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Der neue DAC501 von Weiss.Der neue DAC501 von Weiss.

"I can't understand why people are frightened of new ideas. I'm frightened of the old ones." (John Cage) Dieser Satz des berühmten US-amerikanischen Komponisten ziert jede E-Mail von Daniel Weiss und verbildlicht die Geschäftsphilosophie von Weiss Engineering Ltd in Uster. Daniel Weiss ist treffend als pragmatischer Visionär in der Sparte Digital Audio zu verstehen. Sein Werdegang ist gleichermassen eindrücklich wie verborgen.

Er begann seine Karriere bei Studer 1979 im Digital-Audio-Labor und widmete sich der damals völlig neuen digitalen Aufnahmetechnik. 1985 gründete er Weiss Engineering Ltd und entwickelte und produzierte Geräte für Mastering-Studios in der ganzen Welt. Das Mastering gilt als Endbearbeitung im Aufnahmeprozess und verleiht den Musikaufnahmen den letzten Schliff.

IBIS: Digitale Mixing-Konsole, die erste Produktelinie von Weiss Engineering. Sie wurde in den 1990er-Jahren unter anderem von Sony Music New York für klassische Musikproduktionen eingesetzt. Sie entspricht heute noch dem Stand der Technik.IBIS: Digitale Mixing-Konsole, die erste Produktelinie von Weiss Engineering. Sie wurde in den 1990er-Jahren unter anderem von Sony Music New York für klassische Musikproduktionen eingesetzt. Sie entspricht heute noch dem Stand der Technik.

Zur Jahrtausendwende erkannte Daniel Weiss das Potenzial der digitalen Musikwiedergabe im Zuge der Loslösung von digitalen Tonträgern (CD, SACD, DVDA) und ihrer normativen Beschränkung. Er begann High-End-Audio-Geräte zu entwickeln, die in Bezug auf Klangqualität und Technologie der Philosophie und Qualität seiner Mastering-Geräte entsprachen. Dabei orientiert er sich nur an den Leitplanken der Machbarkeit und erschliesst mit seinen mitunter unkonventionellen Ideen neue Wege, wie wir künftig Musik hören können und vielleicht auch sollten.

Fakten und Mythen Bit für Bit

avguide.ch im Gespräch mit Daniel Weiss.avguide.ch im Gespräch mit Daniel Weiss.

avguide.ch (Christian Wenger): Weiss ist seit 1985 bekannt für Geräte, die im Mastering-Bereich eingesetzt werden. Was waren die Beweggründe für Weiss Engineering, im Jahr 2000 mit High-End-Produkten zu starten?
Daniel Weiss: Die Kunden im professionellen Mastering haben oberkritische Ohren. Wir dachten, dass sich die audiophilen Musikhörer ebenfalls für solche Geräte interessieren könnten. So starteten wir mit DA-Konvertern, um damit einen neuen Markt zu erschliessen.

Ticken die Audiophilen ähnlich wie die Mastering-Leute?Durchaus. Sie sind ähnlich kritisch und sie wollten auch vermehrt eine hohe Auflösung, hohe Wortbreiten und Samplingraten.

Wie haben sich die Märkte entwickelt?
Asien ist im High-End der wichtigste Markt für uns, aber das geht allen exportierenden Herstellern so. Die Kunden in Asien sind technikaffin und wollen immer das Neuste und das Beste. Das ist spannend, hat aber auch Nachteile, wie dass ein grosser Secondhand-Markt entstanden ist.

Wie sehen die Märkte bei den Mastering-Produkten aus?
Dort ist die Verteilung ganz anders. Asien spielt eine untergeordnete Rolle. Hauptmarkt sind die USA. Dort wurde Mastering quasi erfunden. Wir haben uns aber in den letzten Jahren stark auf das High-End-Audio-Geschäft konzentriert und Mastering etwas vernachlässigt. Wir sind daran, wieder etwas Neues auf diesen Markt zu bringen. Dazu kommt, dass wir für Mastering vor allem digitale Equalizer und Dynamik-Prozessoren herstellen. Diese Funktionen bekommt man mittlerweile auch als Software, als Plugin. Viele Kunden wollen trotzdem unseren Gerätetyp. Es gibt davon viele Varianten, und die Geschmäcker sind verschieden, wie im High-End-Audio.

Weiss produziert in der Schweiz?
Ja und vollständig. Wir haben hier in Uster zwei Bestückungsfirmen, welche die Platinen bestücken. Die Montage, Endkontrolle etc. erfolgt hier bei uns.

Es gibt mittlerweile eine Menge Digitalformate. Dazu gehört auch das wiederentdeckte DSD. Du hast dich bisher nicht gerade als DSD-Fan entpuppt.
Ja, aber nicht wegen der Klangqualität. DSD lässt sich digital nicht bearbeiten. Dazu muss man DSD in PCM wandeln und dann wieder in DSD. Das ist mühsam und daher bin ich nicht so begeistert davon. Trotzdem bieten wir Produkte an, die DSD-Wiedergabe ermöglichen.

DSD soll eine reine Marketingidee von Sony gewesen sein. Ein Archivformat.
Es gab verschiedene Motive für DSD, die nichts mit Klangqualität zu tun hatten. Die SACD umging Lizenzen usw. Es war absehbar, dass der SACD kein Erfolg beschieden sein würde. Die Anwender hatten keine eindeutigen Vorteile, im Gegenteil. Nun gibt es DSD als Downloads und man kann die SACD umgehen. Als Aufnahmeformat ist DSD relativ ungeeignet. Natives DSD ohne Umwandlung in PCM ist nur möglich, wenn man eine direkte DSD-Aufnahme macht, speichert und ohne Bearbeitung auskommt. Man berührt PCM nicht. Das ist bei den meisten Aufnahmen nicht möglich. Es gibt Live-Aufnahmen, die so gemacht wurden. Da muss aber bei der Aufnahme alles perfekt sein und die Musiker dürfen auch keine Fehler machen.

Künftige Digitalformate und Streamingdienste

Quasi eine Ahnengalerie, mit dem Unterschied, dass sie jederzeit wieder zum Leben erweckt werden könnten.Quasi eine Ahnengalerie, mit dem Unterschied, dass sie jederzeit wieder zum Leben erweckt werden könnten.

Ist Mehr-Bit-DSD (DSD 2.0) denkbar?
Theoretisch schon. Z. B. mit Multibit-Delta-Sigma-Wandlern. Die damals populären 1-Bit-Wandler werden ja nicht mehr eingesetzt. Sie hatten zu viele Nachteile, waren nicht Dithering-fähig.

Dithering erlaubt es, den Fehler, der bei einer Wortlängenreduktion entsteht – z. B. Reduktion von 24 auf 16 Bit – vom Signal zu dekorrelieren, d.h. der Fehler erscheint nicht mehr als eine Verzerrung, sondern als etwas erhöhtes Rauschen.

Was bringt mehr? Höhere Wortbreiten, Stichwort 32 Bit, oder grössere Samplingraten?
32 Bit bringt gegenüber 24 Bit überhaupt nichts und die meisten DA-Wandler, die mit 32 Bit angeschrieben sind, akzeptieren zwar 32 Bit am Eingang, erreichen aber in der Verarbeitung nicht einmal 24 Bit. Das ist wirklich nur Marketing mit den 32 Bit.

Man muss unterscheiden zwischen dem Produktionsformat und dem Distributionsformat oder Endformat. In der Produktion machen 24 oder sogar 32 Bit Sinn. Man braucht für die Produktion mehr "Headroom", einen grösseren Dynamikbereich, für eine tiefere Bearbeitung. Als Distributionsformat (das Format, das wir kaufen) reichen 16 Bit völlig aus, wenn man das richtige Dithering anwendet. Das Dithering verhindert Quantisierungsverzerrungen. Das heisst, dass man trotz der 16 Bit eine höhere Auflösung erhält als 16 Bit. Man hat immer noch den Rauschpegel von 16 Bit, den man nicht wegbringt, aber auch nicht hört (!), aber die Musik kann unverzerrt bis in den Rauschpegel herabreichen. Das ist der Effekt von Dithering. Es erlaubt extrem kleine Pegel.

Wie wird eure Entwicklungsarbeit durch die populären Streamingdienste beeinflusst?
Streamingdienste wie Tidal bieten echte CD-Qualität an. Da ist kein Haken dabei. Für die DA-Wandler spielt es keine Rolle, ob die Daten direkt vom Internet gestreamt werden oder von einem lokalen Speicher. Die Datenmengen sind auch nicht sehr anspruchsvoll.

"Wenn ein unordentlicher Schreibtisch einen unordentlichen Geist repräsentiert, was sagt dann ein leerer Schreibtisch über den Menschen aus, der ihn benutzt?" (Albert Einstein)

MQA bei Streamingdiensten und der DAC501

Trotzdem will man mit MQA-Decodierung die Qualität noch steigern, bei kleineren Datenraten? Wie geht das?
Das Ziel bei MQA ist, dass man mit 16/44.1 oder 24/48 auskommt mit relativ tiefen Samplingraten. Zum Beispiel werden dann hohe Tonfrequenzanteile über 22 kHz codiert, quasi verpackt und bei der Wiedergabe decodiert, wieder hergestellt. In dem Bereich gibt es zwar kaum noch Klanginformationen. Ein Becken macht da oben eventuell noch etwas. Es gibt bei MQA verschiedene Techniken, um das zu machen, aber es gibt auch noch Einschränkungen. Man kann bei 22 kHz keinen Vollpegel mehr abbilden. In der Praxis hat man dort aber auch nur kleine Pegel.

Der andere Aspekt von MQA besteht darin, die ganze Kette von der Aufnahme bis zur Wiedergabe zu verbessern. Sie wollen die AD-Wandler bei der Aufnahme und die DA-Wandler bei der Wiedergabe mittels individuellen digitalen Filtern verbessern. Das bedeutet in unserem Fall, dass sie unsere Wandler ausmessen würden, um einen massgeschneiderten MQA-Decoder dazu zu programmieren. Das betrifft dann sowohl die AD-Wandler, die wir für den Aufnahmebereich machen, als auch die DA-Wandler bei der Wiedergabe.

Dann treten die also in deinen Garten?
Ja, in gewisser Weise. Das passt natürlich nicht allen. Im Grunde ist das aber nicht das Dümmste, vor allem bei denen, die noch nicht wirklich gute Wandler bauen. Die hätten dann am Ende ein besseres Produkt.

Die dürften viel zu tun haben, wenn sie überall die DA-Wandler auf MQA optimieren wollen.
Ich weiss auch nicht genau, wie sie sich das vorstellen.

Der neue DAC501 von Weiss steht ja auf der Startrampe. Ist MQA dort eingeplant?
Zunächst muss sich herausstellen, ob MQA Realität wird. Warner Music soll einen Vertrag gemacht haben und Tidal soll ebenfalls einsteigen. Wenn das passiert, werden wir das im DAC501 wahrscheinlich einbauen. Wir haben dort auch die DSP-Leistung, die es benötigt.

Was kann der neue DAC501? Wie unterscheidet er sich von anderen DA-Wandlern?
Der neue DAC501 ist netzwerkfähig und hat eine Menge digitaler Eingänge. Hauptunterschied ist sein leistungsfähiger DSP. Wir haben damit ein paar Funktionen vorgesehen: Das ist ein hochwertiger Equalizer, eine Vinyl-Simulation, mit der man den Klangcharakter von Schallplatten erzeugen kann und ein De-Essing mit dem man die scharfen Zischlaute von Stimmen dynamisch korrigieren kann. Viele Aufnahmen sind hier suboptimal, aber auch Raumakustik und Lautsprecher können das Problem verstärken. De-Essing ist ein dynamischer Filter und reagiert nur, wenn etwas kommt. Im Mastering-Bereich ist das ein Standardfilter. Dazu kommt dann noch eine Lautstärken-Angleichung bei unterschiedlich lauten Tracks, und zwar Real Time, ohne Zwischenspeicherung. Das ist wichtig für Hintergrundmusik und Partybetrieb. Diese Funktionen sind natürlich einfach zu bedienen, nicht wie auf der Aufnahmeseite.

Können diese Funktionen später erweitert werden?
Ja sicher. So lange die Rechenleistung des DSP ausreicht. Angedacht ist auch eine Verbesserung der Raumabbildung im Kopfhörerbetrieb. Der DAC501 hat einen Kopfhörerausgang. Hier lässt sich die Stereo-Wiedergabe mit DSP verbessern. Die Im-Kopf-Lokalisation bei Kopfhörern ist ein Problem. Stereoaufnahmen sind für Lautsprecher gemacht.

Werden solche Funktionen auch in anderen Geräten implementier wie dem MAN301-Musikserver?
Das ist die Idee. Beim MAN301 haben wir kein DSP, müssen also alles auf dem Computerboard realisieren. Wir machen, was die Rechenleistung zulässt.

Neuer Lautsprecher für ein reales Live-Erlebnis

Auch für analoge Leistungsverstärkung steht ein interessanter Prototyp im Regal.Auch für analoge Leistungsverstärkung steht ein interessanter Prototyp im Regal.

Kommen wir noch zum Lautsprecher-Projekt?
Wir arbeiten schon recht lange daran, die Raumabbildung von Aufnahmen bei der Wiedergabe zu verbessern, im Sinn von mehr räumlicher Echtheit, was sich vor allem bei Live-Aufnahmen auszahlt. Da geht es um zwei Dinge: Wir wollen binaurale Aufnahmen (Kunstkopf-Aufnahmen), wie sie von Chesky gemacht werden, lautsprechertauglich machen. Bislang konnte man das nur mit Kopfhörern räumlich erfassen. Dann wollen wir Stereoaufnahmen digital so verändern, dass sie ähnlich wie binaurale Aufnahmen erlebt werden können.

Der Musikhörer soll damit nichts zu tun haben. Er braucht nichts einzustellen, vielleicht mit Ausnahme des Hörabstands. Dabei geht es um Crosstalk Cancelling. Das Lautsprechersystem stellt sicher, dass das linke Ohr vom rechten Lautsprecher nichts mitbekommt und umgekehrt. Vor uns steht ein Versuchsaufbau mit 5 Aktivlautsprechern, die alle differenziert angesteuert werden und diese echte Raumillusion ermöglichen. Davor arbeitet natürlich ein Prozessor, der die gewünschte Aufnahme richtig verarbeitet. Das Endprodukt wird aussehen wie eine Art Soundbar, aber doch grösser und High-End. Wir machen das zusammen mit Illusonic und PSI-Audio.

Das hören wir uns an. Vielen Dank für das Gespräch!

Die Crux mit der Raumabbildung

Stereo ist seit Ende der 1950er-Jahre der De-facto-Standard bei Musikaufnahmen und setzte sich in den 1960er-Jahren in den Wohnräumen langsam durch. Die Weiterentwicklung der verbesserten Raumabbildung scheiterte über Jahrzehnte mehr oder weniger kläglich oder vermochte sich nur in speziellen Situationen wie z.B. Heimkino ein wenig zu etablieren.

Das Hauptproblem liegt bei der Aufnahme. Jeder Standard, der das räumliche Musikerlebnis noch verbessern könnte, hängt von einem veränderten Aufnahme-Standard ab, den es bisher nicht wirklich gibt, und wenn es ihn gäbe, er sich durchsetzen müsste. Binaurale Kunstkopf-Aufnahmen konnten bisher nur mit Kopfhörern eingermassen überzeugend gehört werden. Konventionelle Stereoaufnahmen eignen sich indes nicht so für Kopfhörer, weil das linke Ohr auch Schallanteile mitbekommt, die für das rechte Ohr bestimmt sind und umgekehrt. Resultat ist die Im-Kopf-Lokalisation oder das Gefühl, dass sich die Musik im Kopf und nicht vor dem Musikhörer abspielt. Zudem dreht sich die Klangbühne auf unnatürliche Weise mit, wenn wir den Kopf drehen.

Weiss Engineering arbeitet mit Illusonic und PSI Audio an einer Lösung, die sowohl klassische Stereoaufnahmen aufnimmt als auch binaurale Aufnahmen, wie sie z.B. von David Chesky seit einiger Zeit angeboten werden. Ein System, das keinen neuen Aufnahmestandard benötigt. Voraussetzung ist, dass die Musikaufnahmen automatisch digital umgearbeitet werden können, so dass sie trotz Lautsprechersituation rechts und links vom rechten und linken Ohr möglichst separiert empfangen werden.

Crosstalk Canceling: Das unerwünschte Übersprechen vom rechten Kanal zum linken Ohr wird kompensiert.Crosstalk Canceling: Das unerwünschte Übersprechen vom rechten Kanal zum linken Ohr wird kompensiert.

Dazu wird Crosstalk Cancelling eingesetzt, ein digitales Verfahren, das eine virtuelle Raumtrennung ermöglicht, als ob unser Kopf mit der Nase an einer Trennwand stünde, welche die vor uns liegenden Lautsprecher in 2 Räume aufteilt.

Dieser Lautsprecher wird zurzeit als Versuchsanordnung getestet und optimiert. Das bunte Tuch dient nicht der Geheimhaltung, sondern verhindert die subjektive Beeinflussung, weil man keine Lautsprecher vor sich sieht. Besser wäre es, in einem dunklen Raum zu sitzen, aber dort kann man nicht arbeiten.

Der Prototyp dieses neuartigen Lautsprechers wird zurzeit gebaut. Im Endeffekt soll es sich um einen Lautsprecher handeln, der ähnlich einer Soundbar exakt vor dem Musikhörer steht. Das hätte auch praktische Vorteile. Aber Achtung: Das ist keine Spielerei, mit der man versucht, den lausigen Klang von TV-Geräten zu verbessern.

Erster Eindruck eines neuartigen Lautsprechersystems

Das bunte Tuch dient nicht der Geheimhaltung, sondern verhindert die subjektive Beeinflussung, weil man keine Lautsprecher vor sich sieht.Das bunte Tuch dient nicht der Geheimhaltung, sondern verhindert die subjektive Beeinflussung, weil man keine Lautsprecher vor sich sieht.

Ich schoss das Bild exakt aus meiner Hörposition, aus knapp 3 Metern Entfernung.

Zunächst hörte ich eine binaurale Live-Aufnahme einer Brass-Band, die im Freien aufgenommen wurde. Das Live-Erlebnis war absolut erstaunlich. Der Raum, in dem man sitzt, verschwindet komplett aus dem Bewusstsein. Man befindet sich am Aufnahmeort. Die Instrumente gruppierten sich auf 180° vor mir und waren extrem klar umrissen und in allen Dimensionen fassbar. Die Dynamik war ebenfalls sehr ähnlich, wie ich so ein Konzert in Erinnerung habe.

Gefühlsmässig war es ein etwas gespenstiges Erlebnis. Man ist sich das überhaupt nicht gewohnt. Das bewusste Musikhören kommt fast vollständig abhanden. Die unbewusste Ebene nimmt Überhand. So fiel es mir schwer, die tonalen Qualitäten, mit denen wir uns so gerne und ausgiebig auseinandersetzen, zu beurteilen. Es überzeugte mich, von einem Musikerlebnis als Ganzes erfasst zu werden.

Bei konventionellen Stereoaufnahmen war die Erfahrung dann ganz ähnlich, wenn es sich um direkte Aufnahmen mit 2 oder 3 Mikrofonen handelte. Zum Beispiel ältere Aufnahmen oder solche mit Jecklin-Scheibe oder generell Single-Point-Stereo-Aufnahmen. Bei Multi-Miking-Studio-Produktionen stellten sich auch verwirrende Raumeffekte ein, die so nicht beabsichtigt waren.

Das Klangbild war recht ausgewogen, ein Etappenziel scheint erreicht. Daniel Weiss ist noch nicht zufrieden, da es manchmal tonale Verdichtungen gibt, die vom Crosstalk Cancelling stammen. Ähnlich wie bei Stereo entscheidet der Sweet Spot, aber nicht mit chirurgischer Präzision. Ich konnte mich ruhig seitlich etwas bewegen, ohne dass der Raum auseinanderfiel.

Ich kann mir gut vorstellen, dass hier eine neue Art des Musikhörens "erschaffen" wird. Eine neue Erlebnisdimension sozusagen. Ich kann mir aber auch vorstellen, dass audiophile Stereo-Hörer viel stärker umdenken müssten als unbedarfte Menschen, die sich mit dem Thema noch nicht so auseinandergesetzt haben. Eben dort, und genau dort, könnten sich neue Märkte auftun. Dort wo der immerwährende Sound dann nicht mehr als Dauerberieselung von der Tapete tropft.

Genau das verstehe ich unter einem visionären Ansatz. Das Sprengen von eingeübten Wahrnehmungen, getrieben von der Furcht vor alten Ideen. Da ist was dran.