DJ minus8 ist nicht nur ein erfolgrecher DJ, sondern auch ein Kenner der Kopfhörer-SzeneDie trendigsten Kopfhörer, die heute vor allem bei der Jugend sehr beliebt sind, werden auf eine ganz bestimmte Art vermarktet: Bei diesen sogenannten „Urban-Kopfhörern“ suggeriert man dem jungen Konsumenten, dass in diese Produkte das grosse Know-How der besten DJs dieser Welt eingeflossen ist.
Wer könnte besser geeignet sein um nachzuprüfen, ob diese Versprechungen den Tatsachen entsprechen oder reine Werbeargumente sind, als ein DJ?
So besuchte Hans Jürg Baum den DJ minus8 und erfuhr Dinge, die seinen Horizont als HiFi-Tester deutlich erweiterten.
Wieso ist der Kopfhörer für einen DJ so wichtig?
Der DJ hat die Aufgabe, zwei Musikstücke einander anzugleichen. Eines wird gerade gespielt und kommt über die Beschallungsanlage. Das darauf folgende Stück muss der DJ punkto Tempo an das vorhergehende angleichen und dann den richtigen Moment finden, um es synchron zum laufenden Stück hinein zu spielen. Um das zu machen, muss der DJ sogenannt „vorhören“ können. Und dafür braucht er unbedingt einen Kopfhörer.
Spielt der Klang noch eine Rolle?
Robert Meyer ist nicht nur DJ, sondern auch Musiker und hat etliche Alben produziert.Braucht der Hörer zum Vorhören eine bestimmte, minimale Klangqualität, oder spielt der Klang keine Rolle?
Nein! Der Hörer muss wirklich gut sein, denn der DJ hört auf die ganz tiefen Frequenzen des Bass-Kicks. Man nimmt den laufenden Bass-Kick als Orientierung und gleicht den Kick des nächsten Stückes an ihn an, damit sie, wie schon erwähnt, synchron weiterlaufen. Deshalb muss bei einem DJ-Hörer der Bassbereich nicht unbedingt lauter, jedoch sehr präzis sein.
Nach welchen Gesichtspunkten wählst Du Deine Hörer aus?
Ich habe ein Musikstudio, und ich bin auch noch DJ. Und da werden verschiedene Hörer gebraucht. Zudem gibt es noch die Reise-Kopfhörer. So habe ich drei verschiedene Arten von Kopfhörern. Zum Reisen muss er leicht und bequem, im Studio absolut linear sein. Beim DJ machen gibt es zudem drei wichtige Faktoren: Gewicht, Tragkomfort und die Lautheit. Diese Anforderungen erfüllen nur spezielle DJ-Hörer.
Was gibt es für etablierte DJ-Hörer auf dem Markt?
Es gibt hauptsächlich deren vier: Sennheiser HD 25, Technics RP-DJ 1200, den Sony MDR-V700 und den HDJ-1000 von Pioneer. Das sind die vier Kopfhörer, die fast jeder Profi-DJ dieser Welt benutzt. Mit Betonung auf Profi!
Weshalb ist bei einem DJ in action immer eine Hörer-Muschel am Ohr, die andere weggeklappt?
Das ist, weil man zwei Quellen synchronisieren muss. Man hat im Prinzip drei Quellen: Die grossen Lautsprecher, welche die Besucher hören, die Monitor-Lautsprecher, mit denen der DJ weiss, was beim Publikum abgeht und die eine Kopfhörermuschel, mit der der DJ das nächstfolgende Stück vorhören muss.
Ist es ein Muss, dass bei einem DJ-Hörer die eine Muschel weggeklappt werden kann?
Das ist ein weiterer Punkt: Der DJ-Hörer muss gewisse Bewegungen der Ohrmuschel erlauben können, und zwar blitzschnell und das zigtausend mal ohne kaputt zu gehen. Der DJ-Hörer muss somit ein zusätzliches Gelenk haben.
Profi- oder Pseudo-DJ-Hörer?
Könnte ein DJ mit einem solchen Hörer tatsächlich arbeiten?Den Zinken Kopfhörer hat man avguide.ch als „typischer DJ-Kopfhörer“ zum Test gebracht. Könnte ein DJ tatsächlich damit arbeiten, oder ist das ein reines Werbeargument?
Ein DJ könnte damit nicht arbeiten. Vom Gewicht und Tragkomfort würde er schon passen. Auch das flexible Kabel würde passen. Doch das Gelenk zum Wegdrehen der Muschel ist nur ansatzweise vorhanden.
Wie steht es denn mit dem Klang. Hat der dumpfe Klang dieses Hörers auch etwas mit der DJ-Arbeit zu tun?
Für einen DJ-Profi wäre er sicher nicht gut genug! Um richtig auflegen und einen schönen Mix machen zu können, muss man doch sehr differenziert hören können. Und wenn der Klang nicht ganz präzis und differenziert ist, sondern eher schwammig oder gar brummig, kann ein Profi nichts damit anfangen.
Wenn Du jetzt die Wahl hättest zwischen einem Sennheiser Momentum und einem Zinken, welchen würdest Du eher zum Arbeiten nehmen?
Vom Gewicht, vom Aussehen, von der Bequemlichkeit und natürlich vom Klang her würde ich den Momentum nehmen.
Weshalb haben denn die nicht sehr gut klingenden Hörer wie ein Zinken oder ein beats solo HD von Dr.Dre bei den Jungen einen derartig durchschlagenden Erfolg?
Die Jungen wollen diese Hörer haben, weil sie eben modisch, ja trendy sind.
Wie wird eine solche Mode gemacht?
Wenn einer auf der Strasse mit wahnsinnig hellblauen Schuhen dahergelaufen kommt, dann ist das entweder absolut hässlich und niemand will es. Wenn es aber eine Ikone, also ein Popstar ist, der diese auffallenden Schuhe trägt, könnte es sein, dass plötzlich alle diese Schuhe haben möchten.
Das ist natürlich irrational und das Phänomen der Mode. Bei Kopfhörern ist das genau so. Das habe ich in Paris vor einigen Jahren gesehen: Ärmere Jugendliche, die sich fast nichts leisten konnten, kauften sich für sehr viel Geld einen solchen Kopfhörer. Als ich in einen solchen Hörer reinhörte, musste ich feststellen, dass das lediglich ein Lifestyle Accessoire ist, das man wie ein iPhone oder wie eine teure Brille trägt. Aber um dabei sein zu können, muss man das haben. Die Hörer dienen nicht immer zum Musikhören. Man träg sie eher wie Schmuck.
Da kommen wir zu zwei entscheidenden Punkten: Sind diese Produkte überteuert, und ist der Klang überhaupt noch ein Thema?
Diese Punkte haben mich aufgeregt. Ein Hersteller nimmt einfach den Namen vom Hip Hop König Dr.Dre, um preislich in neue Bereiche vorzustossen. Wer zum Beispiel bei Sennheiser einen Hörer für weitaus weniger Geld kauft, bekommt ein viel besser klingendes Produkt. Das heisst, die haben für die Jungen ein neues, klanglich minderwertiges Lifestyle-Produkt kreiert, das klar überteuert ist, jedoch sehr gut aussieht und punkto Design echt etwas Neues bringt. Das muss man den Kopfhörern von Dr. Dre zugute halten: dass sie das langweilige technische Aussehen der etablierten Kopfhörern mit einem gelungenen Design konkurrenzieren.
Der Klang ist kein Thema mehr
minus 8 ist schon lange DJ und hat vielfach die Erfahrung gemacht, dass die Musik in der Regel fast niemanden wahnsinnig interessiert. Mehr interessiert das Image, ob man eine Musik gut findet und somit zu einer Szene gehört.Haben sich denn die Hörgewohnheiten der jungen Hörerschaft geändert?
Ja sicher, die Jungen von heute hören eigentlich nur noch mit dem Laptop oder mit einem Handy, und dies erst noch in MP3 mit schlechter Auflösung.
Kann man von einer Degeneration der Hörqualität sprechen, und wie steht es mit der Musik als solcher?
Beide werden immer schlechter. Das Musikmachen ist viel einfacher geworden. Früher brauchte man ein Tonstudio, heute braucht es lediglich einen Laptop für ein Paar hundert Franken. Jeder Trottel kann heute Musik machen und die grosse Masse ist eher schlecht. Aber es gibt auch heute noch viele gute, interessante und wegweisende Produktionen.
Kaufen die Jungen diese Hörer weil sie Kultobjekte sind oder wegen ihres Interesses an der Musik?
Ich bin ja schon lange DJ und habe vielfach die Erfahrung gemacht, dass die Musik in der Regel fast niemanden wahnsinnig interessiert.
Mehr interessiert das Image, ob man eine Musik gut findet und somit zu einer Szene gehört. Oder wichtiger als die Musik ist der Ort, wo man die Leute trifft, die man kennen lernen will. Meist sind die Leute zufrieden, die Musik zu hören, die sie bereits den ganzen Tag schon im Radio gehört hatten. Neue unbekannte Musik zu entdecken, ist selten ein Anliegen der Clubgänger.
Ich danke Dir Robert! Du hast meinen Horizont echt erweitert!