Poly von Chord.Was versteht man heute unter audiophiler Musikwiedergabe unterwegs? Bislang waren die Voraussetzungen ein erstklassiger Kopfhörer und ein mobiler Audioplayer für Hi-Res im Taschenformat. Das setzte einen Kabel-Kopfhörer voraus, denn Bluetooth kann qualitativ nicht mithalten. Je nach Schauplatz des Musikgenusses eignet sich ein Top-In-Ear-Ohrhörer mit guter Isolation gegen Störgeräusche von aussen. Noise-Cancelling geht nicht, weil die klanglichen Kompromisse nicht erwünscht sind. «Unterwegs» ist aber nicht gleichbedeutend mit Umgebungsgeräuschen: Im Hotelzimmer ist es ruhig, und dort will man sich wie zuhause fühlen. Genauso im Büro in der Mittagspause.
Mit dem Einzug von Musikstreaming ab Internet und Streamingdiensten wie Qobuz, Tidal und neu auch Amazon HD kann man die hohe Qualität und die grosse Musikauswahl immer dabeihaben, sofern der Audioplayer die Qualität des Hi-Res-Streaming-Abos auch bereitstellen kann – und zwar möglichst überall. Das führt zu einer neuen Generation von Audioplayern, die auf Streaming spezialisiert sind und die Wiedergabe von gespeicherter Musik von einer Micro-SD-Karte eher ermöglichen als priorisieren.
Der Mojo von Chord kann das nicht, denn er ist ein DA-Wandler mit Kopfhörerverstärker. Für sich allein ist er ideal im Verbund mit einem PC/Mac als Musiklieferant sowie einem kabelgebundenen Kopfhörer als Schallwandler. Der Poly von Chord erfüllt aber genau diese Aufgabe: Mobiles Hi-Res-Streaming, mehr oder auch weniger überall. Man braucht also den Mojo und den Poly nur zusammenzustecken und mit einem Smartgerät kabellos zu steuern. Ein grafisches User-Interface sucht man vergebens. Dazu dient das Smartgerät – und das hat man ja immer dabei. Den Poly bzw. Mojo bedient man mit drei Tasten, die als Leuchtkugeln nicht nur attraktiv und futuristisch wirken, sondern mit mehreren Farben intuitiv Auskunft geben.
Hi-Res fähige Musikplayer für mobile Anwendungen können sehr teuer sein. Ursache ist aber bei all diesen Geräten nicht nur die am Ende hörbare Qualität der Musikwiedergabe, sondern auch hochwertige Komponenten für Anzeige und Bedienung, also für das User-Interface. Wenn das Smartphone nun die Funktion des User-Interface übernimmt und mit dem Musikplayer kommuniziert, dann entfallen die kostentreibenden und doppelt vorhandenen OLED-Touchscreens und dergleichen beim Musikplayer. Im Endeffekt bekommt der Konsument die gewünschte hohe Wiedergabequalität für weniger Geld, weil am richtigen Ort gespart wurde. Kommt hinzu, dass die Hersteller der Smartgeräte bei Touchscreens ohnehin nicht zu toppen sind.
Der Mojo/Poly von Chord kostet 1198 CHF. Das ist im Vergleich zu den besten mobilen Musikplayern wenig. Zudem erstaunen die Verarbeitungsqualität und die Haptik des aus formgefrästem Flugzeug-Aluminium gemachten Geräts.
Ein Kritikpunkt möchte ich anbringen. Der Poly/Mojo verfügt über zwei Kopfhörerausgänge (Mini-Jack). Für ein mobiles High-End-Gerät ist das okay. Wer den Poly/Mojo aber zuhause an die HiFi-Anlage anschliessen will, vermisst wenigstens einen Digitalausgang, vorzugsweise einen Micro-USB. Platz wäre vorhanden und der Poly gibt ja digital an den Mojo weiter. Damit wäre die Verwendung zuhause flexibler. Für eine analoge Verbindung zum Verstärker stehen nur die Kopfhörerausgänge zur Verfügung und erfordern ein spezielles Kabel (z. B. Stereo-Jack zu Cinch) und das gibt's natürlich von den meisten Herstellen.
Im Verbund: Das Streaming-Modul Poly wird einfach an den DA-Wandler Mojo angesteckt.Setup des Poly/Mojo
Zunächst werden die beiden Module zusammengesteckt. Obwohl die Verbindung gut sitzt, wünschte ich mir eine mechanische Verriegelung. Eine solche ist leider nicht vorhanden. Es macht natürlich Sinn, das optionale Case zu kaufen. Damit ist das potenzielle Problem gelöst. Das Case gibt es übrigens zwei Varianten für 109 CHF und für 189 CHF. Es war für Chord wohl unmöglich, eine Verriegelung zu realisieren. Den Mojo gibt es schon länger und eine Verriegelung würde eine konstruktive Änderung an beiden Modulen erfordern.
Mojo und Poly im Verbund ohne Lederhülle.Die beiden Module können einzeln oder gemeinsam geladen werden. Eine Akkuladung reicht für durchschnittlich neun Stunden Betriebsdauer. Die vorhandene Akkuladung wird über die Leuchttasten angezeigt. Die Farben muss man sich einprägen. Sie reichen von Blau für 75–100 % Ladung bis Rot für 0–5 %. Ein USB-Ladekabel ist dabei. Wer nicht mit dem PC auflädt, sollte sich ein USB-Ladegerät mit 2A Ladestrom zulegen oder bei den meist schon mehrfach vorhandenen USB-Ladegeräten zuhause nachschauen, was in vielen Fällen den Neukauf erübrigt und die Umwelt schont.
Mit dem optionalen, lederbezogenen Hartschalen-Gehäuse hat man ein kompaktes Gerät.Konnektivität
Den Poly/Mojo mit Bluetooth zu betreiben ist so unkompliziert wie bei anderen Geräten auch. Der unterstützte Standard ist allerdings nur Bluetooth ADP2, also die Basis-Variante von Bluetooth mit der am meisten eingeschränkten Bandbreite. Bluetooth aptX HD oder sogar aptX Low-Latency würden dem Gerät gut anstehen. Es ist schliesslich für audiophile Kabel-Kopfhörer oder vergleichbare Top-In-Ears ausgelegt. Zwar haben sämtliche Bluetooth-Standards wenig mit Hi-Res gemein, aber es scheint schon durch den Türspalt hindurch, dass Chord mit Bluetooth-Konnektivität nicht mehr als ein Pflichtprogramm absolviert. In meiner Testsituation war dies nicht ausschlaggebend: Mein iPhone erweist sich hier wie alle iPhones als der eigentliche Flaschenhals.
Poly kann auch ohne die GoFigure-App von Chord per Knopfdruck (mit einem kleinen Spezialwerkzeug) für WiFi eingerichtet werden und mit dem Smartgerät in Verbindung treten, sofern ein Router vorhanden ist. In Hotelzimmern ist das nicht möglich, es sei denn, man führt eine Fritzbox mit SIM-Karte als mobilen Hotspot mit, so wie das von Ausstellern an HiFi-Messen gemacht wird.
Chord löst das Problem eleganter: In besagtem Hotelzimmer oder sonst irgendwo kann der sogenannte «Hotspot Mode» auf dem Poly eingerichtet werden. Damit wird ein persönlicher Hotspot geschaffen.
Poly erkennt die bereits einmal genutzten Netzwerke immer automatisch und nimmt selbstständig mit ihnen Verbindung auf. Poly kann auch in den Bit-perfect-Modus geschaltet werden. Die Lautstärkeregelung auf dem Smartgerät wird dann inaktiv, und die Lautstärke kann nur am Mojo verändert werden, dafür eben Bit-perfect.
Roon
Roon geht auch. Der Poly ist als Roon-Endpoint ausgelegt und somit Roon Ready. Er kann über einen Roon-Core angesteuert und mit der Roon-App bedient werden, solange eben der Core im Netzwerk eingebunden ist. Wer die Mobilität ausserhalb von Wohnraum oder Ferienwohnung definiert, der installiere doch den Roon-Core am besten auf einem Laptop und nehme diesen mit auf die Reise.
Micro-SD-Karte
Last but not least: Wer gespeicherte Musik mitführen will, quasi als Notration, der kann das ebenfalls tun. Eine Micro SD-Karte wir eingesteckt, vom Poly initialisiert und am besten mit einer geeigneten DLNA-App vom Smartgerät aus bedient. Poly muss nur als Audioausgang gewählt werden. Damit kann man auch DSD-Formate spielen: DSD64 bis DSD515 (8-fach DSD!) – und zwar via DOP (DSD over PCM). Beispiele für DLNA-Apps sind Bubble UPnP oder 8 Player.
Magische Tasten in Kugelform: Die Farbe ändert mit der Veränderung der Lautstärke. Rechts sieht man die Digitalausgänge des Poly inkl. Stromspeisung, die im Verbund in den Mojo führen.
Von links nach rechts: Empfangseinheit für WiFi- und Bluetooth-Empfang; 2 Statusanzeigen je für Mojo und Poly; Micro-USB-Ladeeingang; Steckplatz für Micro-SD-Speicherkarte. Auf der gegenüberliegenden Schmalseite sind die zwei Kopfhörerausgänge zu finden.
Im Case sind die schmalen Seiten zurückversetzt und damit vor Einwirkungen geschützt.
Signalpfad bei Roon-Betrieb: Alles lossless.
User-Interface: Inbetriebnahme von Roon.
Internetradio, aber ohne Suchfunktion (Tuner). Sender müssen mit Eingabe der URL des Streams zugefügt und benannt werden.
Allgemeine Einstellungen.Hörtest und Fazit
Stillleben mit Vintage-Reference-Kopfhörer von Grado.Die grosse Qualität des Poly/Mojo-Streaming-DACs von Chord offenbart sich ganz eindeutig beim Klang. Ich machte den Test mit Roon, wählte den Poly als Endpoint und spielte Musik ab Qobuz, zumeist Hi-Res-Material sowie gespeicherte Musik inklusive DSD64. Letztere sind von SACDs abgekupfert. Das können ja einige Leute auch mit Hilfe einer 1.-Generation-Playstation von Sony ...
Das Klangbild kann mit absolut vollständig und fliessend umschrieben werden. Sowohl Transparenz und Durchhörbarkeit sind beeindruckend wie auch die Grössendimensionen der Klangbühnen unterschiedlichster Aufnahmen. Die beiden Module kommunizieren ganz hervorragend, und die Eigenschaften des Kopfhörerverstärkers im Mojo tragen erheblich zu einem umfassenden Musikerlebnis in allen Dimensionen bei. Zumindest zu allen Dimensionen, die mit Kopfhörern erlebbar sind. Das geht leise wie laut ohne die geringsten Auffälligkeiten.
Ebenfalls beeindruckte mich die Qualität mit 16-Bit-Files, und sogar Bluetooth ab dem iPhone gab eine durchwegs befriedigende Vorstellung. Der Mojo/Poly oder Poly/Mojo, wie man ihn auch immer betrachtet, gehört zu den Topgeräten für mobiles Musikhören.
Fazit
Der universelle Mojo/Poly-Streaming-DAC ist deshalb universell, weil man ihn sowohl mobil mit einem Smartgerät als User-Interface sehr flexibel nutzen kann, aber auch nur den Mojo DAC alleine mit Kopfhörerverstärker zuhause mit einem PC oder Mac via USB. Man kann beide Anwendungen auch mit der HiFi-Anlage exerzieren. Die Klangqualität ist aussergewöhnlich gut und im Vergleich mit mobilen Playern bekommt man für den Preis kaum etwas Besseres.
Leider fehlt beim Mojo ein Micro-USB-Ausgang. Das würde die Flexibilität noch erhöhen. Den Kauf einer der zwei passenden Lederhüllen ist zu empfehlen. Die integrierte Internetradio-Funktion ist leider unpraktisch. Man verwende für Internetradio besser eine App auf dem Smartgerät.
Fertigungsqualität und Haptik sind hervorragend zu beurteilen. Für den Umgang mit dem Gerät lohnt sich das intensive Studium des ausführlichen und langlebig soliden Manuals – ein Leporello aus Karton mit wasserfester Beschichtung. Da kann man auch mal den Kaffee auskippen ...

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