Im Vorführraum werden die Produkte von Dali aufgefahren. Dali (Danish Audiophile Loudspeaker Industries) produzierte 2016 250'000 Lautsprecher, was einem Umsatz von 90 Mio Euro entspricht. Der Exportanteil liegt bei 93 %. Seit 1990 gibt es die Lautsprecher unter der Eigenmarke Dali. Davor produzierte der Hersteller ausschliesslich für die Marke Hi-Fi Klubben, einem grossen Netzwerk von HiFi-Studios in Skandinavien und neu auch in Deutschland.
Dänemark ist mit gut 5 Millionen Einwohnern ein traditionelles HiFi-Land. Vielleicht hängt das mit dem windigen Wetter zusammen, das die Menschen in ihre Wohnungen treibt – Dänemark erlebte gerade den schlimmsten Sommer aller Zeiten. Jedenfalls hat HiFi dort Tradition, und Menschen aller Alterskategorien wissen dort immer noch, wie Stereo im Wohnzimmer klingt und wie erstrebenswert ein gutes Musikerlebnis ist. Warum soll man schlechten Sound hören, wenn es guten gibt?
Dänemark brachte aber auch grosse Wissenschaftler hervor, ohne die es die Musikwiedergabe nicht gäbe: Hans Christian Oersted entdeckte den Elektromagnetismus. Valdemar Poulsen erfand das Magnettongerät, und Peter L Jensen baute den ersten elektrodynamischen Lautsprecher.
Der Hauptaktionär von Dali ist Peter Lyngdorf. Ein Besitzerwechsel der Unternehmensgruppe, zu der auch Hi-Fi Klubben gehört, ist nicht in Sicht. Gottlob, denn Übernahmen von traditionellen Herstellern durch neue Investoren hinterlassen zurzeit den Beigeschmack der Vernachlässigung traditioneller Qualitätswerte. Ich vermeide eine Aufzählung der jüngsten Entwicklung und der Akteure.
Traditionsherstellern ging schon öfter das Geld aus. Neue Investoren waren willkommen, deren Beweggründe und Pläne vielleicht weniger. Die Existenzen sind zwar gesichert, aber die künftige Marschrichtung kann sich nach der Übernahme deutlich ändern.
Auch Dali steht vor Herausforderungen. Die zunehmende Banalisierung des Begriffs «Wiedergabequalität» bei vielen Konsumenten steht im Widerspruch zu den Kernkompetenzen des Unternehmens: Passive Lautsprecher, die immer besser klingen dank konstanter Verbesserungen in allen Bereichen: Eigene Schallwandler, Gehäuse, Frequenzweichen.
Gerade deshalb ist man sehr gespannt auf den bevorstehenden Rollout des neuen Callisto-Systems: Digital, aktiv, wireless und ... audiophil. Das ist der erste grosse Streich von Dali in die digitale Zukunft, ohne klangliche Kompromisse.
Best in Class-Philosophie
Kim Kristiansen erklärt den Einsatz von Soft Magnet Compound zur Verbesserung der eigenen Treiber.R&D-Chef Kim Kristiansen verwendete viel Zeit darauf, zu erläutern, wie Dalis Lautsprechertreiber ständig verbessert werden. Dali entwickelt und produziert die Tiefton-und Tief/Mittelton-Treiber selbst, teilweise in Dänemark, aber auch auf der verlängerten Werkbank in China. Die Qualität ist identisch, denn Dali-Fachleute überwachen die Fertigung im Reich der Mitte.
Hochton-Treiber werden von Scan-Speak hergestellt. Dali bewegt sich stressfrei und ohne Zeitdruck in Richtung einer Eigenfertigung der diffizilen Hochtöner. Man will Abhängigkeiten von Zulieferern in diesem wichtigen Bereich verringern.
Der Entwicklungsschwerpunkt bei den Treibern heisst SMC (Soft Magnet Compound). Dieses Magnetmaterial verfügt über geringere Hysterese-Verluste. Zum Glück ist mir das noch in Erinnerung aus meiner elektrotechnischen Grundausbildung: Die Verringerung dieser Verluste führt zu deutlich weniger Verzerrungen und weniger Belastung für die Verstärker. Im Endeffekt führt es zu besserem Klang.
Gerade in einer Zeit der permanenten Superlative beeindruckte mich eine Aussage von Kim: «Wir behaupten nicht, die besten Lautsprechertreiber zu bauen, den so etwas gibt es wohl nicht, aber wir bauen die besten Lautsprechertreiber für Dali.»
Eine Mikroskop-Kamera hilft bei der exakten Positionierung der Klebestellen in der Prototypen-Fertigung der Hochtöner aus Eigenfabrikation.
Mit dem Monitor können die Verfahrenstechniker die Positionierung optimieren.Gewinnung neuer Kundensegmente
Inez Bukdahl erklärt, wie Dali jüngere Kunden auf die Bedeutung von guter Musikwiedergabe sensibilisiert.Dalis grosse Herausforderung im Marketing ist die Gewinnung zukünftiger Kunden. Zur Zielgruppe gehören junge Menschen, welche die Qualität nicht mehr verstehen oder erfahren, jedoch sehr wohl in der Lage sind, gute von schlechter Qualität zu unterscheiden.
Ein wichtiges Element dieser Überzeugungsarbeit ist das Endorsement von Popgrössen wie der Skandinavier Lukas Graham (Band). Solche glaubhaften Idole erklären ihren Fans, wie wichtig gute Musikwiedergabe für sie ist. Das zeigt Wirkung. Im Gegenzug half Dali Lukas Graham vor drei Jahren, seine Karriere in Schwung zu bringen.
Dali engagiert sich auch als Produzent und gibt jungen, talentierten Musikern die Chance, ihre Musik professionell zu produzieren. Im Gegenzug darf Dali ihre Musik auf den Dali-Demo CDs verwenden, wobei die Rechte bei den Musikern verbleiben. Dali fördert Musiker mit dem Ziel, dass die Musiker eine Qualitätsbotschaft nach aussen tragen. Keine Show: Die wissen was gut ist.
Fertigung und Logistik
Die Produktion ist fest in Frauenhand.Dali verfügt über eine grosse Fertigungstiefe und eine noch grössere Entwicklungstiefe. Letztere sieht man am Beispiel einer von Dali entwickelten Holzschraube (aus Stahl), mit der fast alle Komponenten mit den Holzgehäusen verschraubt werden. Bei dieser unscheinbaren Schraube hat man alles perfektioniert, was es für diese Schraubverbindung zu perfektionieren gibt. Sie erlaubt den perfekten Sitz der Treiber im Gehäuse und lockert sich auch nach Jahren des Betriebs nicht.
Dali kann alles inhouse fertigen, vom Lautsprechertreiber zu den Frequenzweichen bis zu den Gehäusen. Sie tun es aber nicht immer. Komplexe Lautsprechergehäuse werden von externen Spezialbetrieben gefertigt und intern poliert. Es lohnt sich nicht, in diesem Bereich eigene Kompetenzen zu schaffen. Hochtontreiber kommen von Scan Speak. Die verlängerte Werkbank in China produziert ebenfalls alles selbst unter den Argusaugen der Dali-Spezialisten vor Ort.
Die Montage ist in Frauenhand. Frauen arbeiten exakter und sorgfältiger als Männer, lautet die simple Erklärung bei Dali. Unterstützt werden sie punktuell von Robotern, die zuführen oder das Bewegen der schweren Gehäuse erleichtern.
Die Logistik ist gigantisch. Die Lagerhallen werden immer voller mit Blick auf das bevorstehende Weihnachtsgeschäft. Stapler sausen durch die Hallen und stellen die Paletten scheinbar zufällig an freie Plätze, und nur das System weiss, wo sie sich befinden, so dass sie später wieder geladen werden können. Ein grosser Teil des Lagers ist für die eigene Handelskette Hi-Fi Klubben bestimmt.
Auch hier kommt die magische Schraube zum Einsatz.
Das System zeigt dem Staplerfahrer, wo er entladen oder laden muss.Höreindrücke
Dali Epicon 2: Alles andere als nordisch kühl.Dali verfügt über mehrere Vorführräume für Heimkino- und Stereo-Demonstrationen. Sie dienen in erster Linie der Entwicklung und Optimierung. Im Zuge des Neubauprojekts entstehen noch mehr dieser Räume.
Die erste Vorführung war ein Home-Cinema-Set-up mit Dolby Atmos, erzeugt durch insgesamt 11 Lautsprecher. Es klang vortrefflich. Die 11 Lautsprecher kosten allerdings in Summe nur 3000 Euro, und das beeindruckte die Teilnehmer noch viel mehr.
Bei der zweiten Vorführung ging es um die Phantom-Lautsprecher für Wand- und Deckeneinbau. Der Vorführraum war akustisch nicht optimal, dient aber auch für Installations-Trainings und weniger für Hörproben. Wir waren dennoch sehr beeindruckt.
Die dritte Vorführung war ein Hochgenuss. Sie brachte Dalis Klangphilosophie auf den Punkt: Allen Unkenrufen zum Trotz ist Dali der Überzeugung, dass auch Schallwandler instrumentale Qualitäten aufweisen müssen, um ein natürliches Musikerlebnis zu ermöglichen. Dali vergleicht das gerne mit Violinen: Alle Violinen klingen wie Violinen – aber es klingen eben nicht alle gleich schön. Materialwahl, Erfahrung und das Handwerk machen den Unterschied.
Vorführung und Besichtigung der Phantom-Custom-Install-Lausprecher Phantom S-80 und S-280.
Dali Epicon- und Rubicon-Lautsprecher im Vorführraum.Callisto
Das Callisto-System steht kurz vor der Markteinführung. Die Prototypen klangen überaus vielversprechend.Mit Callisto geht Dali neue Wege in die bereits klar erkennbare Richtung von HiFi-Systemen, die aus weniger Komponenten bestehen und die in Wohnräumen flexibler und einfacher eingesetzt werden können. Die Betonung liegt auf HiFi. Lautsprecher-Hersteller mit Tradition leiden ganz allgemein darunter, dass das authentische, ergreifend emotionale Musikerlebnis bei vielen mitunter populären Lösungen nur noch herbeigeredet wird.
Wer vor Callisto sitzt, sitzt vor 2 Standlautsprechern und dem Sound Hub. Im ersten Moment sieht es so aus wie immer. Die sichtbare Erscheinung der Callisto-Lautsprecher unterscheidet sich nicht von Lautsprechern, wie wir sie kennen. Form follows Function. Man verzichtet auf Extravaganzen.
Eigenschaften
Die Lautsprecher sind aktive Zweiweg-Systeme mit einer digitalen Frequenzweiche und einem DSP, das sehr moderat, vielleicht sogar etwas sehr vorsichtig eingesetzt wird. Sie werden wireless vom Sound Hub versorgt mit 24Bit/96kHz. Die Wireless-Verbindung arbeitet autonom und ist nicht von einem WLAN abhängig. Der Übertragungsstandard (Protokoll) ist eine Variante von Clearnet.
Die Callisto-Lautsprecher können auch analog angesteuert werden in Verbindung zu einem Vorverstärker oder einer Quelle mit regelbarer Lautstärke.
Der Sound Hub ist ein Streaminggerät mit integrierter Bluesound-Technologie und allen Möglichkeiten, die sich damit ergeben (Roon End Point, Bluetooth Aptx HD Audio, Streamingdienste, Google Chromecast usw.). Die digitale Lautstärkenregelung von Bluesound ist aber nicht in Betrieb. Das Ausgangssignal ist fix und wird in der Digital Domain der Lautsprecher geregelt.
Dazu gesellen sich allerlei spannende Bedienungseffekte, die nicht klangrelevant sind, aber heute einfach dazugehören. Man kann die Lautstärke nicht nur mit dem Smartphone oder am Sound Hub regeln, sondern auch, indem man mit der Hand über die Oberseite der Lautsprecher wischt. Die Lautstärke wird visuell an den Lautsprecher an einer LED-Balkenanzeige sichtbar.
Klang
Beeindruckend an der Vorführung war die grosse, souveräne Klangbühne, die exakte und natürliche Platzierung der Instrumente und Stimmen sowie das klare, transparente und jede Aggressivität vermissende Klangbild. Die Phasen und Zeitverhältnisse schienen mir richtig. Das führte zu einem recht breiten, tonalen Sweetspot.
Der Bassbereich wirkte raumbedingt noch etwas suboptimal Raummoden-geplagt. Trotz aktiver Technologie arbeiten die Lautsprecher nach dem Bassreflex-Prinzip mit rückseitiger Position des Reflexrohrs. Die Lautsprecher verlangen wie gewohnt eine sorgfältige Aufstellung. Es handelte sich allerdings noch um den Prototypen, der bis zur Markteinführung noch optimiert wird.
Positionierung im Markt
Mit einem Systempreis von ca. 4100 Euro will Dali mit Callisto vor allem moderne, audiophile Musikhörer ansprechen, Leute, die sich heute eher ein kabelloses Lifestyle-Audiosystem mit fraglicher Klangqualität aber hohem Bedienungskomfort gönnen. Der Systempreis ist bei der gehörten Klangqualität eine ernsthafte Kampfansage.
Fazit
Die Erweiterung für Fabrikation und Logistik wird bald fertiggestellt sein. Dali hat den Mut, als quasi Inhabergeführtes Unternehmen mit einem grossen Hauptaktionär auf Expansion zu setzen. Zu den traditionell kleinen Optimierungsschritten kommen also auch noch ein paar ganz grosse hinzu.
Ich wage die Prognose, dass Dali auch in 20 Jahren grossartig klingende Lautsprecher bauen wird – wie immer Lautsprecher in 20 Jahren aussehen und funktionieren mögen.