20. September 2018 | seit 1999
MUSIKREZENSION
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Publikationsdatum
18. August 2018
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Es war eigentlich absoluter Zufall: Aus der oft unbemerkten, automatisch startenden Musikberieselung drang etwas aufregend Neues an mein Ohr. Nur Bass und Stimme, letztere mehrfach. Dazu Fingerschnippen.

Recherche: Eine mir unbekannte Interpretin sang die Eigenkomposition «Birds». Glücklicherweise hatten sowohl Highresaudio als auch Qobuz die Neuerscheinung bereits im Repertoire, allerdings unter R&B (was ich als Jazzliebhaber leicht hätte übersehen können): Dominique Fils-Aimé «Nameless». Also nichts wie eintauchen in meine Neuentdeckung, Streaming sei Dank.

International noch ein unbeschriebenes Blatt

Wenn man etwas über Dominique Fils-Aimé in Erfahrung bringen will, sind die Quellen begrenzt. Nicht einmal die offizielle Webpage gibt Wesentliches über diese Artistin preis, nur dass sie aus Montreal (Kanada) stammt. Zu Beginn die Info, dass das neue Album «Nameless» auch auf 12" Vinyl erhältlich sei. Weiter unten die obligaten Social-Media- und Youtube-Links.

Im etwas allzu PR-lastigen Artikel auf der Website des Plattenlabels Ensoul Records ist zu lesen, dass Dominique Fils-Aimé Studiengänge in Literatur, Kunst, Public Relations und Psychologie besucht habe, sich als Model, aber auch als Bildhauerin betätige und als Sängerin 2015 über die TV Show «The Voice» entdeckt worden sei (ihr zweiter Rang wurde damals mit einer EP belohnt). Für das vorliegende Album habe sie 18 Monate lang recherchiert und Informationen über den Blues und über unterdrückte Menschen gesammelt.

In einem Interview erklärte sie: «Ich möchte mehrere Alter Egos schaffen, um Musik zu kreieren, die einzigartig ist, in der verschiedene Charakteren verkörpert werden. Genauso wie die Jazz-Standards von vielen Sängern und Musikern immer wieder neu interpretiert werden: Die Melodien und Texte blieben dieselben, aber jeder Sänger und Musiker gibt ihnen eine einzigartige Farbe.»

Als Kind habe sie schon Lieder auf dem Telefonbeantworter ihrer Eltern aufgenommen. Und in ihren Teenie-Jahren realisierte sie beim Anhören von Billie-Holiday-Alben, dass Emotionen in der Stimme wichtiger sind als technische Perfektion.

Dominique Fils-Aimé auf der Bühne.

«Nameless»

Eröffnet wird das Album mit dem tragischen Lied von Lewis Allen, das oft von Billie Holiday vorgetragen wurde: «Strange Fruit» berichtet über die Lynchjustiz an Schwarzen in den Südstaaten der USA. Dieses interpretiert Dominique mehrstimmig, aber völlig a cappella, also ohne Begleitinstrumente, und schafft damit eine eigene, ausdrucksstarke Version.

Dann folgen sechs Eigenkompositionen, alle mit einem einzigen Wort betitelt, minimalistisch in der Begleitung («Birds» habe ich schon eingangs erwähnt), aber eindrücklich in der Aussage, sowohl musikalisch als auch textlich.

Wie zur Versöhnung schliesst das ruhige, schöne und oft von Stille (in Form von kurzen Verschnaufpausen) geprägte Album mit dem bekannten Bricusse/Newley-Song «Feeling Good». Doch auch dieser, ausschliesslich von der starken, mehrfachen Stimme getragene Abschluss, wirkt nicht heiter-fröhlich (wie so viele Versionen anderer Sängerinnen und Sänger), sondern eher besinnlich, hoffend.

Schlussgedanken

«Nameless» von Dominique Fils-Aimé kann man nicht im Hintergrund plätschern lassen. Man muss sich Zeit nehmen, sich hinsetzen und die Musik, die Stimme und die Stille auf sich wirken lassen. Knappe 26 Minuten sind für ein neues Album zwar extrem kurz, doch die Wirkung, die diese acht Lieder erzeugen, ist stark.

Eigentlich passen Dominiques Interpretationen in keine der gängigen Stilschubladen. Sie könnten statt unter R&B ebenso gut unter Jazz oder Singer-Songwriter eingereiht werden. Sie selber sagte: «Die Musik ist nicht in Kategorien einteilbar. Eine Oktave hat 12 Töne, aber die Emotionen, die diese auslösen können, sind unendlich.»

Und was mir noch aufgefallen ist: Die Live-Videoclips auf Youtube haben mich allesamt nicht gleichermassen fasziniert wie das Album. Natürlich kann man auf der Bühne keinen mehrstimmigen Gesang in dieser ausgefeilten Art erzeugen.

STECKBRIEF
Interpret:
Dominique Fils-Aimé
Besetzung:
Dominique Fils-Aimé, vocals
Jacques Roy, bass
Laurent Saint-Pierre, drums, percussion
Jean-Michel Frédéric, keyboards
Étienne Mioussem, guitar
Laurence Möller, violin
Kevin Annocque, didgeridoo
Albumtitel:
«Nameless»
Komponist:
Dominique Fils-Aimé (ausser #1 und #8)
Herkunft:
Kanada
Label:
Ensoul Records
Erscheinungsdatum:
2018
Spieldauer:
25:54
Tonformat:
FLAC 88.2/MQA
Aufnahmedetails:
Recorded at Studios OPUS in Assomption (Quebec)
Engineered by Jacques Roy
Produced by Jacques Roy
Medium:
Download/Streaming
Musikwertung:
9
Klangwertung:
9
Bezugsquellen
Wettbewerb