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Hörtest rund um den Zürichsee

Doch ein Soundsystem nur im Stand zu beurteilen, ginge am Thema etwa so vorbei, wie ein gehobenes Fünf-Gänge-Menü isoliert von der Weinbegleitung zu bewerten. Selbst bei Elektrofahrzeugen gibt es Fahrgeräusche. Das tieffrequente Abrollen der Reifen und das Rauschen des Fahrtwinds prägen das akustische Umfeld. Ergebnisse im Stand lassen sich daher nicht eins zu eins auf die Fahrt übertragen.

Zwar fallen diese Einflüsse im leisen Elektroauto moderat aus – noch dazu in der Schweiz, wo man auf Landstrassen nur 80 und auf Autobahnen maximal 120 km/h fahren darf. Doch genau dieser Mix aus realer Fahrsituation und konzentriertem Zuhören bildet die perfekte Bühne für ein ambitioniertes System wie das von Bowers & Wilkins.

Mit «Urgent» von Foreigner in der Live-Version beginnt der Realitätscheck. Das Stück lebt vom unmittelbaren Rock-Gefühl. Und hier zeigt sich, wie stabil die Bühne im Fahrzeug aufgebaut ist. Die Snare kommt trocken und knackig, ohne überzeichnet zu wirken. Gitarren haben Substanz und Körper, bleiben aber frei von Schärfe. Das Live-Erlebnis entsteht nicht durch künstlichen Hall, sondern durch eine glaubwürdige Klangbühne. Man hört, dass hinter der Band noch Raum existiert – nicht nur links und rechts, sondern auch nach hinten.

Anette Askviks «Liberty» dient mir bevorzugt als Stimm-Referenz. Ihre feine, intime Frauenstimme steht klar im Raum, präsent, aber nie aufdringlich oder übermässig nah. Das System vermeidet bei allem Hochtonglanz die Versuchung, Stimmen spektakulär nach vorn zu ziehen. Das Saxofon bleibt geschmeidig und edel timbriert, während der Tieftonbereich Druck aufbaut, ohne die Mitten zu überdecken. Genau diese Balance aus Präsenz und Zurückhaltung erwartet man im Premium-Segment.

Mit Hedegaards «Ratchets» folgt der Bass- und Pegeltest. Der Track fordert das System mit massiven elektronischen Impulsen. Der Tiefton schiebt bis ans untere Ende des Frequenzbands satt und kontrolliert, ohne zu dröhnen oder aufzudicken. Selbst bei gehobener Lautstärke bleibt die Struktur im Bass nachvollziehbar. Kein vordergründiges «Zisch-Bumm»-Spektakel, sondern Druck mit Disziplin. Entscheidend ist, dass die Präzision auch dann erhalten bleibt, wenn man das Lautstärkepotenzial ausreizt.

Im Polestar 3 kann man auch Bass-Beats ohne Konflikte mit den Nachbarn richtig aufdrehen.Im Polestar 3 kann man auch Bass-Beats ohne Konflikte mit den Nachbarn richtig aufdrehen.

Hans Zimmers «Mountains» in Dolby Atmos prüft Dynamik und Headroom. Das Stück lebt von seinem Spannungsaufbau und dem Gefühl von Weite. Die Höhenstaffelung funktioniert im Fahrzeug erstaunlich überzeugend. Atmos wirkt hier nicht als Effekt, sondern als Erweiterung des Raums, gerade auch seitlich über die Grenzen des Cockpits hinaus. Die oberen Ebenen öffnen das Klangbild, ohne künstlich zu erscheinen. Auch bei steigender Intensität bleibt das System pegelfest und gelassen.

«Money for Nothing» von Dire Straits in der Atmos-Version schliesslich ist ein Test für Bühnenbreite und Instrumentenortung. Die ikonische Gitarre steht klar im Raum, die Bassdrum druckvoll und definiert im Zentrum. Die Stereobasis wirkt breit, die Rauminformation glaubwürdig. Atmos dient hier nicht als Gimmick, sondern als Raumstruktur. Die Abbildung bleibt stabil, selbst wenn man sich leicht bewegt oder den Kopf dreht.

Unterm Strich spielt das System von der tonalen Ausgewogenheit oder Auflösung her wie eine High-End-Stereo-Anlage und von der Räumlichkeit so, wie man es sonst eher von guten Heimkinos kennt. Manchmal sogar mit einem Vorteil: Man sitzt immer im Sweet Spot. Denn im Polestar 3 kann man bei Stereo-Wiedergabe die von der Schwestermarke Volvo bekannte Focus-Einstellung für die Fahrer-Position und weitere Sitzplätze nutzen.

Im Sound-Fokus-Menü kann man die Abbildung des Bowers-&-Wilkins-Systems auf Knopfdruck für bestimmte Sitzplätze optimieren.Im Sound-Fokus-Menü kann man die Abbildung des Bowers-&-Wilkins-Systems auf Knopfdruck für bestimmte Sitzplätze optimieren.

Infotainment als Differenzierungsmerkmal im Premium-Segment

Android Automotive OS ermöglicht Apps und Streaming ohne Handy, Google Maps inklusive. Wichtig ist nur, dass der Sound nicht zwangsläufig von einer Smartphone-Kopplung abhängt. Das ist nicht nur ein Komfortgewinn, sondern auch die Basis von Atmos-Wiedergabe. Schliesslich lassen sich die 3D-Klänge nicht über Bluetooth-Audio-Verbindungen übertragen. Man muss die Apps von Streaming-Diensten wie Tidal, Apple Music oder Amazon Music aus dem Google Play Store über das entsprechende Menü im Fahrzeug installieren.

Schwächen, die man nicht verschweigen sollte

Zwei Punkte bleiben im Alltag relevant: Erstens die Touchscreen-Lastigkeit, die bei den tieferen Sound-Einstellungen, die man im Stand vornehmen sollte, sich sogar als nützlich erweist. Wer gern an Equalizer und Presets schraubt, kann sich durch grosszügig gestaltete Menüs auf dem zentralen 14,5-Zoll-Display bewegen. Allerdings muss man sich auch durch die Menüs kämpfen, um die beiden Aussenspiegel im Zusammenspiel mit den Lenkradtasten einzustellen. Zweitens bleibt bei so viel Digital-Technologie immer die Frage der langfristigen Softwarepflege. Dazu liegen aktuell keine Details vor.

Fazit: Klang als Benchmark, Alltag als Bonus

Der Polestar 3 Performance ist als Elektro-SUV bereits ein starkes Angebot. Im Winter überzeugt er mit fein regelnden Assistenzsystemen, aber auch mit einem ordentlichen mechanischen Grip auf Schnee und Eis sowie mit einem Klima-Setup, das schnell warm wird.

Das eigentliche Argument für avguide.ch-Leser ist jedoch das Bowers & Wilkins 3D Surround System mit Dolby Atmos. Es spielt präzise, satt, enorm räumlich, detailreich und pegelfest – ein echter Benchmark. Dabei klingt der Atmos-Effekt nicht wie ein Marketing-Gag, sondern wie ein klarer Mehrwert.

Wer im Segment zwischen Porsche Cayenne, BMW iX und Audi Q8 e-tron unterwegs ist und Klang ernst nimmt, sollte den Polestar 3 Performance nicht nur Probe fahren, sondern wirklich Probe hören. Im Stand, auf Langstrecke und gern auch auf Schnee – weil man dort merkt, wie gut Präzision sich anfühlen kann.

Polestar vertraut softwareseitig auf Google. Navigiert wird entsprechend mit Google Maps.Polestar vertraut softwareseitig auf Google. Navigiert wird entsprechend mit Google Maps.

Für wen ist das?

Der Polestar 3 Performance eignet sich besonders für Audiophile, die zuhause bereits eine High-End-Anlage oder ein ernstes Heimkino betreiben und auch unterwegs nicht mehr auf «Auto-Sound» zurückfallen wollen. Doch auch vom Fahrtkomfort her – Stichwort Luftfahrwerk und stilvolle Innenraumgestaltung – gehört der Polestar 3 zu den Top-Angeboten in seinem Segment.

Konkurrenz im Schnellvergleich

Porsche Cayenne, BMW iX und Audi Q8 e-tron sind die direkten Alternativen im Premium-SUV-Segment. Klanglich setzt der Polestar mit seinem Bowers-&-Wilkins-System die Messlatte in diesem Test klar hoch. Und vor allem ist das System samt Dolby-Atmos-Unterstützung im Plus-Paket enthalten, während sich die deutschen Premium-Marken ihre Top-Sound-Optionen von Burmester, Bowers & Wilkins respektive B&O üblicherweise mit zünftigen Aufpreisen bezahlen lassen.

Manchmal schneits in der Schweiz. Doch im Polestar 3 wird einem sofort warm ums Her(t)z.Manchmal schneits in der Schweiz. Doch im Polestar 3 wird einem sofort warm ums Her(t)z.

Stefan Schickedanz Gastautor

Der Journalist und Autor schreibt seit über 30 Jahren für renommierte Magazine und sein eigenes Online- Portal Stereoguide.de. Der Wahlstuttgarter liebt Extreme: Musik hört er am liebsten live im Jazzclub, intensiv im Auto und In-Ears.
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