Streaming) hat.

Es kommt langsam aber sicher das Gefühl auf, dass abgesehen vom haptischen Erlebnis des «Musikauflegens» keine Nachteile etwa wie das Fehlen von Informationen zur Musik in Erscheinung treten. Wer Informationen will, der bekommt sie, ohne das Booklet aus der spröden CD-Hülle zu ziehen, die dann noch auf den Boden fallen kann und dabei Schaden nimmt.

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