Über Norman Granz kann man denken (und sagen), was man will, doch eines ist unbestritten: Er hat Jazzmusiker zusammengebracht, die sonst kaum je zusammen aufgetreten wären, da sie eigentlich stilistisch aus anderen Welten kamen. Auch wenn nicht alle "Jazz at the Philharmonic"-Konzerte geschichtsträchtig waren, so setzten sie doch Meilensteine, wenn es um gegenseitige musikalische "Befruchtung" ging.
Dass Norman Granz Ella Fitzgerald, deren Manager er war, und Louis Armstrong, den von Fans und Presse nominierten "König des Jazz", nach einer kurzen Zusammenarbeit für Decca Records 1940 erneut zusammenbrachte, lag irgendwie auf der Hand. Dass er die beiden dann noch durch eines der besten Jazztrios, bestehend aus Oscar Peterson, Ray Brown und Herb Ellis ergänzte und als Sahnehäubchen noch die zu jener Zeit angesagtesten Schlagzeuger (Buddy Rich und Louie Bellson) dazugesellte, war perfekt.
Mit "Ella and Louis Again" liegt eine Sammlung von 30 Stücken des Great American Songbook vor, die ursprünglich in zwei verschiedenen Sessions aufgenommen und auf zwei separaten LPs/CDs veröffentlicht worden war: "Ella and Louis" wurde 1956 mit Buddy Rich, "Ella and Louis Again" im folgenden Jahr mit Louie Bellson aufgenommen. Wegen des grossen Erfolgs folgte dann 1958/59 noch das Album "Porgy and Bess", auf dem die beiden die erfolgreichsten Melodien aus der Oper von George und Ira Gershwin interpretieren.
Wenn man etwas über Dominique Fils-Aimé in Erfahrung bringen will, sind die Quellen begrenzt. Nicht einmal die offizielle Webpage gibt Wesentliches über diese Artistin preis, nur dass sie aus Montreal (Kanada) stammt. Zu Beginn die Info, dass das neue Album «Nameless» auch auf 12" Vinyl erhältlich sei. Weiter unten die obligaten Social-Media- und Youtube-Links.
Im etwas allzu PR-lastigen Artikel auf der Website des Plattenlabels Ensoul Records ist zu lesen, dass Dominique Fils-Aimé Studiengänge in Literatur, Kunst, Public Relations und Psychologie besucht habe, sich als Model, aber auch als Bildhauerin betätige und als Sängerin 2015 über die TV Show «The Voice» entdeckt worden sei (ihr zweiter Rang wurde damals mit einer EP belohnt). Für das vorliegende Album habe sie 18 Monate lang recherchiert und Informationen über den Blues und über unterdrückte Menschen gesammelt.
In einem Interview erklärte sie: «Ich möchte mehrere Alter Egos schaffen, um Musik zu kreieren, die einzigartig ist, in der verschiedene Charakteren verkörpert werden. Genauso wie die Jazz-Standards von vielen Sängern und Musikern immer wieder neu interpretiert werden: Die Melodien und Texte blieben dieselben, aber jeder Sänger und Musiker gibt ihnen eine einzigartige Farbe.»
Als Kind habe sie schon Lieder auf dem Telefonbeantworter ihrer Eltern aufgenommen. Und in ihren Teenie-Jahren realisierte sie beim Anhören von Billie-Holiday-Alben, dass Emotionen in der Stimme wichtiger sind als technische Perfektion.
«Nameless» von Dominique Fils-Aimé kann man nicht im Hintergrund plätschern lassen. Man muss sich Zeit nehmen, sich hinsetzen und die Musik, die Stimme und die Stille auf sich wirken lassen. Knappe 26 Minuten sind für ein neues Album zwar extrem kurz, doch die Wirkung, die diese acht Lieder erzeugen, ist stark.
Eigentlich passen Dominiques Interpretationen in keine der gängigen Stilschubladen. Sie könnten statt unter R&B ebenso gut unter Jazz oder Singer-Songwriter eingereiht werden. Sie selber sagte: «Die Musik ist nicht in Kategorien einteilbar. Eine Oktave hat 12 Töne, aber die Emotionen, die diese auslösen können, sind unendlich.»
Und was mir noch aufgefallen ist: Die Live-Videoclips auf Youtube haben mich allesamt nicht gleichermassen fasziniert wie das Album. Natürlich kann man auf der Bühne keinen mehrstimmigen Gesang in dieser ausgefeilten Art erzeugen.
Ella und Louis traten auch zusammen auf.Brillantes Peterson-Trio
Dass die Deluxe-Version von "Ella & Louis Again" dermassen erfreut, ist natürlich zum grossen Teil dem aussergewöhnlichen Oscar-Peterson-Trio zuzuschreiben, das zusammen mit dem jeweiligen Schlagzeuger unglaublich swingt, sich jedoch immer dezent im Hintergrund hält, nie dominant wirkt. Wenn man sich die Mühe nimmt, diesen "Hintergrund" genauer zu erhören, wächst die Bewunderung für diese Begleitmusiker nochmals: Mit welcher Selbstverständlichkeit und Leichtigkeit sie z.B. die vielen Tonartwechsel vollziehen, um den unterschiedlichen Stimmlagen optimal gerecht zu werden, ist bewundernswert.
Songbook complete
Oft werden bei Interpretationen aus dem Great American Songbook, das vorwiegend aus Melodien von Musicals, Broadway Theatre und Musical Films besteht, die von Komponisten wie George Gershwin, Cole Porter, Irving Berlin, Jerome Kern, Harold Arlen, Johnny Mercer, Richard Rodgers stammen, nur die Hauptmelodien gesungen oder gespielt. Die oft langen Einleitungen zum Song, die jedoch sowohl textlich als auch musikalisch auf das, was kommt, vorbereiten, werden weggelassen. Nicht so bei "Ella & Louis Again": Sämtliche Intros werden in voller Länge interpretiert – super!
Fazit
Die Deluxe-Version von "Ella & Louis Again" gehört meiner Ansicht nach in jede seriöse Jazzsammlung, vereint sie doch Jazzgrössen erster Güte und beinhaltet eine Sammlung der bekanntesten Melodien des Great American Songbook. Auch wenn es Passagen gibt, die möglicherweise zu überbordend wirken – ich denke da z.B. an die Schlussphase von "Stompin’ at the Savoy" – ist die musikalische Qualität durchs Band weg hervorragend. Zudem ist "Ella & Louis Again" ein Zeitdokument von bleibendem Wert.

Alle Themen










