Leica Cine 1 in 100-Zoll-Ausführung.Durch Leica-Objektive sind wohl einige der wunderbarsten Fotografien entstanden, aber es sind auch einige spannende Filmszenen damit eingefangen worden. Nun versucht es Leica in die andere Richtung, nämlich das Eingefangene wieder zu befreien. Die Cine-1-Serie erweckt statische und dynamische Bilder zum Leben. Die Ultra-Short-Distance-Projektoren gibt es in drei Varianten: mit 80, 100 oder 120 Zoll Bilddiagonale. Erreicht Leica auch bei der Wiedergabe von Bildern die sagenhafte Qualität ihrer Fotoprodukte?
Konzept
Die Cine-1-Serie gehört in die Ultrashort-Distance-Kategorie, das heisst, sie sind so konzipiert, dass die Aufstellung sehr nahe bei der Leinwand erfolgt. Ausgestattet mit einem Leica-Summicron-Objektiv kann der Cine 1 ein rund 175, 220 oder 260 cm breites Bild erzeugen, je nach Variante. Dazu muss der Abstand zur Wand lediglich zwischen rund 14 und 36 cm betragen.
Dem Leica-Kenner wird der Begriff Summicron in bester Erinnerung sein: So hiessen alle Objektive, die mit Blende 2.0 sehr viel Licht einfangen konnten bzw. immer noch können. Die Bilderzeugung geschieht mit einem Full-HD-DLP-Chip, der durch sequenzielle Pixelverschiebung die volle 4K-Auflösung schafft. 15 kg Gewicht sind aus der Verpackung auf das Sideboard zu heben. In einer solchen Position fühlt sich der Cine 1 am wohlsten. Doch gibt es durchaus zwei alternative Möglichkeiten zur Aufstellung. Eine davon besteht darin, den Projektor wie seine langlinsigen Kollegen an die Decke zu schrauben oder aber, mit dem Projektor auf eine halbtransparente Leinwand von hinten zu projizieren. Im Testlauf kam eine mattweisse Leinwand mit normaler Frontprojektion zum Einsatz.
Drei Varianten für drei verschiedene Bildgrössen sind verfügbar (80, 100 und 120 Zoll).Einrichten
Wenn der Projektor in der richtigen Distanz platziert wird, sollte er genau ausgerichtet werden, ansonsten wird durch die sehr kurze Bilddistanz die Projektion sehr stark verzogen. Mit ausfahrbaren Leinwänden ist Vorsicht geboten, da nur schon kleine Welligkeiten ebenfalls gröbere Bildverzerrungen verursachen. Prinzipiell ist es möglich auf eine flache Wand, beispielsweise mit Weissputz, zu projizieren. Aber auch hier gilt: Der Putz sollte sehr eben aufgetragen worden sein.
Daneben gibt es die Möglichkeit, rahmenlose Fixleinwände mit speziellen Tuchsorten zu verwenden. Normale Highcontrast-Tücher werden in den meisten Fällen nicht funktionieren, da diese für andere Ein- bzw. Ausfallwinkel der Projektion gemacht sind. Für die weitere Einrichtung genügt es, ein Netzwerkkabel und das Stromkabel einzustecken sowie das Gerät mittels seiner edlen Aluminium-Fernbedienung einzuschalten.
Nach den mittlerweile üblichen Datenschutzvereinbarungserklärungen (wunderbares Wort ...) kann man für die eingebaute Smart-TV-Engine VIDAA ein Login machen und erhält so Zugriff auf verschiedenste Streaming-Dienst inklusive Netflix. Das Ganze benötigt keine 5 Minuten und schon kann es losgehen. Falls das Bild wirklich etwas verzogen ist und man das mit Nivellieren nicht in den Griff bekommt, gibt es noch eine automatische Verzugskorrektur, die über ein Smartphone vorgenommen werden kann. Im Test haben wir dies aufgrund der gespannten Leinwand nicht benötigt. Noch wichtig zu erwähnen ist, dass die Bildgrösse vor dem Kauf des Cine 1 in eine der drei eingangs beschriebenen Bildgrössen festgelegt werden sollte.
Anschlussvielfalt bis hin zu HDMI 4K/60Hz, einzig ein Subwoofer-Out wäre noch wünschenswert.Möglichkeiten
Man stellt schnell fest: Der Leica Cine 1 ist wesentlich mehr als nur ein Beamer und es fällt schwer, in welche Kategorie man das Gerät einordnen kann. Denn nebst den verschiedenen HDMI-Eingängen (mit eARC und 4k60Hz) ist sogar ein Triple-DVB-Empfänger mit an Bord, welcher das direkte Einspeisen von Satelliten- und terrestrischem bzw. kabelgebundenen Digital-TV-Signalen ermöglicht.
Ebenso ist ein leistungsfähiges Soundsystem eingebaut, das zumindest gemäss Datenblatt sogar Dolby Atmos entschlüsseln kann. Apropos Dolby: Dolby Vision sorgt nebst HLG und HDR10+ für High Dynamik Range – oder weniger sexy klingend zu Deutsch: hoher dynamischer (Bild-)Bereich. Es ist also alles da, was auf den meisten Wunschlisten vorhanden sein dürfte.
Edle Fernbedienung aus Aluminium.Ssssss...augut!
Mit einem fein surrenden «Sssssss» öffnet sich unmittelbar nach dem Startsignal via Fernbedienung die dekorative Aluminium-Topplatte und gibt der Summicron-Optik freie Sicht. Zwei winzige Sensoren schalten das Bild aber so schnell ab, wie es da ist, wenn man den Kopf zu nahe an die Lichtmaschine hält. Sicherheit muss sein, denn was da an Helligkeit herauskommt, haut einen fast um.
Via Fernbedienung lässt sich die Dreifach-Laserquelle in der Helligkeit einstellen. In unserem dunklen Heimkinoraum habe ich den Regler ganz nach links geschoben und prompt begeistern diese hellen Spitzenlichter – und die etwas erloschene Liebe zum DLP-Prinzip ist auf einen Schlag wieder da. Den sogenannten Inbild-Kontrast beherrscht der DLP einfach richtig gut. Wenn gleichzeitig dunkle und helle Bereiche vorhanden sind, bringt der DLP-Projektor eine einzigartige Tiefenstaffelung zustande. Die Farbe ist bei der Farbtemperatur «Standard» deutlich zu kalt. Besser gefielen mir die Einstellungen «Warm» und «Warm2» am besten. In diesen Modi wirken Gesichter weniger nach durchzechter Nacht, sondern eher nach ausreichend Schlaf.
Auf Wunsch können verschiedene Bildmodi direkt ausgewählt werden, bis hin zum «Filmmaker-Mode», welcher ebenfalls eine natürliche Filmwiedergabe bewirkt. Allgemein bringt der Cine 1 ein extrem scharfes Bild zustande, was ein weiterer Vorteil des Single-Chip-DLPs sowie des LIO™ ist, dem Bildoptimierungsalgorithmus von Leica.
Beim DLP-Prinzip werden die Farben sequenziell erzeugt. Früher bedurfte es hierfür ein Farbrad. Dan den extrem flink schaltenden RGB-Lasern entfällt dieses Farbrad, sodass der gefürchtete «Regenbogeneffekt» höchstens noch für geschulte Augen feststellbar ist. Was aber auch 2023 noch gilt: Je dunkler der Raum, desto mehr Kontrast kann erzeugt werden. Spezielle Leinwände bringen aber klare Kontrastvorteile gegenüber einer weissen Wand und bieten einen deutlich besseren Kontrast bei helleren Räumen.
Nebst der überzeugenden Bildwiedergabe (unter anderem auch via 4K-Blu-ray-Disc) stellt sich auch noch die Frage nach dem Ton. Hier bin ich ambivalent: Zwar liefert das eingebaute Soundsystem einen sehr klaren Ton mit sehr guter Sprachverständlichkeit, aber auf zwei Dinge muss verzichtet werden: auf einen tiefen Bass und auf eine räumliche Abbildung, wie man es vom echten Kino gewohnt ist. Auch wenn das kleine Schalterchen auf Dolby Atmos hinbewegt wurde, änderte zwar das Klangbild ein wenig, aber von einer echten Raumabbildung ist wenig zu bemerken. Schade ist, dass ein Subwoofer-Ausgang fehlt. Abhilfe schafft hier allenfalls der Kopfhörerausgang, der parallel zum Lautsprecher aktiviert werden kann. Die Filterung geschieht dann beim Subwoofer, ausprobiert haben wir das während des Testens jedoch nicht.
Nach dem Starten schiebt sich die vordere Abdeckung sanft zur Leinwand hin und innert Sekunden ist das Bild da. Laser sei Dank!Fazit
Dass Leica mehr oder weniger aus dem Nichts in diese Marktnische springt, zeigt, dass dort sicher einiges an Potenzial versteckt ist. Richtig grosse Bildschirme mit 100 Zoll sind zwar auf dem Markt mittlerweile nicht mehr so astronomisch teuer, aber es ist nicht jedermanns Sache, einen knapp 3 m2 grossen, schwarzen TV im Wohnzimmer zu installieren.
Während herkömmliche Projektoren einiges an Installation benötigen, sind Ultra-Short-Distance-Projektoren einfacher einzurichten, und dank Lasertechnik muss auch nicht alle 2000 bis 3000 Stunden die Lampe ersetzt werden. Leica gibt beim Cine 1 rund 25'000 Stunden an, bei 3 Stunden täglich sind dies rund 25 Jahre. Neben praktischen Gründen überzeugt der Erstling von Leica mit schönem Design, adäquater Verarbeitung, umfangreicher Ausstattung und nicht zuletzt mit einem wirklich tollen Bild!
Die Firma Kettnaker bietet ein in Zusammenarbeit mit Leica entwickeltes, massgeschneidertes Möbel für den Cine 1 an, inkl. ausfahrbarer Leinwand. Voraussichtlich ab 2024 erhältlich.