Klangschloss Greifensee 2026: Zwischen Bewährtem und neuen Aha-Momenten.Es gibt Events, die mit viel Spektakel und Bling-Bling um Aufmerksamkeit kämpfen – und es gibt das Klangschloss Greifensee. Wer einmal die knarzenden Dielen, das Lichtspiel im Treppenhaus oder diesen feinen Klangnebel im ehrwürdigen Schloss und im Landenberghaus erlebt hat, weiss, dass hier Genuss, Neugier und Entschleunigung die eigentlichen Headliner sind. Viele Aussteller kennt man noch aus dem letzten Jahr, die meisten Räume sind stabil vergeben, und doch bleibt die Spannung: Was ist diesmal neu, was klingt diesmal ganz anders?
Markus Thomann, der Kopf hinter dem Klangschloss, rief vor 20 Jahren die aussergewöhnliche Veranstaltung im Schloss Greifensee ins Leben.Schon beim Schlendern durch die historisch aufgeladenen Flure stellt sich eine eigentümlich entspannte Betriebsamkeit ein. Man begegnet vertrauten Gesichtern – Aussteller, die sich längst in «ihrem» Raum etabliert haben, Besucher, die scheinbar jedes Jahr da sind. Trotzdem ist das Publikum – in diesem Fall über 800 Personen – offen für alles, was Klang neu erlebbar macht. Die Atmosphäre war wieder authentisch, fast schon familiär. Es gilt wie immer: weniger ist mehr, Qualität steht vor Quantität, Smalltalk und Fachgespräche sind ein Selbstverständnis – und der Triumph der Langsamkeit steht über der üblichen HiFi-Messe-Hektik.
Und dennoch: Ganz ohne frische Impulse ging es im Jubiläumsjahr 2026 natürlich nicht. Ein besonders schöner Aha-Effekt war das neue Blind-Date-Format. Hier wurden die Besucherinnen und Besucher eingeladen, einen anonym aufgestellten Lautsprecher in einem eigenen Raum per Hörtest zu beurteilen. Und zwar ganz ohne Blick aufs Fabrikat oder Preisschild. Die Idee: An jedem der drei Tage stand eine andere Frage im Raum, etwa: «Wie gross ist die Box?», «Was kostet so ein Lautsprecher?» oder «Wie alt dürfte das Modell sein?» Das bringt eine erfrischende Ehrlichkeit zurück ins Hobby: Es zählt nur der Klang und die Intuition, nicht ein Marken-Nimbus oder Technik-Bingo. Und es macht ganz nebenbei auch Laune beim Mitraten und Fachsimpeln.
Blind-Date-Format: Besucher beurteilten anonym aufgestellte Lautsprecher per Hörtest – ohne Sicht auf Fabrikat oder Preis.Zur DNA des Events gehört längst das Live-Sessions-Format. Die Landenberg-Sessions glänzten auch dieses Mal mit einem Line-up spannender Musikerinnen verschiedenster Stilrichtungen und Sprachräume: Stefanie Boltz (Jazz-Pop), Martina Linn (Folk-Pop) und Marcela Arroyo (Tango-Jazz) sorgten für echte Live-Atmosphäre. Das Konzert wurde mit höchstem Aufwand in der straight2tape-Doppel-LP-Tradition aufgezeichnet. Dank HiRes-Stream bekam man die Session am selben Tag auch in anderen Vorführräumen, hochauflösend und zeitversetzt, auf die Ohren.
Auch spannend: Nach dem Konzert übernahm Aufnahmeleiter Ralph Zünd höchstpersönlich. Er spielte im Konzertsaal die sehr puristisch mit zwei Kanälen via Jecklin-Scheibe direkt auf Band und parallel auf einen HD-Recorder aufgezeichnete Musik über das absolute Top-System Cabasse La Sphère EVO ab. Viele blieben noch zum entspannten Probehören und konnten erleben, wie realistisch Live- und High-End-Reproduktion wirken.
Martina Linn im Konzert …
… und beim anschliessenden Abhören mit Studio- und Live-Sound-Engineer Ralph Zünd im Landenberg-Konzertsaal. (Foto: Stefan Schickedanz)
Martina Linn und ihre musikalische Begleitung (v. l.): Clemens Kuratle, (Perkussion) und Rafael Jerjen (Bass).
Marcela Arroyo mit der Akkordeonistin Patricia Draeger und dem Gitarristen Quique Sinesi boten Tango-Jazz. (Foto: Stefan Schickedanz)Vinyl-Fans zog es wie gewohnt ins Landenberghaus neben dem Klangschloss: Die dort angesiedelte AAA-Schallplattenbörse war einmal mehr das Paradies für Sammler, und im Analog-Bistro stieg direkt das nächste Fachgespräch in entspannter Atmosphäre. Wer nicht Kisten wälzen wollte, gönnte sich zwischen den Sessions eine Pause oder tauchte im Begleitprogramm ab: Die Vorträge im Kirchengemeindehaus gehören inzwischen fest zur Angebotspalette. Das Spektrum reichte 2026 von klassischer BBC-Thinwall-Technik, vorgetragen von Paul Graham und Derek Hughes (den Köpfen hinter Graham Audio), über zeitrichtige Lautsprecher und Klassiker-Rockthemen bis hin zur Faszination mechanischer Musikinstrumente.
HiFi-Journalist Lothar Brandt war mit seinem Vinyl-Kultur-Vortrag voll in seinem Element. (Foto: Stefan Schickedanz)So erfindet sich das Klangschloss immer wieder ein wenig neu, ohne das Bewährte zu verlieren. Wer wiederkehrt, weiss, was ihn erwartet, und freut sich trotzdem jedes Jahr auf neue Entdeckungen, kleine Überraschungen und entspannte Stunden im Zeichen des guten Klangs. Und ja: Die wirklich aufregenden Momente passieren meist dann, wenn man im richtigen Augenblick einfach mal zuhört. Und zwar ganz egal, was gerade auf der Anlage läuft.
Musikanlagen-Highlights
In einem grossen Saal des Klangschlosses wurde schnell klar, warum dieser Ort seinen Namen nicht als Marketing-Gag trägt. Wilson Audio Sabrina als Standlautsprecher, dazu Elektronik von Dan D’Agostino: Das Set-up spielte gerade auch im Bass mit einer Selbstverständlichkeit, die man nicht herbeireden muss. Keine spektakuläre Effekthascherei, sondern eine rundum stimmige, praktisch perfekte Vorstellung, bei der Timing, Kontrolle und Raumabbildung ineinandergreifen, als würde das Schlagzeug wirklich vor einem stehen. Ein akustisches Highlight, das den Charakter des Klangschlosses auf den Punkt bringt: Musik zuerst, Technik als Werkzeug, und am Ende dieses seltene Gefühl, dass alles genau dort sitzt, wo es hingehört.
Versuchung in Rot: Wilson Sabrina mit Elektronik von Dan D’Agostino. (Foto: Stefan Schickedanz)Illusonic zeigte im Klangschloss sein 3-Kanal-Stereo-Konzept – eine Idee, die historisch tatsächlich bis in die späten 1950er-Jahre zurückreicht, als man bei der Entstehung der Stereofonie bereits über einen zusätzlichen Center-Kanal diskutierte. Der Unterschied heute ist, dass Illusonic das Thema nicht als Theorie behandelt, sondern als praxistaugliche Lösung: Durch jahrelange Entwicklungsarbeit gelingt dem Unternehmen aus Uster in seinen Klangprozessoren ein natürlicher Upmix von zwei auf drei Kanäle, der die Räumlichkeit hörbar stabilisiert und den klassischen «Sweet Spot» im Alltag deutlich relativiert.
In der Vorführung, kombiniert mit dem neuen Lautsprecher Klangwerk VOCE, entstand eine extrem homogene, realistische Klangbühne. Diese behielt ihre Balance und ihren Charakter auch dann, wenn man sich seitlich versetzte oder nicht exakt in der Idealposition befand. Genau das ist der Reiz dieser 3-Kanal-Idee: weniger «Punktgenauigkeit für einen Sitzplatz», mehr glaubwürdige Abbildung für mehrere Hörer im Raum.
Christof Faller von Illusonic bei der Vorführung mit 3-Kanal-Stereophonie über die neuen Klangwerk VOCE. (Foto: Stefan Schickedanz)Sven Boenicke brachte aus Basel seine Boenicke Audio W5 mit ins Schloss Greifensee. Dort gaben sie unter anderem mit ausgesprochen authentischen Chor-Klängen eine erwachsene Vorstellung in einem grossen Saal im Obergeschoss.
Die Boenicke W5 vor grossem Publikum. (Foto: Stefan Schickedanz)Im gleichen Raum spielte im Wechsel auch die High-End-Soundbar von Weiss Engineering: Die neue LIVEBOX ist als eigenständiges Music-Center gedacht. Der mit einem Grammy ausgezeichnete Digital-Experte Daniel Weiss setzt bei dem in Kooperation mit PSI Audio und Illusonic entwickelten Lautsprecher auf Crosstalk-Cancelling. Dabei handelt es sich um eine Signalverarbeitung, die den Übersprechanteil zwischen linkem und rechtem Ohr reduziert. Das Ziel ist nicht «mehr Effekt», sondern eine ortungsstabilere Abbildung, bei der Instrumente und Stimmen weniger an den Lautsprechern kleben und sich im Raum glaubwürdiger verankern.
Weiss LIVEBOX, die Soundbar mit Cross-Talk-Cancelling beschreitet neue Wege. (Foto: Stefan Schickedanz)Ralf Zeiler knüpft mit seinen SP 01 an die Direktheit klassischer Koax-Lautsprecher von Tannoy und Altec an, übersetzt das Konzept jedoch in eine moderne Form. Das Ergebnis konnte man im Klangschloss im gleichen Raum wie im letzten Jahr erleben: einen sehr unmittelbaren, dynamischen Klang mit hoher Spielfreude, der dank effizientem Wirkungsgrad auch bei kleinen Pegeln lebendig bleibt und eine stabile, kohärente Abbildung bietet.
Die Zeiler SP 1 wandelt auf den Spuren von Tannoy und Co. (Foto: Stefan Schickedanz)
Die legendären Punktstrahler von Manger spielten gemeinsam mit Wattson-Elektronik und gaben eine solide Vorstellung.Der Pawel Acoustics EMT JPA 66 MK3 wurde gemeinsam von Harry und Markus Pawel sowie Jules Limon entwickelt. Bis heute entsteht er in Schweizer Handarbeit. Viele Klangschloss-Gäste kannten die Röhrenvorstufe bereits aus dem Vorjahr, und gerade das passt zur Messe-DNA in Greifensee: Man begegnet nicht nur Neuheiten, sondern auch wiederkehrenden Referenzen, an denen sich Gespräche, Vergleiche und Hör-Erinnerungen festmachen lassen.
Der Pawel Acoustics EMT JPA 66 MK3 mit seinem stolzen Schöpfer Harry Pawel. (Foto: Stefan Schickedanz)Mit Nagra und Stenheim trafen im Klangschloss zwei Schweizer Klang-Legenden aufeinander – und selten war der Begriff «Vorführung» so treffend. Denn hier ging es nicht um HiFi als Selbstzweck, sondern um diesen einen Moment, in dem Musik zu leben beginnt. Über diese Westschweizer Kombination aus Nagra-Elektronik und Stenheim-Lautsprechern sprang eine historische Harry-Belafonte-LP, Ende der 1950er-Jahre live in der Carnegie Hall mitgeschnitten, mit einer derart verblüffenden Abbildungspräzision und Plastizität in den Raum, dass man Belafonte förmlich vor sich auf der Bühne sah.
Nagra und Stenheim …
... bündelten ihre eidgenössischen Kräfte für eine starke Performance. (Foto: Stefan Schickedanz)Die in der Schweiz von Martin Gateley gefertigten Lautsprecher von Sound Kaos zeigten im Zusammenspiel mit Elektronik vom südkoreanischen Hersteller Enleum, was feinsinnige Abstimmung bedeutet. Die Standbox Vox 5 spielte sich mühelos in den Vordergrund, während die kompakte Vox 3 an der Seite auf ihren Moment wartete – eine Demonstration audiophiler Vielfalt und internationaler Kooperation.
Die Sound Kaos Vox 5 in Aktion. (Foto: Stefan Schickedanz)
Blick in die Kopf-Hör-Küche, wo das Publikum den Schöpfungen von Jörg Jecklin die Ehre gab. (Foto: Stefan SchickedanzMit der Piccolo MK2 zeigte Clarisys im Klangschloss, wie viel High-End-Potenzial in einem vergleichsweise kompakten Flächenstrahler stecken kann. Der Lautsprecher setzt auf ein durchgängiges Bändchenkonzept mit Kapton/Aluminium-Membranen in echter Dipol-Bauweise, sprich, eine Kombination, die vor allem auf Schnelligkeit, Feinauflösung und Offenheit zielt.
Die Flächenstrahler von Clarisys in Aktion. (Foto: Stefan Schickedanz)Die in Deutschland von Urgestein Karl-Heinz Fink entwickelten 2-Wege-Lautsprecher Fink Team Borg gaben mit ihrem wieselflinken Bändchen-Hochtöner eine starke Vorstellung an einer Armada von Goldnote- und Rotel-Komponenten.
Fink Team Borg (aussen) in der Vorführung. (Foto: Stefan Schickedanz)Fazit
Das Klangschloss Greifensee bleibt auch im 20. Jahr eine Ausnahmeerscheinung. Nicht, weil hier die meisten Neuheiten stehen oder die spektakulärsten Set-ups aufgebaut werden – sondern weil die Veranstaltung konsequent anders läuft. Weniger Messe, mehr Erfahrung. Weniger Show, mehr Substanz.
Gerade im Jubiläumsjahr wird deutlich, wie gut dieses Konzept funktioniert. Das neue Blind-Date-Format bringt eine fast schon verlorene Ehrlichkeit zurück ins Hobby. Plötzlich zählt wieder das, was wirklich entscheidend ist: das eigene Hören. Gleichzeitig zeigen die Landenberg-Sessions und der direkte Vergleich von Live-Musik und Wiedergabe, wie nah High-End heute an das Original herankommen kann – und wo die Unterschiede bewusst bleiben.
Unter dem Strich zeigt das Klangschloss 2026, dass Fortschritt nicht zwingend laut oder spektakulär sein muss. Manchmal reicht es, gute Ideen weiterzudenken, neue Perspektiven einzubauen und den Kern nicht aus den Augen zu verlieren. Oder einfacher gesagt: Wer wissen will, worum es bei High-End wirklich geht, ist hier auch nach 20 Jahren nach wie vor genau richtig.