Musikanlagen-Highlights
In einem grossen Saal des Klangschlosses wurde schnell klar, warum dieser Ort seinen Namen nicht als Marketing-Gag trägt. Wilson Audio Sabrina als Standlautsprecher, dazu Elektronik von Dan D’Agostino: Das Set-up spielte gerade auch im Bass mit einer Selbstverständlichkeit, die man nicht herbeireden muss. Keine spektakuläre Effekthascherei, sondern eine rundum stimmige, praktisch perfekte Vorstellung, bei der Timing, Kontrolle und Raumabbildung ineinandergreifen, als würde das Schlagzeug wirklich vor einem stehen. Ein akustisches Highlight, das den Charakter des Klangschlosses auf den Punkt bringt: Musik zuerst, Technik als Werkzeug, und am Ende dieses seltene Gefühl, dass alles genau dort sitzt, wo es hingehört.
Versuchung in Rot: Wilson Sabrina mit Elektronik von Dan D’Agostino. (Foto: Stefan Schickedanz)Illusonic zeigte im Klangschloss sein 3-Kanal-Stereo-Konzept – eine Idee, die historisch tatsächlich bis in die späten 1950er-Jahre zurückreicht, als man bei der Entstehung der Stereofonie bereits über einen zusätzlichen Center-Kanal diskutierte. Der Unterschied heute ist, dass Illusonic das Thema nicht als Theorie behandelt, sondern als praxistaugliche Lösung: Durch jahrelange Entwicklungsarbeit gelingt dem Unternehmen aus Uster in seinen Klangprozessoren ein natürlicher Upmix von zwei auf drei Kanäle, der die Räumlichkeit hörbar stabilisiert und den klassischen «Sweet Spot» im Alltag deutlich relativiert.
In der Vorführung, kombiniert mit dem neuen Lautsprecher Klangwerk VOCE, entstand eine extrem homogene, realistische Klangbühne. Diese behielt ihre Balance und ihren Charakter auch dann, wenn man sich seitlich versetzte oder nicht exakt in der Idealposition befand. Genau das ist der Reiz dieser 3-Kanal-Idee: weniger «Punktgenauigkeit für einen Sitzplatz», mehr glaubwürdige Abbildung für mehrere Hörer im Raum.
Christof Faller von Illusonic bei der Vorführung mit 3-Kanal-Stereophonie über die neuen Klangwerk VOCE. (Foto: Stefan Schickedanz)Sven Boenicke brachte aus Basel seine Boenicke Audio W5 mit ins Schloss Greifensee. Dort gaben sie unter anderem mit ausgesprochen authentischen Chor-Klängen eine erwachsene Vorstellung in einem grossen Saal im Obergeschoss.
Die Boenicke W5 vor grossem Publikum. (Foto: Stefan Schickedanz)Im gleichen Raum spielte im Wechsel auch die High-End-Soundbar von Weiss Engineering: Die neue LIVEBOX ist als eigenständiges Music-Center gedacht. Der mit einem Grammy ausgezeichnete Digital-Experte Daniel Weiss setzt bei dem in Kooperation mit PSI Audio und Illusonic entwickelten Lautsprecher auf Crosstalk-Cancelling. Dabei handelt es sich um eine Signalverarbeitung, die den Übersprechanteil zwischen linkem und rechtem Ohr reduziert. Das Ziel ist nicht «mehr Effekt», sondern eine ortungsstabilere Abbildung, bei der Instrumente und Stimmen weniger an den Lautsprechern kleben und sich im Raum glaubwürdiger verankern.
Weiss LIVEBOX, die Soundbar mit Cross-Talk-Cancelling beschreitet neue Wege. (Foto: Stefan Schickedanz)Ralf Zeiler knüpft mit seinen SP 01 an die Direktheit klassischer Koax-Lautsprecher von Tannoy und Altec an, übersetzt das Konzept jedoch in eine moderne Form. Das Ergebnis konnte man im Klangschloss im gleichen Raum wie im letzten Jahr erleben: einen sehr unmittelbaren, dynamischen Klang mit hoher Spielfreude, der dank effizientem Wirkungsgrad auch bei kleinen Pegeln lebendig bleibt und eine stabile, kohärente Abbildung bietet.
Die Zeiler SP 1 wandelt auf den Spuren von Tannoy und Co. (Foto: Stefan Schickedanz)
Die legendären Punktstrahler von Manger spielten gemeinsam mit Wattson-Elektronik und gaben eine solide Vorstellung.Der Pawel Acoustics EMT JPA 66 MK3 wurde gemeinsam von Harry und Markus Pawel sowie Jules Limon entwickelt. Bis heute entsteht er in Schweizer Handarbeit. Viele Klangschloss-Gäste kannten die Röhrenvorstufe bereits aus dem Vorjahr, und gerade das passt zur Messe-DNA in Greifensee: Man begegnet nicht nur Neuheiten, sondern auch wiederkehrenden Referenzen, an denen sich Gespräche, Vergleiche und Hör-Erinnerungen festmachen lassen.
Der Pawel Acoustics EMT JPA 66 MK3 mit seinem stolzen Schöpfer Harry Pawel. (Foto: Stefan Schickedanz)Mit Nagra und Stenheim trafen im Klangschloss zwei Schweizer Klang-Legenden aufeinander – und selten war der Begriff «Vorführung» so treffend. Denn hier ging es nicht um HiFi als Selbstzweck, sondern um diesen einen Moment, in dem Musik zu leben beginnt. Über diese Westschweizer Kombination aus Nagra-Elektronik und Stenheim-Lautsprechern sprang eine historische Harry-Belafonte-LP, Ende der 1950er-Jahre live in der Carnegie Hall mitgeschnitten, mit einer derart verblüffenden Abbildungspräzision und Plastizität in den Raum, dass man Belafonte förmlich vor sich auf der Bühne sah.
Nagra und Stenheim …
... bündelten ihre eidgenössischen Kräfte für eine starke Performance. (Foto: Stefan Schickedanz)Die in der Schweiz von Martin Gateley gefertigten Lautsprecher von Sound Kaos zeigten im Zusammenspiel mit Elektronik vom südkoreanischen Hersteller Enleum, was feinsinnige Abstimmung bedeutet. Die Standbox Vox 5 spielte sich mühelos in den Vordergrund, während die kompakte Vox 3 an der Seite auf ihren Moment wartete – eine Demonstration audiophiler Vielfalt und internationaler Kooperation.
Die Sound Kaos Vox 5 in Aktion. (Foto: Stefan Schickedanz)
Blick in die Kopf-Hör-Küche, wo das Publikum den Schöpfungen von Jörg Jecklin die Ehre gab. (Foto: Stefan SchickedanzMit der Piccolo MK2 zeigte Clarisys im Klangschloss, wie viel High-End-Potenzial in einem vergleichsweise kompakten Flächenstrahler stecken kann. Der Lautsprecher setzt auf ein durchgängiges Bändchenkonzept mit Kapton/Aluminium-Membranen in echter Dipol-Bauweise, sprich, eine Kombination, die vor allem auf Schnelligkeit, Feinauflösung und Offenheit zielt.
Die Flächenstrahler von Clarisys in Aktion. (Foto: Stefan Schickedanz)Die in Deutschland von Urgestein Karl-Heinz Fink entwickelten 2-Wege-Lautsprecher Fink Team Borg gaben mit ihrem wieselflinken Bändchen-Hochtöner eine starke Vorstellung an einer Armada von Goldnote- und Rotel-Komponenten.
Fink Team Borg (aussen) in der Vorführung. (Foto: Stefan Schickedanz)Fazit
Das Klangschloss Greifensee bleibt auch im 20. Jahr eine Ausnahmeerscheinung. Nicht, weil hier die meisten Neuheiten stehen oder die spektakulärsten Set-ups aufgebaut werden – sondern weil die Veranstaltung konsequent anders läuft. Weniger Messe, mehr Erfahrung. Weniger Show, mehr Substanz.
Gerade im Jubiläumsjahr wird deutlich, wie gut dieses Konzept funktioniert. Das neue Blind-Date-Format bringt eine fast schon verlorene Ehrlichkeit zurück ins Hobby. Plötzlich zählt wieder das, was wirklich entscheidend ist: das eigene Hören. Gleichzeitig zeigen die Landenberg-Sessions und der direkte Vergleich von Live-Musik und Wiedergabe, wie nah High-End heute an das Original herankommen kann – und wo die Unterschiede bewusst bleiben.
Unter dem Strich zeigt das Klangschloss 2026, dass Fortschritt nicht zwingend laut oder spektakulär sein muss. Manchmal reicht es, gute Ideen weiterzudenken, neue Perspektiven einzubauen und den Kern nicht aus den Augen zu verlieren. Oder einfacher gesagt: Wer wissen will, worum es bei High-End wirklich geht, ist hier auch nach 20 Jahren nach wie vor genau richtig.

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