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Was kann Roon nicht?

Roon schwächelt an einem fundamentalen Problem, das auch alle anderen Mitbewerber haben: den in den Alben hinterlegten, inkonsistenten Metadaten (im Formatcontainer gespeicherte Zusatzinformation zum Album) und zu wenig Gliederungsebenen für eine hierarchische Anzeige der Alben. Roon hat zwischendurch Mühe bei komplexen Suchabfragen. Was erstaunt, da Roon neben den Album-Tags ja auch eine eigene Datenbank für solche Aufgaben nutzt.

Beispiel Ludwig van Beethoven, Klaviersonate Nr. 15, Op. 28 «Pastorale»: Für den Suchbegriff «Beethoven Klaviersonate Pastorale» oder «Beethoven Piano Sonata 15» zeigt Roon nur eine verschwindend kleine Anzahl erhältlicher Aufnahmen an. Gibt man dieselben Suchbegriffe bei Qobuz direkt ein, erhält man eine markant grössere Auswahl an Alben mit diesem Musikstück. Das ist erstaunlich für eine so hochentwickelte Software wie Roon. Zusätzlich erschweren Sprachvarianten (Klavierkonzert, Piano Concerto, Concerto pour Piano) korrekte, umfassende Suchresultate. Man kann viele Unstimmigkeiten durch clevere Algorithmen in den Griff kriegen, doch angesichts der enormen Variabilität bei Metadaten ist eine perfekte, automatisierte Problemlösung schlicht unmöglich.

Zugegeben, dieses Problem taucht mehrheitlich bei mittleren bis grossen Jazz- und Klassik-Musiksammlungen auf, die den Anspruch auf eine logische, systematische Gliederung haben. Streamingdienste sind grosse Musiksammlungen! Die Frage ist, wie gut der Abfrage-Algorithmus einer Software mit dieser Metadaten-Inkonsistenz umgehen kann. Roon bietet hier, trotz zeitweiser Schwächen, weit mehr als die Mitbewerber, da unter «Allgemein» und «Bibliothek» das Anzeigeverhalten konfigurierbar ist.

Trotzdem stellt auch Roon am Ende zum Ordnen und Strukturieren der Albensammlung nur Playlists zur Verfügung. Die Möglichkeit, eigene Tags zu kreieren, hilft da auch nicht wirklich weiter, da diese schlussendlich nur eine andere Form von Playlists sind.

Was ist, wenn der Playlist-Dschungel keine überzeugende Lösung ist?

Vorweg: Automatisch, ohne Eigenleistung (Tags bearbeiten), kommt man nicht zu einer gut organisierten und übersichtlichen Albensammlung. Es gibt zwei Hauptprobleme, die der Realisation einer perfekten Bibliotheksverwaltung entgegenstehen. Erstens: die Inkonsistenz der in Alben hinterlegten Metadaten (Gesamtheit der Tags). Das zweite Problem basiert genau genommen auf dem ersten: Wie Roon verfügen auch alle Mitbewerber über nur eine oder maximal zwei Gliederungsebenen. Dies mag bei Musiksammlungen durchaus genügen, die primär mit Titeln aus Pop/Rock- und Mainstream-Genres zusammengestellt sind und wenige hundert Alben umfassen.

Komplexere Sammlungen aus dem Jazz- und Klassik-Bereich lassen sich mit nur zwei Gliederungsebenen nicht in der Tiefe strukturiert darstellen.

Mit zwei Ebenen kann eine Vorsortierung nach Genres erfolgen.Mit zwei Ebenen kann eine Vorsortierung nach Genres erfolgen.
Drei oder vier Ebenen: Die spezifischen Kriterien für Pop, Jazz und Klassik werden entsprechend berücksichtigt. Nach der Triage bündeln sich unterhalb der Ebene «Komponist» die Werkgattungen mit den spezifischen Werken (Alben, Untergliederung der Alben).Drei oder vier Ebenen: Die spezifischen Kriterien für Pop, Jazz und Klassik werden entsprechend berücksichtigt. Nach der Triage bündeln sich unterhalb der Ebene «Komponist» die Werkgattungen mit den spezifischen Werken (Alben, Untergliederung der Alben).

Damit vier Ebenen funktionieren, braucht es konsistente Metadaten. Somit ist eine effiziente Nachbearbeitung der Tags notwendig, wie es die JRiver-Software bietet.

Eine solche Struktur mit vier Ebenen boten die bis 2020 erhältlichen Aria-Musikserver in der CH-Version. Die Aria-Produktion wurde zu Beginn der Pandemie infolge unglücklicher Nachfolgeregelung des Herstellers und der zunehmenden Dominanz der Streamingdienste eingestellt. Wer heute in den Genuss dieser hochstehenden Bibliotheksverwaltung kommen möchte oder seinen in die Jahre gekommenen Aria-Server ersetzen will, findet im Musikserver der Firma SFERS in Dietikon das Nachfolgeprodukt – wahlweise mit oder ohne Roon-Server, ergänzend zum konfigurierten JRiver-Kern.

Wo liegt der Unterschied zwischen 4-Ebenen-Struktur und Playlists?

Sammlungen in Playlists folgen in der Regel keiner definierten Struktur. Sie entstehen intuitiv über die Zeit. Je mehr Playlists erstellt werden, desto schwieriger wird es, den Überblick zu behalten. Demgegenüber definiert die im Aria-/SFERS-Server festgelegte 4-Ebenen-Struktur klare Leitlinien, mit denen eine strukturierte Sammlung aufgebaut werden kann. Dabei erfüllen die Einträge in den Metadaten einerseits Informationsaufgaben und sind gleichzeitig die Kriterien für die Gliederung und Anordnung der Alben im Browser.

Fazit

Roon ist ein mächtiges Software-Tool. Durch die Integration von Streamingdiensten mit einer lokalen Bibliothek bündelt ein Nutzer sein ganzes Musikuniversum auf einer einheitlichen Bedienoberfläche. Roon generiert rund um einen Musiktitel eine Fülle von Hintergrundinformationen und fügt am unteren Ende der Playlist gleich weitere Alben eines Künstlers, Komponisten oder Interpreten an. Der interessierte Hörer wird dies schätzen. Content-Lieferant ist primär Wikipedia. Roons Leistung ist das Einsammeln und Platzieren von Informationen und Querverweisen an den geeigneten Stellen. Als Zusatznutzen stehen umfangreiche DSP-Funktionen zur Klangverbesserung bereit. Diese erfordern aber ein gewisses technisches Verständnis. Roon schwächelt dort, wo auch die Konkurrenz Probleme hat: bei der Inkonsistenz der Metadaten. Somit ist auch mit Roon ein gewisses Mass an Suchfrust vorhanden, wenn teilweise auch in geringerem Umfang als anderswo.

Fritz Fabig Gastautor

Fritz Fabig ist passionierter Musikliebhaber mit Schwerpunkt in der Klassik-Epoche. Nach einer elektrotechnischen Ausbildung und Management/Marketing Weiterbildung erfolgte ein Wechsel in die Audio Branche. Beinahe zwei Dekaden war Fritz Fabig Geschäftsführer der B&W Group Schweiz. Seit Ende 2021 ist er als freischaffender Berater tätig.
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