Unser Testobjekt: Die Børresen 02. Die hierzulande noch unbekannte Firma Børresen Acoustics gehört zum jungen dänischen Markentrio Aavik Acoustics, Ansuz Acoustics und eben Børresen Acoustics. Das dänische Dreigespann «Audio Group Denmark» firmiert in der nördlichsten dänischen Grossstadt, in Aalborg.
Entstanden ist das Dreigespann aus der Lautsprecherschmiede Raidho Acoustics. 2017 wurde Raidho von Dantax gekauft. Die heutigen Entscheidungsträger von Børresen, Aavik und Ansuz verliessen Raidho Acoustics und gründeten die drei neuen Unternehmen.
Lars Kristensen, Co-Geschäftsführer und Verkaufsleiter, betonte, dass es sicherer sei, mit drei verschiedenen Marken mit verschiedenen Produktelinien am Markt zu operieren. Sollte eine Linie die Erwartungen nicht erfüllen, kann sie verkauft oder eingestellt werden, ohne die restlichen beiden Linien in Mitleidenschaft zu ziehen. Zudem ergänzen sich die drei Produktelinien ideal. Auch kann sich auf diese Weise ein Fachhändler nur für eine oder zwei Linien entscheiden, ohne das ganze Portfolio übernehmen zu «müssen».
In diesem Testbericht wenden wir uns dem Standlautsprecher-Modell Børresen 02 zu.
Børresen Acoustics ApS
Der Gründer der gleichnamigen Firma, Michael Børresen, ist Mastermind und Perfektionist.
Michael Børresen.Eines seiner Lieblingsthemen sind Schwingungen. Schon in seiner Abschlussarbeit zum Ingenieur befasste er sich mit Resonanzen und Schwingungsmustern. Darin wandte er sein ganzes Wissen zuerst ausserhalb der Audio-Branche an. Verständnis und Kontrolle von Schwingungen sei eines der Hauptziele seiner Entwicklungen, sagt er.
Er habe alles im Zusammenhang mit Lautsprecherbau hinterfragt. Wer viele Fragen stelle, finde viele Antworten – und das führe im Optimalfall zu herausragenden Lautsprechern. Als sich Michael Børresen mit seinem Team auf den herausfordernden Weg begab, seinen «ultimativen» Lautsprecher zu entwickeln, setzten sie sich die folgenden Entwicklungsziele:
Die Überarbeitung der vorhandenen Treiber-Technologie, die grundlegende Optimierung der Frequenzweichen und die konsequente Resonanzkontrolle am Gehäuse.
Die Børresen-Website reklamiert unbescheiden eine nie dagewesene musikalische Authentizität sowie absolute Ausgewogenheit und Natürlichkeit. Die 0-Serie biete im Vergleich zur Z-Serie eine noch ausgeprägtere Klarheit im Mitteltonbereich, eine tiefere Basswiedergabe und eine erstaunlich ganzheitliche, authentische Klangbühne. Ob Børresen Acoustics diesen Claim einlösen kann, werden wir am Modell 02 zu prüfen versuchen.
Alle Modelle der Børresen-0er-Serie mit Modell 02 ganz links.Das Modell 02 im Detail
Børresen-Lautsprecher gibt es in einer Basisversion und dazu auch noch als «Børresen Cryo Edition» sowie als «Silver Supreme Edition». Letztere gibt es nur für die 0er-Serie.
In der «Børresen Cryo Edition» erhalten alle Metallteile des Lautsprechers eine kryogenische Kältebehandlung. Als erstes erfolgt eine langsame Abkühlsphase über 24 Stunden bis auf Minus 196° C. Anschliessend wird die extrem tiefe Temperatur der Metallteile für weitere 24 Stunden gehalten. Anschliessend geht es während 24 Stunden zurück auf Raumtemperatur.
Die Wirkung schneller kryogenischer Behandlungen mit dem Ziel, die Klangqualität zu verbessern, ist umstritten. Dies, weil die gewünschten kristallinen Veränderungen sich wieder umkehren. Um das zu verhindern, wird der Prozess bei Børresen verlangsamt.
Die durch den Kälteprozess realisierten strukturellen Veränderungen in metallischen Komponenten sollen gemäss Børresen auch die Leitfähigkeit der Silberspulen um 6 bis 8 % erhöhen. Sie hätten somit einen positiven Einfluss auf die «Audioeigenschaften».
Der Kälteprozess wird von Børresen Acoustics in eigenen Werkhallen durchgeführt.
Der Kälteprozess als Visualisierung.Die «Silver Supreme Edition» wird nur bei der 0er-Serie angeboten. Wie der Name vermuten lässt, beschreibt sie die konsequente und teure Verwendung von Reinsilber auch für nicht leitende Elemente. So werden zum Beispiel auch die Kupfer-Polringe im Magnetantrieb der Treiber durch solche aus kryogenisch behandeltem Silber ersetzt. Das soll eine Verringerung der Induktion auf ein bisher nicht gekanntes Niveau bewirken.
Børresen erklärt im folgenden Video die Beweggründe und die Technologie der enorm aufwendigen Behandlung seiner Hightech-Lautsprechertreiber.
Das Børresen-Modell 02
Das Børresen-Modell 02 ist der kleinste Standlautsprecher der 0er-Linie. Mit Ausnahme des kompakten 01-Monitors arbeiten alle drei Standlautsprecher mit 2,5 Wegen und unterscheiden sich in der Anzahl der Tief/Mitteltöner und den Gehäuse-Abmessungen.
Die Standlautsprecher 02 sind 26 cm schmal und 51 cm tief. Mit 106 cm Höhe wiegen sie gut 30 kg. Aufgrund der schmalen Stirnbreite wirken sie schlank und äusserst wohnraumfreundlich. Zusätzlich zu der beträchtlichen Gehäusetiefe sollte im Hörraum genug Platz für mindestens 50 cm Abstand zur Rückwand vorhanden sein. Die empfohlene minimale Distanz von Schallwand zu Rückwand beträgt somit einen Meter.
Der Frequenzumfang wird im Datenblatt von 40 Hz bis dank Bändchen sehr hohen 50 kHz angegeben. Der Wirkungsgrad ist mit 88 dB noch okay, verlangt aber nach einer ausreichenden Verstärkerleistung. Die nominale Impedanz liegt bei 4 Ohm. Børresen gewährt auf allen seinen Produkten eine Garantie von fünf Jahren.
Wir hörten das Modell Børresen 02 in der Grundversion inklusive den Hightech-Absorber-Füssen Ansuz Darkz T2, einer weiteren Spezialität von Børresen. Mit einem Preisschild CHF 42'200 liegt es sicherlich am oberen Ende der Preisskala eines dynamischen Lautsprechers dieser Grösse. Die konsequente Haltung aus jedem Detailaspekt technologisch ein Maximum rauszukitzeln – sei dies klanglich oder Verarbeitungstechnisch begründet –, kombiniert mit einer Kleinserienproduktion in Dänemark, äussern sich hier.
Die Gehäusetiefe erzeugt einen ganz aussergewöhnlichen optischen Reiz.Die Verpackung und das mitgelieferte Zubehör von Børresen sind erstklassig, aber für Lautsprecher dieser Preisklasse auch selbstverständlich.
Perfektion bis ins Detail: Diffusoren zur Verminderung von Strömungsgeräuschen.Gehäuse
Den Børresen 02 gibt es ausschliesslich in Nussbaum. Die Verarbeitung ist absolut tadellos. Borresen lässt die Gehäuse beim dänischen Hersteller Sino Factory herstellen. Dort ist man mit Dynaudio und Sonus Faber in guter Gesellschaft. Das Design weist dänische Züge auf – inklusive dem entsprechenden Understatement.
Positiv ist mir die «schraubenlose» Konstruktion aufgefallen. Man sucht Schrauben vergebens. Hier beschreitet Børresen einen teureren und anspruchsvolleren Weg. Die mattschwarze Front-Abdeckung ist massiv und bildet beim Hochtöner einen Wave-Guide mit dem Effekt, die Schallwand ein wenig zu verbeitern, damit die Wellenlänge der unteren Grenzfrequenz des Bändchens gerade noch unterschritten wird. Die Massnahme dürfte auch noch eine Schallverstärkung bewirken. Der Klopftest an der Front attestiert dem unbekannten Material bestmögliche Resonanzfreiheit.
Wenn man die Rückseite des Lautsprechers in Augenschein nimmt, fallen die Flaschenöffner-ähnlichen Aluminiumteile auf. Das sind eine Art von Diffusoren, welche die Strömungsgeräusche der Bassreflexöffnungen reduzieren sollen. Wie alles bei Børresen sind auch diese Teile speziell angefertigt und mit grosser Liebe zum Detail hergestellt.
Die eigentlichen «Stars» sind aber der Bändchen-Hochtöner und die Hightech-Tief-Mittelton-Chassis.
Das Hochton-Chassis
Der Hochtöner ist eine Weiterentwicklung des Philips-Bändchen-Hochtöners. Der offene Dipol-Magnetostat hat eine Folien-Membrane, die lediglich 0,01 g wiegt und aus einer Spezialfolie hergestellt ist. Das Magnetmaterial ist das extrem starke N-52 Super-Neodym. Es wird auch bei den Tiefmitteltönern verwendet. Der Wirkungsgrad beträgt sagenhafte 96 dB, die Impedanz liegt bei 6 Ohm.
Unscheinbar, aber ein technisches Schmuckstück: der Børresen-Bändchen-Hochtöner.Die Tiefmitteltöner
Die in den Børresen 02 verbauten 13-cm-Tief/Mitteltontreiber verfügen wie das Hochton-Bändchen über Magnete aus N-52-Neodym. Die Konus-Membran besteht aus einem 4 Millimeter dicken Nomex-Kern, beschichtet mit zwei Lagen ungewobener Carbonfaser des japanischen Herstellers Toray aus Osaka. Toray Industries fertigt unter anderem auch Flügelteile für die Formel 1 und beliefert die Flug- und Raumfahrtindustrie. Die verkupferte Aluminium-Schwingspule des Tiefmittelton-Chassis sitzt auf einem belüfteten Titan-Träger.
Der spektakuläre Tiefmitteltöner, hier in der Silber-Version.
Die hochwertige Frequenzweiche mit auffälligen SMT-Bauteilen.
Der Anschluss-Terminal (nur für Banana) und die Füsse Ansuz Darkz T2s im Detail.Hörtest und Fazit
Der Hersteller empfiehlt eine Mindest-Einspielzeit von 50 bis 100 Stunden. Der Lautsprecher soll erst nach 500 Stunden ca. 90 Prozent der erzielbaren Qualität erreichen. Gut Ding will also definitiv Weile haben.
Bei der Lautsprecherpositionierung empfiehlt der Hersteller einen Mindestabstand von 50 cm zur Rückwand. Im Hörraum von Alesca stehen die 02 frei im Raum, was meistens nicht der Wohnraum-Realität entspricht und damit auch den akustischen Raum in die Tiefe vorgaukelt – Raum, der auf den Tonaufnahmen gar nicht vorhanden ist.
Alessandro Calo empfiehlt eher 80 bis 90 cm Abstand zur Rückwand, immer in Abhängigkeit zur Raumgrösse sowie den verwendeten Materialien. Die Einwicklung zum Hörplatz war minimal, der Hersteller empfiehlt ein Stereo-Dreieck, das hinter die Hörperson ausgerichtet ist. Hier kann und darf natürlich experimentiert werden, ebenso beim Abstand zwischen den Lautsprechern. Aufgrund der grosszügigen Platzverhältnisse war der Abstand bei den Test-Lautsprechern 4 Meter, was sich aber nicht in jedem Hörraum realisieren lässt. Børresen empfiehlt eine minimale Basisbreite von 3 Metern.
Die Test-Anlage bestand aus Aavik-Komponenten. Die gesamte Verkabelung war von Ansuz und Stealth. Ein weiterer Testbericht zu Aavik und Ansuz ist geplant.
Grandioser Hörraum – ideal für den Hörtest!Den Anfang machten Gitarren-Aufnahmen, bei denen die 02 ihre erste Stärke ausspielte, nämlich die fast schon holographische Auflösung: Sie stellte die Gitarre greifbar in den Raum. Ich als «Auflösungsfan» war begeistert und sehr angetan.
Die 02 spielten auch bei höheren Pegel im Hochtonbereich absolut kontrolliert und behielten ihre Contenance. Nach längerem Hören wurde man richtig entspannt – ein weiteres Indiz, dass diese Lautsprecher einiges richtig machen. Zu analytische Lautsprecher klingen zwar während den ersten fünf Minuten meist spektakulär, ermüden dann aber ziemlich schnell. Nicht so die Børresen 02.
Stimmen kamen mit Schmelz und Wärme. Der Aavik-Vollverstärker konnte im Zusammenspiel mit dem Børresen-Speaker brillieren: Die Kombi klang rund und organisch, eine Traumpaarung, wie ich fand.
Weiter ging es mit Klavier: Die Kohärenz war vorbildlich. Die Basswiedergabe von schnellen Elektro-Impulsen («Strange Cargo», William Orbit) kamen schnell, präzise und mit dem nötigen Druck. 40 Hz als untere Grenzfrequenz würde ich so bestätigen. Noch weiter runter in den Bass-Keller gings aber nicht.
Um den Børresen 02 noch etwas mehr auf den Zahn zu fühlen, brachte ich für den Hörtest-Vergleich meinen Röhrenverstärker mit: 10 Watt Class A und Push-Pull. Wir verkabelten ihn mit der restlichen Anlage.
Der Klang war nun plötzlich gefühlt langsamer, schon fast gemütlich – die Børresen-Lautsprecher zeigten den Unterschied mit gnadenloser Deutlichkeit. Die 02 zeigte Monitor-Qualitäten und beschönigte nichts, ohne aber ins Analytische abzudriften.
Die Tonalität änderte sich im Mittel- und Hochton nur marginal, aber der Bass wurde aufgrund der limitierten Leistung des Röhrenverstärkers etwas lasch. Es hat sich klar herauskristallisiert, dass die 02 genügend Leistung und Kontrolle verlangt. Dann kommen auch die tiefen Bässe mit dem nötigen Druck und Präzision.
Je mehr Leistung, desto wohler fühlen sich diese Lautsprecher. Sie sind wie Hochleistungs-Rennpferde: Sie wollen und müssen gefordert werden.
Bei der zweiten Hörsession – ebenfalls im Alesca-Hörraum – waren noch zwei Redaktionskollegen mit dabei. Wieder beeindruckten die Auflösung, der Schmelz, die Räumlichkeit und der schnelle Bass der Børresen 02. Ich wanderte etwas im Hörraum umher und war beeindruckt, wie diese Wohnzimmer-tauglichen Lautsprecher den grossen Alesca-Hörraum problemlos mit Musik füllten. Es stellte sich so etwas wie Live-Feeling her, was in diesen Zeiten ohne Konzert-Veranstaltungen speziell wertvoll ist.
Die Bühnendarstellung der 02 war eher gross, und weil sie im Hörraum ohne Rückwand stand, war auch die Tiefe beeindruckend – vielleicht ein Ticken zu tief. Aber das wird sich mit einer Rückwand in einem normalen Hörraum auch wieder ändern.
Fazit
Michael Børresen hat mit seinem Drang nach Perfektion und der Suche nach der perfekten Lautsprecher-Technik viel erreicht. Die Børresen 02 sind aus meiner Sicht High-Performance-Lautsprecher im wahrsten Sinn des Wortes. Alles, wirklich alles wurde bis zur kleinsten Schraube neu ausgedacht und perfektioniert. Dass diese Perfektion ihren Preis hat, ist verständlich.
Mr. Børresen velkommen til Schweiz!