Kopfhörer mit exotischem Look und feinfühligem Klang: Ergo 2 II made in CH.Bei den meisten Kopfhörern scheint der Klangkörper, sei es eine Kirchenorgel oder eine Rockband, „im Kopf“ zum Konzert aufzuspielen. Fachleute sprechen in einem solchen Fall von „Im-Kopf-Lokalisation“. Und genau diese wirkt alles andere als natürlich. Nicht so bei den Ergo-Kopfhörern, die in den Modellen Ergo 1, Ergo 2 und Ergo AMT erhältlich sind. Aufgrund ihrer Konstruktion bieten sie ein Klangbild, das zwischen einem Lautsprecher und einem Kopfhörer einzuordnen ist. Die Musik löst sich vom Kopf und erscheint - ohne jegliche elektronische Kniffs - offen und weiträumig.
Vom Arbeits- zum Genuss-Gerät
Die Ergo Kopfhörer werden im Tessin von Precide SA hergestellt und sind eine Weiterentwicklung der legendären JJ Floats, welche über 20 Jahre von Precide produziert wurden. Der international bekannte Tonmeister Jürg Jecklin suchte ursprünglich einen Kopfhörer, den er stundenlang und ohne Lästigkeitserscheinen tragen konnte, um seine Aufnahmen ohne den störenden Einfluss einer Regie-Akustik beurteilen zu können. Da er einen solchen Hörer auf dem Markt nicht fand, konstruierte er kurzerhand sein eigenes, recht exotisch anmutendes Arbeitsinstrument. Relativ rasch entdeckten die Musikgeniesser diesen Musikspender, und er wurde zum Kult-Hörer.
Vom Elektrostat zum dynamischen Wandler
Der Ergo 2 II arbeitet mit dynamischen Wandlern und bekam eine neue "musikalischere" Stoffverkleidung für die Wandlerelemente.Anstelle der ursprünglich eingesetzten heiklen und sehr aufwendigen elektrostatischen Schallwandler, setzt Precide Boss Martin Dürrenmatt bei den Ergo 1- und Ergo 2-Modellen dynamische Treiber ein. So entfällt das separate Kästchen für die Speisung der Kopfhörer und der Preis ist wesentlich moderater.
Der Ergo 2 kostet 375 Franken, ist seit geraumer Zeit auf dem Markt, wurde gründlich überarbeitet und liegt nun in der Version „Mark II“ vor. Lange haben die Precide-Leute nach dem akustisch perfekten Material für die Verkleidung der Wandler-Elemente gesucht. Anstelle von Schaumstoff kommt nun eine „musikalische“ Stoffverkleidung der Wandler-Elemente zum Einsatz. Diese Änderung soll nicht nur im Bass, sondern über den gesamten Frequenzbereich positiv bemerkbar sein.
Form folgt Funktion
Folgende Punkte ermöglichen den Tragekomfort dieser Hörer-Art:
- Das mit 380 Gramm nicht gerade niedrige Gewicht des Kopfhörers wird grossflächig auf den weniger empfindlichen Stellen des Kopfes verteilt. Die Kopfhaut kann dank des verwendeten hochwertigen Schaumstoffes normal weiter “atmen”.
- Das seitliche Schaumstoffpolster liegt leicht hinter der Ohrmuschel auf. Diese wird nicht deformiert und kann die akustische Information vollständig ans innere Ohr übertragen.
- Die relativ breiten Lautsprecherschalen sind so angeordnet, dass sich ein optimaler Abstrahlwinkel für die Wandler zum Gehör ergibt.
- Diese Anordnung gewährleistet nebenbei auch die freie Luftzufuhr von unten, die Ohrmuschel wird nicht unnatürlich erwärmt.
Die Ohrmuschel hört mit
Trotz grossem Gerät, behält Mann/Frau einen kühlen Kopf...Beim herkömmlichen Kopfhörer werden die Hörer-Muscheln entweder an den Kopf angepresst oder umschliessen die Ohr-Muschel. So wird sie in ihrer natürlichen akustischen Funktion drastisch beeinträchtigt. Der Schall wird von kleinen Lautsprechersystem direkt in den Gehörgang „gepumpt“. Die wichtigen sogenannten „zweiten Schallinformationen“ - die Reflexionen an der Gehörmuschel - werden dem inneren Ohr teilweise oder ganz vorenthalten. Der Wärmestau verursacht zudem eine unnatürliche Ohrmuschelwärme. Wer das Gefühl hat, der Hörer sitze zu lose am Kopf und wackle, kann den Bügel mit dem Föhn etwas erwärmen, den Bügel nach Bedarf justieren und in dieser Form erkalten lassen. Der Hörer soll aber nicht auf die Ohren drücken.
Ausgewogen und edel
Nicht nur an HiFi-Verstäkern kann der Ergo 2 II seine Fähigkeiten entfalten, sondern auch an guten (!) Music-Playern und FLAC - geripptem Klangmaterial.Der Ergo 2 II besitzt eine gute Empfindlichkeit und benötigt keine Kraftwerke, um einen ausreichenden Schallpegel liefern zu können. So entfaltet der Ergo 2 II seine Fähigkeiten, dank pflegeleichten dynamischen Wandlern, nicht nur an speziellen High-End-Kopfhörer-Verstärkern. Auch an normalen Kopfhöreranschlüssen von Vollverstärkern ist er im Element. Ja sogar mit meinem Philips GoGear MP4-Player Muse, ist es eine wahre Freude in FLAC gerippte CDs anzuhören.
Klanglich wirkt der Ergo 2 Mark II immer edel, ausgewogen und räumlich. Fremd sind ihm sogenannte Strohfeuer-Effekte wie hochbrillante, zischelnde Höhen und sogenannt „zwerchfellerschütternde“ Tiefst-Bässe, die im ersten Moment begeistern, nach kurzer Zeit mit ihrem berüchtigten „Zisch-Bumm-Sound“ unglaublich nerven.
Streicher bringt er ohne Härten, edel und rein. So oft klingen ja hochbrillante und sogenannt „hochauflösende“ Hörer gerade bei hohen Streicherlagen überzeichnet und damit unangenehm kratzbürstig. Nicht so der Ergo 2 II, der stets sanft und diskret wirkt und keine Tonlage bevorzugt. Also genau das Richtige für Leute, die grelle, zischelnde Klänge verabscheuen.
A propos Streicherwiedergabe: Die Frau von Precide-Boss Martin Dürrenmatt, die aus Japan stammende professionelle Violinistin Mieko Dürrenmatt, war bei der klanglichen Auslegung der Ergo-Kopfhörer massgebend beteiligt.
Trotz seines diskreten Auftretens wirkt der Ergo 2 II keineswegs unspektakulär, denn seine Räumlichkeit ist für einen Kopfhörer echt beeindruckend. So ist hier das Abhören einer grossen Kirchenorgel ein wesentlich überzeugenderes Erlebnis als mit einem konventionellen Hörer, bei dem die Akustik eines grossen Domes in den relativ kleinen Raum zwischen den beiden Ohren gequetscht wird.
Nach dem bisher gehörten ist aber auch klar, dass Freunde des aufpeitschenden Panik-Sounds hier an der falschen Adresse sind. Der Ergo2 II ist eher ein feinfühliger Klassiker als ein brachialer Technostar. Doch kann er bei gediegenem Jazz und rock-poppigen Sounds die Musikgeniesser locker vom Hocker reissen und herrlich entspannt swingen, ohne sensible Ohren durch grelle Sounds zu peinigen.
Fazit
Dem immer edel und ausgewogen klingenden Ergo 2 II sind Strohfeuer-Effekte wie zischelnde Höhen und Dröhnbässe fremd. Er ist eher ein feinfühliger Klassiker, als ein aufpeitschender Technostar. Ein richtiger Meister in Sachen entspanntem Langzeithören.